MeteorologieDer verflixte Tag

Der Meteorologe Alexander Hübener über das Scheitern langfristiger Wetterprognosen von Claudia Füßler

DIE ZEIT: In der »Hamburger Erklärung« haben Sie und einige Kollegen sich von Meteorologen distanziert, die detaillierte Langzeitprognosen abgeben. Warum, das ist doch Ihr Job?

Alexander Hübener: Es kommt immer häufiger vor, dass auch Diplom-Meteorologen sehr konkrete langfristige Prognosen abgeben. Es werden sogar schon Temperaturkurven für den kommenden Sommer veröffentlicht. Natürlich glauben die Menschen das, schließlich kommen die Aussagen ja von Experten. Doch so etwas schadet dem Ruf unserer Branche. Denn hinterher kommen die Leute und zeigen mit dem Finger auf alle Meteorologen: Na, wo ist denn euer Saharasommer? Oder der Jahrtausendwinter, den ihr vorhergesagt habt?

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ZEIT: Sie fürchten um das Image Ihres Fachs?

Alexander Hübener
Alexander Hübener

Der Meteorologe Alexander Hübener ist Geschäftsführer des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation und Veranstalter des Hamburger Extremwetterkongresses.

Hübener: Auch. Aber es geht grundsätzlich darum, dass der Öffentlichkeit von – einigen wenigen – unseriös arbeitenden Kollegen etwas völlig Falsches suggeriert wird. Es entsteht der Eindruck, wir könnten tatsächlich solche Vorhersagen machen. Aber da werden schon unsere technischen Möglichkeiten weit überschätzt. Überlegen Sie mal: Wir brauchen, allein um das Wetter von morgen für Hamburg, Osnabrück oder Wernigerode vorhersagen zu können, Daten aus der ganzen Welt. Die Rechner füllen ganze Lagerhallen. Alle sechs Stunden werden neue Modellergebnisse berechnet. Und die können alle sechs Stunden ganz anders aussehen, weil das Wetter so komplex ist.

ZEIT: Sie wissen also nicht, wie dieser Sommer wird?

Hübener: Nein. Wir sind schon froh, dass wir das Wetter in fünf Tagen mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 70 bis 80 Prozent vorhersagen können – so sicher konnte man 1960 gerade mal den nächsten Tag prognostizieren. Bei Vorhersagen für die nächsten 24 Stunden liegen wir heute bei 98 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit. Das bedeutet aber pro Jahr immer noch sechs bis sieben Fehlprognosen für das Wetter am nächsten Tag.

ZEIT: Und auf längere Sicht können Sie wirklich gar nichts vorhersagen?

Hübener: Natürlich gibt es Prognosen. Die sind aber sehr viel allgemeiner, als sich das jemand wünscht, der seinen Urlaub planen will. Wir können zum Beispiel sagen: Der Juni in Norddeutschland wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent zwischen 0 und 3 Grad Celsius wärmer als das langjährige Mittel. Aber Vorhersagen für bestimmte Orte, Wochen oder gar Tage – das ist aktuell in der Meteorologie nicht möglich.

ZEIT: Wird es irgendwann mal möglich sein?

Hübener: Wohl kaum. Wenn man sich anschaut, was sich in den vergangenen fünfzig Jahren in unserer Wissenschaft getan hat, dann ist das schon sehr viel. Wenn es so weitergeht, können wir vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren den siebten Tag so gut abbilden wie heute den dritten. Natürlich ist es das Ziel, die Vorhersagen stetig zu verbessern und auszubauen. Aber dass wir jemals das Wetter in ein paar Monaten vorhersagen können, das bezweifle ich.

ZEIT: Sie müssen also damit leben, dass Sie einen hochgradig unsteten Forschungsgegenstand haben.

