Ethikberater Alltägliches Dilemma
Die moderne Heilkunst stellt Ärzte und Angehörige vor heikle Fragen. Ethikberater helfen bei der Entscheidung.
Die kleine Runde, die im Aufenthaltsraum der Station zusammengekommen ist, muss heute über Leben oder Tod befinden. Auf dem Tisch steht eine Vase mit Plastikblumen, in der Ecke ein Fernseher. Hier hat der Patient jeden Samstagabend die Bundesliga verfolgt – als er es noch konnte. Jetzt liegt er zwei Zimmer weiter im Koma, künstlich ernährt und beatmet, aufgedunsen und bleich.
Wie lange darf oder muss der alte Mann zwischen den Welten ausharren? Dürfen die Ärzte ihm das Sterben erleichtern, indem sie die Behandlung beenden? Oder müssen sie im Gegenteil versuchen, sein Leben mit neuen Medikamenten und weiteren Maschinen zu erhalten, solange es geht? Auf diese Fragen suchen der verantwortliche Arzt, zwei Schwestern, eine Psychologin sowie der Ethikberater der Klinik an diesem Vormittag gemeinsam eine Antwort. Ethikkonsil nennt sich die Zusammenkunft im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld. Sie wird immer dann einberufen, wenn heikle Entscheidungen anstehen über Würde und Willen eines Patienten, Leben und Sterben.
Der Krankenhausalltag kennt heute viele solcher Dilemmata. Geburtshelfer können Kinder in der 22. Woche lebend zur Welt bringen, manche Frau will nach einer pränatalen Diagnostik eine späte Abtreibung, und Greise können trotz versagenden Herzens, Lunge oder Nieren noch lange leben dank Maschinenhilfe. Immer wieder stellt sich die Frage, ob die moderne Heilkunst alles darf, was sie kann. Und ob Ärzte, Pflegepersonal, Angehörige das wollen. Selten geben alle Betroffenen die gleiche Antwort.
Im Gefolge des medizinischen Fortschritts zieht, wenn auch zögerlich und gegen Widerstände, eine professionelle Ethik in die deutschen Kliniken ein. Im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld ist Klaus Kobert dafür zuständig, seit sechs Jahren ist er hauptberuflicher Ethikberater der Klinik, die zu den Von Bodelschwinghschen Stiftungen gehört. Lange Zeit hatte der Mediziner zuvor als Anästhesist und Oberarzt auf einer Intensivstation gearbeitet, an den »medizinischen Grenzen«, wie er sagt. Noch heute befällt ihn manchmal Wehmut, wenn er am OP-Saal vorbeikommt und sich an das Drama einer Operation erinnert oder an die Freude, einem Menschen das Leben gerettet zu haben.
Heute hilft Kobert, die ethischen Grenzlinien in seiner Klinik zu ziehen. Der drahtige Mann mit der ruhigen Stimme leitet das Ethikkomitee des Hauses; er entwickelt gemeinsam mit den medizinischen Abteilungen ethische Leitlinien, schult Mitarbeiter und führt die Fallgespräche in Situationen, in denen sich Ärzte und Schwestern überfordert fühlen.
Eine Stunde lang will das Team heute über den alten Mann sprechen. Der Termin steht schon seit der vergangenen Woche fest. Oft muss es schneller gehen, muss der Ratschlag sofort kommen. Deshalb trägt Klaus Kobert sein Handy immer bei sich. Jetzt liegt es vor ihm auf dem Tisch neben Notizblock und Stift. Jedes Fallgespräch folgt einem strengen Ablauf. Erst skizziert der Arzt nüchtern und ohne Bewertung die Diagnose. Dann schildert jeder seine Sicht auf den Patienten. Am Ende kommt die Runde zu einer Empfehlung.
»Werner Zeise*, 83 Jahre, vor neun Monaten bewusstlos mit einem schweren, chronischen Lungenleiden ins Krankenhaus eingeliefert«, sagt der Oberarzt. Dank Dauerbeatmung und Medikamenten habe sich der Patient wieder gefangen und »in den Rollstuhl mobilisiert werden« können. Nach einem neuen Infekt der Atemwege ist er nun seit vier Wochen nicht mehr ansprechbar, die Nieren arbeiten nur noch schwach.
