Nichtraucher leben gesünder als Raucher. Nichttrinker wohl auch, zumindest sparen sie die Nebenkosten für Taxi und Aspirin. Nichtfleischesser sind ethisch mit sich im Reinen.

Es gibt noch einiges andere, das nicht zu tun als Vorzug eines mit Bedacht geführten Lebens gelten darf; Nichtzuvielfernsehschauen beispielsweise. Aber die Trias aus Nichtrauchen, Nichttrinken und Nichtfleischessen repräsentiert am deutlichsten jene Abstinenzmentalität, die sich wachsender gesellschaftlicher Zustimmung erfreut. Dies ist eine neutrale Feststellung und kein Plädoyer fürs Zigarettenrauchen, Alkoholtrinken oder Fleischessen. Wer es ernsthaft hielte, leugnete das hohe Krebsrisiko der Raucher, die Qualen der Trunksucht, die Barbarei der Fleischfabriken. Dies alles vor Augen zu haben, gebietet die Vernunft. Aber sie gebietet auch etwas anderes, nämlich die Frage, was es für die Emotionslage einer Gesellschaft bedeutet, wenn sie Abstinenz, also das Nichttun von etwas, das Unterlassen kultureller Gewohnheiten zur letzten realisierbaren Utopie erhebt.

Man kann die Frage auch zuspitzen: Liegt in der Vorstellung einer Gesellschaft, die sich den individuellen und sozialen Innendruck beständiger Verzichtsdisziplin zumutet, nicht etwas ausgesprochen Bedrohliches? Kann man nicht die Uhr danach stellen, wann sich dieser Druck, der den Einzelnen zum Feind seiner selbst, zum immerzu nicht genügend verzichtsfähigen Ich-Gegner macht, ein Außenventil sucht? Dass Abstinenz, wie ihr Gegenteil, der Überkonsum, eine Tendenz zum Zwanghaften besitzt, wird begreifen, wer amerikanische Therapieprogramme mit dem Lernziel »sexuelle Abstinenz« studiert. Safer Sex gilt hier als die zweitbeste, Nichtsex als die beste Lösung im Kampf gegen Aids.

So weit sind wir hier noch nicht. Aber weit genug, dass die Literatur auf das Thema reagiert. Es dürfte kein Zufall sein, dass in diesem Frühjahr zur gleichen Zeit zwei erzählende Essays erscheinen, die sich mit unseren Lieblingslastern beschäftigen. Das eine Buch stammt von dem Schriftsteller Gregor Hens, Jahrgang 1965, und hat den Titel Nikotin . Das andere stammt von dem Publizisten Peter Richter, Jahrgang 1973, und heißt Über das Trinken.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Bücher schon deshalb, weil sie von gegensätzlichen Konsumentscheidungen ausgehen. Der eine Autor raucht nicht mehr. Der andere wird das kommende Wochenende nicht ohne einen guten Schluck aus seinem Weinklimaschrank verbringen. Gregor Hens, der in der Kindheit mit dem Rauchen begann, Jahre und Jahrzehnte wegrauchte, was ihm in die Finger kam, hat aufgehört damit. Er berichtet von acht hinter ihm liegenden ohne eine einzige Zigarette verlaufenen Monaten. Dass das nichts heißt, weiß er natürlich. Wer die Zigaretten einmal so sehr geliebt, mit allen Symptomen schwerer Sucht gebraucht hat, bleibt ihrem Reiz verfallen, wenn auch im Passivitätsmodus eines Mannes, der die Nummer der Exgeliebten im Handy löscht, um sie nicht mehr anrufen zu können. Der Suchtfaktor von Zigaretten ist dem von Heroin erwiesenermaßen ebenbürtig. Nur die gesundheitlichen Schäden sind nicht ganz so krass. Gregor Hens beschönigt hier nichts. Im Gegenteil, eine der Qualitäten seines Buches ist Schonungslosigkeit, die er allerdings, worin eine weitere Qualität liegt, nicht auf Verwerflichkeit und Wohlverhalten seiner Mitmenschen anwendet, sondern ausschließlich auf sich. Auf die Selbststudie einer Fixierung, die ihn fast sein gesamtes Leben begleitet, die, genauer gesagt, ihn und sein Leben beherrscht hat. Hens lässt nichts aus. Er erzählt vom Fehlschlag zahlloser Aufhörversuche, die am Nachmittag mit dem heroischen Entschluss: Dies war meine letzte Zigarette, beginnen und am Abend mit dem Umkippen des Mülls enden, in dem sich die kürzlich entsorgte, nun eingesaute Zigarettenschachtel befindet. Er erzählt von Atemnot und Selbstekel, er unterschlägt nicht den demütigenden Selbstbetrug jedes Süchtigen. Aber ebenso wenig unterschlägt er den herrlichen Gewinn an Intensität, an Lust- und Lebensgefühl, der sich dem Nikotinkick im Gehirn verdankt.