Hübener: Absolut. Und das zeigt sich nicht nur darin, dass detaillierte langfristige Vorhersagen nicht möglich sind. Die Trefferwahrscheinlichkeiten, die wir für die kommenden fünf Tage haben, hängen auch sehr stark von der aktuellen Wetterlage ab. Wir können viel besser prognostizieren, wenn wir uns gerade in einem ruhigen, stabilen Kern eines Hochdruckgebietes befinden, als wenn eine Gewitterlage herrscht.

ZEIT: Statt mühselig Zigtausende Daten für unsichere Prognosen zu berechnen – könnte man sich nicht an die Bauernregeln halten?

Hübener: Das ist eher eine schlechte Idee. Die Regeln fußen zwar auf Erfahrungswerten. Allerdings stammen sie teilweise aus sehr unterschiedlichen Regionen, sodass man sie nicht immer überall adaptieren kann. In den meisten Gebieten liegt die Trefferwahrscheinlichkeit nur bei 60Prozent, damit kann man keine vernünftigen Vorhersagen machen.

ZEIT: Wenn die Vorhersage eine so unsichere Sache ist, warum lassen Sie es nicht ganz?

Hübener: Weil die Zukunft viel zu spannend ist. Die Menschen wollen unsere Prognosen. Sie richten sich danach, planen mit dem Wetter. Das gilt sogar für ganze Wirtschaftszweige. Die Unternehmen in der Baubranche etwa sind höchst interessiert daran, zu wissen, ob es ein strenger Winter wird oder sie durcharbeiten können. Oder nehmen Sie die Energiebranche: Wie stark werden die Windräder in den nächsten Tagen gefordert sein? Wie viel Windenergie kann ins Netz eingespeist werden, und wie viel Strom muss aus anderen Quellen kommen? Deshalb arbeiten wir daran, langfristige Entwicklungen genauer berechnen zu können. Aber da stehen wir noch ganz am Anfang.

Das Gespräch führte Claudia Füßler.

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Leserkommentare
  1. Latif kann aber viel längerfristige Prognosen hinsichtlich
    Klima-Änderung verkünden.

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    Aber den Unterschied zwischen den Begiffen "Wetter" und "Klima" kennen Sie schon, oder? Ansonsten mal googeln ...
    Ein langfristiger, großräumiger Klimatrend ist durchaus prognostizierbar.
    Das Wettergeschehen dagegen läßt sich nur, wie im Artikel berichtet, auf etwa 5 Tage einigermaßen verlässlich vorhersagen.

    Ein Analogon:

    Wenn sie einen Würfel haben, dann können sie das Ergebnis des nächsten Wurfes nicht vorhersagen. Oder wenn Sie alle Eingangswerte kennen vielleicht so ungefähr. Das entspräche dem Wetter.

    Wenn Sie den Durchschnittswert der nächsten 10000 Würfe vorhersagen sollten, dann könnten Sie den Wert von 3,5 plusminus Streuung sehr leicht und sehr genau vorhersagen. Das entspräche dem Klima.

    Daß man wegen 5 Tage Wetterprognose keine Klimaänderungen über Jahrhunderte berechnen könne ist ganz grober Unfug. Das eine ist eine Integration der kurzlebigen Strömunsmechanik, das andere deren mittlere Reaktion auf einen durch Treibhausgase geänderten Strahlungshaushalt.

    Lesen Sie ruhig mal die in diesem Forum Ihnen bereits empfohlene Literatur.