Einen jüngeren Patienten hätte er schon längst auf die Intensivstation verlegt, sagt der Mediziner. Bei Werner Zeise jedoch plagen ihn Zweifel. »Mehr als zehn Prozent Überlebenschance würde ich ihm nicht geben«, sagt der Arzt. Für den Mediziner ist das wenig, für die Ehefrau des Patienten viel. Sie fordert die Maximaltherapie. Jeden Tag besucht sie ihren Mann. Kann sie einmal nicht ins Krankenhaus kommen, telefoniert sie mit der Station. Vor einigen Jahren hatten Ärzte ihren Mann schon einmal aufgegeben. Doch wider Erwarten erholte er sich. Diese Erfahrung hat die Frau argwöhnisch und unnachgiebig gemacht. Auch deshalb findet das Ethikkonsil – anders als in vergleichbaren Fällen – ohne sie statt. »Ein Fallgespräch braucht Vertrauen und Offenheit«, sagt Kobert. Sonst mache es keinen Sinn.
- Ethikalltag in deutschen Kliniken
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1962 zeigte die amerikanische Zeitschrift »Life« die Silhouetten einiger Männer, die an einem Tisch sitzen. »Sie entscheiden, wer leben und wer sterben wird«, stand über dem Bild. Damals hatten US-Krankenhäuser gerade zum ersten Mal Dialysegeräte bekommen. Und das anonyme Gremium an einer Klinik in Seattle musste entscheiden, wer von den Dutzenden Nierenkranken die künstliche Blutwäsche in Anspruch nehmen durfte: ein Mann oder eine Frau, ein Weißer oder ein Schwarzer, ein junger oder ein alter Mensch.
»Der Rat Gottes« (»The God Committee«), so der Name eines späteren Theaterstückes, gilt als Vorläufer der heutigen Ethikkomitees. In den USA muss seit Langem jedes Krankenhaus über ein solches Gremium verfügen, die meisten Ärzte dort haben es schon einmal angefordert.
Deutsche Krankenhäuser entdecken erst jetzt die klinische Ethik. Zwar gibt es mittlerweile überall Ethik-»Kommissionen«. Diese müssen Forschungsvorhaben an Patienten genehmigen. Über etablierte Ethik-»Komitees« dagegen, die Probleme aus dem Klinikalltag beraten, verfügen erst rund zehn Prozent der Krankenhäuser, schätzt Andreas Frewer, Medizinethiker am Universitätsklinikum Erlangen. Die meisten dieser Kliniken haben einen katholischen oder evangelischen Träger. Selbst an der Berliner Charité, der größten und traditionsreichsten deutschen Klinik, fehlt ein solcher Rat bislang. Und nur in ganz wenigen Häusern kümmert sich, wie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld, ein Ethiker hauptamtlich um das Thema. »Im Klinikalltag werden immer noch Entscheidungen aus dem hohlen Bauch gefällt«, kritisiert Gerald Neitzke, seit vielen Jahren Ethiker an der Medizinischen Hochschule Hannover. »Es gibt viele Leitlinien für eine gute medizinische Versorgung. Aber in der moralischen Urteilsfindung arbeiten wir weit unter dem professionellen Niveau.«
Mal sind Interessenkonflikte das Problem, mal der Mangel an geschultem Personal. Meist jedoch fehlt schlicht der Wille, das Geld für den Aufbau eines Ethikkomitees aufzuwenden. Vielerorts erledigen Schwestern, Pfleger oder Ärzte diese Aufgabe deshalb praktisch nebenher.
Dabei erhöhen Komitees nicht nur die Arbeitszufriedenheit von Ärzten sowie Pflegepersonal und verhindern juristische Streitigkeiten. Langfristig helfen die Gremien auch, Geld zu sparen. Das hat Lawrence J. Schneiderman von der University of California in San Diego in einer Studie gezeigt. Er verfolgte eine große Zahl von Fällen, die in Ethikkomitees behandelt wurden, und fand heraus, dass die »Konsultationen Kosten gespart haben, ohne die Qualität der Behandlung zu reduzieren«.
- Datum 27.04.2011 - 14:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.4.2011 Nr. 17
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...ist das sich zu wenig Meschen sich mit ihren eigenen Tod auseinandersetzen.
Ich bin 41 und die Chancen stehen nicht schlecht das ich nochmal so lange lebe (auf Holz geklopft:-)), trotzdem weis meine Frau was ich will wenn etwas passier und ich weis was meine Frau will.
Ich habe das gemacht damit meine Frau nicht ohne meine Wuensche zu kennen entscheiden muss, denn ich will nicht, im umgekehrten Fall, ganz allein vor der Entscheidung stehen ob meine Frau weiterbehandelt werden soll oder nicht, ohne zu wissen was meine Frau will.
