Martenstein "Darf die Bucklige etwa nur einen buckligen Mann haben?"
Unser Kolumnist Harald Martenstein über die Partnerwahl von alten Kerlen und älteren Damen
Frau B., berühmt und begütert, hat einen fünfzig Jahre jüngeren Liebhaber. Die Frage ist: Warum machen junge Männer das mit? Warum finden sich Freiwillige, die alten Frauen über die schütteren Haare streichen, die gelifteten Wangen tätscheln, ihren Altfrauenatem ertragen? Und sie, so vermute ich mal, beglückt ansehen. Die Antwort ist sehr einfach: Weil der Nutzen größer ist als der Ekel.
Für diese Zeilen bitte ich um Verzeihung. Sie stammen nicht von mir, sondern von einer Kolumnisten-Kollegin, die sie auf Spiegel Online veröffentlicht hat, in Zusammenhang mit dem Tunichtgut Silvio Berlusconi. Ich habe im ersten Absatz, ab dem zweiten Satz, einfach nur »Männer« durch »Frauen« ersetzt.
Über alte Männer darf man so schreiben, das ist Mainstream. Über alte Frauen darf man nicht so schreiben, außer vielleicht, man heißt Wagner und ist bei der Bild- Zeitung. Ich finde, das ist, in beiden Fällen, dummes Zeug. Junge Menschen sind in der Regel knackiger als alte, sie tragen kleinere Kleidergrößen, gewiss. Aber Paare finden ja aus allen möglichen Gründen zusammen, zum Glück nicht nur wegen der Schönheit der Körper. Zum Glück sind auch die Geschmäcker verschieden, und nicht jeder findet das Gleiche schön. Jeder kennt Paare, die nach den gängigen Mainstream-Kriterien mit recht unterschiedlicher körperlicher Anziehungskraft gesegnet sind und die trotzdem miteinander glücklich zu sein scheinen.
Darf die Bucklige etwa nur einen buckligen Mann haben, gleich zu gleich, ist alles andere skandalös? Ist es wirklich ehrenwerter oder romantischer, sich zu jemandem wegen eines Waschbrettbauches oder eines wohlgeformten Hinterteils hingezogen zu fühlen als wegen anderer Eigenschaften, sagen wir, geistiger oder charakterlicher Eigenschaften, wegen einer Aura oder sogar wegen des Geldes, also wegen des Lebensgenusses, die eine solche Person einem verschaffen kann? Auch das ist Geschmackssache. Ich möchte da nicht den Richter spielen. Eigentlich herrscht doch bei uns der vernünftige Konsens, dass man als Erwachsener alles Mögliche sein darf, solange niemand bleibende Schäden davonträgt – schrill, schwul, masochistisch, Philatelist oder metrosexuell, dann lasst doch die alten Kerle in Ruhe. Ihr hackt sowieso bloß deswegen auf ihnen herum, weil sie Männer sind. Bei einer alten Frau würdet ihr das Gleiche toll finden, »Recht auf Sexualität im Alter«, »selbstbestimmtes Leben«, »mutige Frau«, von solchen Formulierungen wurde es in euren Texten nur so wimmeln. Weil es immer mehr Frauen in Führungspositionen gibt, wird es in Zukunft auch immer mehr junge Liebhaber geben, das steht fest. Und Berlusconi ist nicht wegen seines Jugendwahns eklig, Johannes Heesters und Simone Rethel, 45 Jahre Unterschied, das ist doch auch okay. Berlusconi ist eklig, weil er es mit minderjährigen Prostituierten getrieben und seine Macht missbraucht haben soll und weil er sein Land wie eine Privatfirma betreibt. Berlusconi wäre auch abzulehnen, wenn er privat so unauffällig leben würde wie Thomas Gottschalk.
Ich bin übrigens wirklich gerne mit jungen Menschen zusammen, ich mag die. Sie sind so frisch und rosig, sie riechen so gut. Aber ich bin niemals mit einer exorbitant jüngeren Frau zusammen gewesen, ich bin, was den Altersunterschied betrifft, stets unter der 20-Jahre-Schicklichkeitsgrenze geblieben. Irgendwie reizt mich das nicht, mit den jungen Dingern, ich finde offenbar Lebenserfahrung sexy. Mein Vater tickt da anders. Ich bin aus der Art geschlagen, oder es ist was Hormonelles.
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- Datum 20.04.2011 - 08:00 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 20.4.2011 Nr. 17
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Würde im Frauenstatut der Grünen genau so verfahren wie im ersten Satz (die Worte Frau und Mann vertauschen), was die Aussagen nicht schlechter macht, meinte man sich entschuldigen zu müssen. Es eignet sich, genau so zum Tausch der Begriffe, wie hier der erste Satz.
Immerhin ist das Frauenstatut aber Satzungsbestandteil und (fast) jeder findet es bei den Grünen normal.
- bedingtes Redeverbot für Männer
- Vetorecht für jede ENtscheiung für Frauen
- mindestens 50% Listenplätze für Frauen und maximal 50% für Männer
- Das Recht 100% der Plätze in Führungsgremien zu besetzen für Frauen, für Männer jedoch nicht
Ist das Demokratie??
Die Gesellschaft hat sich an diese unterschiedlichen Wertungen gewöhnt.
Begrüßenswert, dass mindestens einer darüber schreibt.
Denk ich mir:
"Marten" mag "Stein".
Marten (normal, jung, clever, reisefähig, sprachlich interessiert.
"Stein": alt, dumm, dösig, bräsig, schwer verschiebar, immobil.
Treffen sich an einem günstigen Nachmittag (ohne Manuskript-Ablieferungstermin!) an der Spree oder am Rhein oder an der Leine oder am Sonstwo-Schön:
"Machen wir einen Schreibversuch", sprach Marten zum Stein. Der antwortete nicht, dachte aber für sich, aber unhörbar jedem Un-Stein: "Die Not lehrt den nackten Stein das spruchreife Spinnen."
Er wurde aber weggekickt ins Unerhörte!
Ich finde die Artikel (dieser Artikel) sollten in andere Sprachen übersetzt werden, zumindest in spanisch und englisch; italienisch vielleicht auch. Es findet sich sicher ein Kolumnist der für eine italienische Zeitung schreibt und dessen Texte auch in Deutschland lesenswert wären, eine Art Journalistisches "Intercambio"
Wiedermal sehr gut beobachtet und schön zu lesen. Danke.
Ich habe seinerzeit bei zeit-online einen Beitrag verfasst ("Gerechtigkeit für den Mann"), in dem ursprünglich (in der Realität)die Frau die agierende war, ich jedoch aus Neugier (klammheimlich) einen Geschlechterrollenwechsel vornahm. Die spannende Kommentarwelle zeigte dann allerdings, das es nicht so ganz funktionierte ...
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