    Sonst könnte ich es auch. Nur stimmen muss es deshalb nicht. Latif ist ein polemischer, unsachlicher, apokalyptischer Selbstdarsteller. Wer nicht seiner Meinung ist, O-Ton: "versteht nichts von der Physik des Klimas" - eine zutiefst wissenschaftliche Aussage - bzw. sah er voraus, dass, wieder O-Ton: "seine Aussagen über die Klimaentwicklung von bestimmten Seiten bewusst missverstanden werden“ (aus einem Interview aus 2009 mit Spectrumdirekt). Eine bösartige Unterstellung, bevor oder ohne die Argumente der Skeptiker resp. Kritiker überhaupt je gehört zu haben. Ebenfalls höchst "wissenschaftlich" und objektiv solch eine Ausage. In Wahrheit offenbart sie nichts weniger als die absolutistische Neigung eines angeblichen Mannes der Wissenschaft, wild um sich schlagend der Welt seine Wahrheiten und Theorien als absolut und endgültig verkaufen zu wollen. Nach der Philosophie des krititschen Rationalisten Sir Karl Popper sei man wachsam gegenüber Versuchen (was ich gerne erweitere um den Begriff "Menschen"), endgültige Theorien oder absolute Wahrheiten aufzustellen. Grundlegend in der Wissenschaft sei es, Aussagen immer wieder in Frage zu stellen, zu falsifizieren, um so zu einer Annäherung an die Wahrheit zu gelangen. Latif's gesamte Diktion enthält dagegen nur Superlative, kein "vielleicht", kein "möglicherweise". Wer ihn in Frage stellt, hat keine Ahnung vom Klima bzw. versteht bewusst alles falsch. Denn er allein ist der Prophet, und alle Zweifler sollen schweigen! [...]
    Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Wortwahl. Danke. Die Redaktion/wg

    • Guido3
    • 19. April 2011 12:44 Uhr

    98% für die richtige Vorhersage des nächsten Tages sind auch nur ein Wunschtraum oder die dabei angesetzten Toleranzen sind hoch.

    Das nicht mal das Wetter für den nächsten Tag zuverlässig vorher gesagt werden kann, lässt sich leicht beweisen. Man schauen einfach die Vorhersage von verschiedenen etablierten Wetterdiensten an. Wenn eine zu 98% richtige Vorhersage der allgemeine Stand der Wissenschaft wäre, dann sollten die Vorhersagen von verschiedenen Wetterdiensten weitgehend übereinstimmen. Es dürfte ja kein Wetterdienst ein Interesse daran haben, bewusst falsche Vorhersagen zu veröffentlichen.

    An mindestens 50 % aller Tage gibt es in den Vorhersagen aber gravierende Unterschiede. Ich rede da nicht von 1 °C mehr oder weniger, sondern mindestens 5°C Temparturunterschied in der Vorhersage und/oder großen Unterschieden hinsichtlich der Vorhersage von Bewölkung und Regenmengen.

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    • Jan96
    • 19. April 2011 13:45 Uhr

    ziemlich ungenau. Die Konfidenzintervalle werden mit der Zeit ganz schön groß. Tendenzen kann man scheinbar aufzeigen aber genaue Angaben sind es trotzdem nicht.

    • oleg89
    • 19. April 2011 14:19 Uhr

    Schauen sie sich doch den letzen gemessenen Wert an. Der liegt etwa bei 19°C. Der am selben Tag prognostizierte Wert liegt bei etwa 7°C.

    Außerdem kann man das Wetter nicht nur auf die Temperatur reduzieren. Vor allem für wetterempfindliche Branchen in der Wirtschaft und für erneuerbare Energien sind die Temperaturen meistens unwichtig. Dabei ist die Temperatur das, was man noch am einfachsten vorhersagen kann.

    So sieht es bei Niederschlagsprognosen schon ganz anders aus. Im Sommer können innerhalb der selben Stadt wegen einer lokalen Gewitterzelle in einem Stadtteil 40 l/qm fallen und in einem anderen Stadtteil kein einziger Tropfen. Habe das selbst schon öfter erlebt. Und so eine örtliche Präzision hat kein einziger Wetterdienst.

    Genauso unberechenbar sind Windstärken.
    Ich erinnere dabei an den "schweren Fehler" des deutschen Wetterdienstes bezüglich des Orkans "Lothar" im Jahr 1999.
    http://www.planet-wissen....

    Noch gravierender sind die Unterschiede bei Sonnenstunden. [Welche sich auf die Tagestemperaturentwicklung auswirken können.) Vor allem im Winter kommt es ständig vor, dass der Zeitpunkt der Auflösung einer Hochnebelschicht im Tagesverlauf völlig falsch bestimmt wird. So hieß es einmal am selben Morgen, es würde 7 Sonnenstunden geben, dabei hielt sich der Hochnebel den ganzen Tag und lediglich am Abend gab es noch eine halbe Stunde Sonnenschein.