Das Gespraech dauert hoestens eine halbe Stunde, so viel Zeit und Verantwortung sollte jeder haben.
ist zu kurz gedacht. Es kommt immer auf den Grad der Behinderung an. Ich habe mit behinderten Kindern gearbeitet und viele von ihnen waren richtige Schätze. Kinder mit Down-Syndrom beispielsweise sind sehr liebenswert, mehr als manche 'normalen', aber völlig verzogenen Kindern, mit denen in der Familie keiner mehr fertig wird.
Andererseits wird alles für Frühchen getan, wobei man auch oft feststellen kann, daß diese Spätschäden aufweisen, die den Umgang mit ihnen extrem schwierig machen. Sollte aber jemand vorschlagen, ein Kind im Brutkasten sterben zu lassen, wäre er sofort und automatisch ein Monster. In der Regel bleiben die betroffenen Eltern später mit den Problemen allein - die gesellschaftliche Solidarität geht gegen Null.
Eine endgültige Entscheidung können sowieso nur die betroffenen Eltern treffen. Das finde ich auch richtig so, denn sie sind diejenigen, die sich auch später mit dem Kind befassen müssen.
ist der Kranke allein.
Ein Bekannter war nach Reanimation ins Koma gefallen. Nach einigen Tagen an der Herzlungenmaschine beschloss der Primararzt, diese abzuschalten, da es keine Besserung mehr geben könnte. Der Patient rang verzweifelt (im Koma) nach Luft. Arzt: das dauert nur noch max. ein paar Stunden. Die Familie verlangte das Wiederanhängen an die Maschine. Der Patient blieb ein paar Tage an der Maschine, wurde dann entwöhnt und lebte, ohne Maschine, noch zweieinhalb Jahre. Im Koma zwar (und mit Magensonde), aber im Kreis der Familie und umsorgt. Er wurde behandelt wie ein normaler Mensch, und er hat, wenn er wach war, alles um sich mitbekommen.
Als er selbst so weit war, sterben zu können (und vielleicht zu wollen), hat er es getan.
So sollte gelebte Achtung vor dem menschlichen Dasein aussehen.
Welches Glück auf jemanden mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung wartet, ist nicht zu letzt eine Frage der Perspektive. Ich finde es dreist einem ungebohrenen Leben das Recht von vornherein abzusprechen, Glück empfinden zu können.
Gesunde Menschen neigen dazu mit einer gewissen Arroganz auf Kranke zu blicken. Das ist nicht böswillig gemeint, denn meist kann man sich schlicht nicht vorstellen, wie das Leben mit einer Behinderung ist. Aber zu glauben, dass Menschen mit Behinderung oder Krankheit kein Lebensglück empfinden ist definitiv falsch.
Der Ulmer Neurologe Prof. Dr. Ludolph, einer der führenden ALS-Forscher weltweit, mit dem ich mich auch schon persönlich darüber unterhalten konnte, hat mit Kollegen eine Studie zum Thema Lebensglück von ALS-Patienten gemacht.
ALS-Patienten, verlieren mit fortschreitender Erkrankung die Kontrolle über ihren Körper und sind letzlich "locked in": Sie können Berührungen fühlen, sich aber (bis auf die Augen) nicht mehr bewegen.
Das interessante Ergebnis war (verkürzt dargestellt), dass außenstehende Verwandte eine deutlich geringere Lebensqualität für die Betroffenen geschätzt haben, als die Patienten selbst.
Kurz: Man kann Lebensqualität in einer bestimmten Situation erst dann richtig einschätzen, wenn man selbst in der Situation ist.
Ein zusammenfassendes Schlusswort von Prof. Ludolph zu der Studie im Deutschen Ärzteblatt:
http://www.aerzteblatt.de...
der patient muss selbst entscheiden.
"Doch selbst wenn ein schriftlicher Wille vorläge, würde das Papier das Ethikkonsil wahrscheinlich nicht ersetzen."
Ein insgesamt gut geschriebener Artikel, aber der obige Satz hat mich sehr gestört ! Bei zweideutigen Willensbekundungen mag das gelten, wie bei dem beschriebenen Fall. Wenn jemand keine Lebensverlängernde Maßnahmen wünscht, sollte der Patientenwille aber unbedingt gelten. Da sollte sich weder Arzt noch Angehöriger (geschweige denn kirchlicher Träger) anmaßen, nach eigenen Ethik- bzw. Moralvorstellungen diesen Willen um zu deuten.
Es wird höchste Zeit, den Tod langsam mal wieder zu Enttabuisieren, und eine objektive Diskussion darüber zu fuhren.
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