Wenn Sibukele Gumbo in ihr Labor fährt, muss sie eine Grenze überqueren. Es ist eine Grenze ohne Schlagbaum, sie verläuft nicht zwischen Staaten und folgt keiner genau definierten Linie – nur die Straße wird bei Idutywa holpriger und führt tiefer hinein in das wellige Grasland der Wild Coast, eines Küstenlandstrichs der Eastern-Cape-Provinz in Südafrika, mitten im ehemaligen Homeland Transkei. »Welcome to information-locked country«, sagt Gumbo, als wir von der asphaltierten Hauptstraße auf eine zerfurchte Lehm- und Schotterpiste abbiegen – willkommen in einem Land, das vom modernen Informationsfluss ausgesperrt ist. Das Ziel der Informatikerin ist es, diese unsichtbare Grenze aus der Welt zu schaffen, die zwischen der Wild Coast und der Informationsgesellschaft verläuft.

Die nächste Anhöhe gibt den Blick frei über Hügel, auf denen silbrig-grünes Gras wogt. Sie sind gesprenkelt mit Rundhütten in Hellblau, Minzgrün und knalligem Lila. Dazwischen trotten Kühe und Ziegen auf schmalen Trampelpfaden. So idyllisch die Landschaft, so zerrissen die soziale und wirtschaftliche Realität. In den Homelands war die schwarzafrikanische Bevölkerung zu Zeiten der Apartheid weitgehend ausgeschlossen von der Entwicklung des restlichen Südafrikas. Heute sind in der Region bis zu 90 Prozent der mehrheitlich dem Volk der Xhosa angehörenden Menschen arbeitslos oder arbeiten nur gelegentlich. Das Durchschnittseinkommen, das hauptsächlich aus Rentenzahlungen, Sozialhilfe und Überweisungen abgewanderter Verwandter besteht, liegt bei etwas mehr als 90 Euro pro Monat, die Versorgung mit fließendem Wasser und Strom ist die Ausnahme.

Seit mehr als einer Woche ist das Vorzeigeprojekt offline

Sibukele Gumbo und ihre Kollegen vom Exzellenzzentrum der südafrikanischen Telekommunikationsgesellschaft Telkom SA wollen den Menschen hier nun neue Chancen auf soziale und wirtschaftliche Teilhabe verschaffen – durch den Anschluss an das weltweite Handy- und Datennetz. Dazu haben sie ein »Living Lab« eingerichtet, eine Art Testlabor, in dem Forscher Innovationen unter Einbindung der künftigen Nutzer entwickeln. Das Siyakhula Living LabSiyakhula bedeutet in der lokalen Sprache isiXhosa »wir wachsen zusammen« – umfasst fünf Schulen und die Dörfer in ihrem Einzugsgebiet, alles zusammen 25 Quadratkilometer, die von 25.000 Menschen bewohnt werden.

Projekte wie dieses gibt es bereits seit den 1990er Jahren. Doch mit dem rasant steigenden Zugang zu Internet und Mobiltelefonie in den sogenannten Entwicklungsländern können sie nun im breiten Maßstab umgesetzt werden. Es hat sich eine richtige Szene gebildet, in der Weltkonzerne wie Nokia, Microsoft oder SAP, globale Finanz- und Wirtschaftsorganisationen, Regierungsinstitutionen und eine unüberschaubare Menge an Start-ups und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) engagiert sind. Das Kürzel für den Trend: ICT4D – Information and Communication Technologies for Development.

Ob Gesundheitsversorgung, Anschluss an Wirtschaftskreisläufe, Bildung oder demokratische Teilhabe – für jedes Problemfeld auf der Entwicklungsagenda gibt es passende Online-Anwendungen: Bauern verkaufen ihre Kartoffelernte per Handy über eine Handelsplattform direkt an Gastronomen. Slumbewohner koordinieren ihre Einkäufe per SMS über einen zentralen Server. Privatpersonen vergeben per Mausklick Mikrokredite. »Die Revolution der Informationstechnologie fängt gerade erst an«, prophezeit Philippe Dongier, Leiter des Sektors für Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) bei der Weltbank. »In ein paar Jahren wird die Mehrheit der Afrikaner, Lateinamerikaner, Südasiaten und Menschen anderer Entwicklungsländer einen kleinen mobilen Computer zur Hand haben – verbunden mit dem Internet.«