    Der Mann im Artikel hat also völlig recht.

  3. Aber den Unterschied zwischen den Begiffen "Wetter" und "Klima" kennen Sie schon, oder? Ansonsten mal googeln ...
    Ein langfristiger, großräumiger Klimatrend ist durchaus prognostizierbar.
    Das Wettergeschehen dagegen läßt sich nur, wie im Artikel berichtet, auf etwa 5 Tage einigermaßen verlässlich vorhersagen.

    4 Leserempfehlungen
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    Ihre Weisheit hinsichtlich des Klimatrends?

    'Ein langfristiger, großräumiger Klimatrend ist durchaus prognostizierbar.
    Das Wettergeschehen dagegen läßt sich nur, wie im Artikel berichtet, auf etwa 5 Tage einigermaßen verlässlich vorhersagen.'

    Ist das Klima so viel weniger komplex als das Wetter?

  4. Ihre Weisheit hinsichtlich des Klimatrends?

    Antwort auf "Wetter und Klima"
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    Literaturtip: Rahmstorf S., Schellnhuber H.J. (2007): Der Klimawandel. Verlag C.H. Beck oHG, München.

    Ich kenne zur Zeit kein besseres Buch zum Thema: Klima und Klimaveränderungen.

    Woher haben Sie denn Ihre?

  5. Wenn El Nino oder La Nina zuschlagen, ändert sich das Klima lokal ( an den Küsten des Pazifiks ) und es geht das Gerücht, dass sich die Klimaschaukel auch bei uns tendeziell auswirkt: Heiß und trocken oder kühl und nass.
    Es sollten doch inzwischen genügend Daten gesammelt sein, um mit einer höhreren Wahrscheinlichkeit als ein Bauernkalender die Tendenz verkünden zu können, das wäre doch auch schon mal was. ich habe mal versucht, im Internet herauszufinden, ob wir gerade "El" oder "La" oder nichts haben ... nun ja, das Internet ist eine große Suchmaschine ...

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    • Acrux
    • 19. April 2011 20:51 Uhr

    hier in der Atacama. Letzten Sommer war ein kleinerer El Niño (maW: Scheisswetter). Der Sommer, der gerade zuende geht war ganz normal, der Winter wird es wohl auch.

    Schoene Gruesse von der Pazifikkueste.

  6. Literaturtip: Rahmstorf S., Schellnhuber H.J. (2007): Der Klimawandel. Verlag C.H. Beck oHG, München.

    Ich kenne zur Zeit kein besseres Buch zum Thema: Klima und Klimaveränderungen.

    Antwort auf "Woher haben Sie ..."
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    ...hat im Juli letzten Jahres während der ersten (und einzigen!) Hitzeperiode einen extrem heißen Sommer angekündigt. Zitat aus ZEIT-Online vom 17.7.2010: "Schweißtreibende Hitze und Gewitter mit Orkanböen wird es
    diesen Sommer noch öfter geben: Klimaforscher Schellnhuber
    sagt der Kühlgerätebranche einen Boom voraus..."

    Leider war der Sommer aber eher zu kühl und zu naß.Dumm gelaufen. Und soviel zum Thema Seriosität

    für den Tip und bedaure, dass ich selbiges schon im Regal stehen habe.
    Ich empfehle Ihnen: Lüdecke, CO2 und Klimaschutz.
    Fachlich kompetent-plausibel.

    • Jan96
    • 19. April 2011 13:45 Uhr

    ziemlich ungenau. Die Konfidenzintervalle werden mit der Zeit ganz schön groß. Tendenzen kann man scheinbar aufzeigen aber genaue Angaben sind es trotzdem nicht.

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  • Schlagworte Wissenschaft | Meteorologie | Wetter | Windenergie | Region | Sommer
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