DIE ZEIT: In der »Hamburger Erklärung« haben Sie und einige Kollegen sich von Meteorologen distanziert, die detaillierte Langzeitprognosen abgeben. Warum, das ist doch Ihr Job?

Alexander Hübener: Es kommt immer häufiger vor, dass auch Diplom-Meteorologen sehr konkrete langfristige Prognosen abgeben. Es werden sogar schon Temperaturkurven für den kommenden Sommer veröffentlicht. Natürlich glauben die Menschen das, schließlich kommen die Aussagen ja von Experten. Doch so etwas schadet dem Ruf unserer Branche. Denn hinterher kommen die Leute und zeigen mit dem Finger auf alle Meteorologen: Na, wo ist denn euer Saharasommer? Oder der Jahrtausendwinter, den ihr vorhergesagt habt?

ZEIT: Sie fürchten um das Image Ihres Fachs?

Hübener: Auch. Aber es geht grundsätzlich darum, dass der Öffentlichkeit von – einigen wenigen – unseriös arbeitenden Kollegen etwas völlig Falsches suggeriert wird. Es entsteht der Eindruck, wir könnten tatsächlich solche Vorhersagen machen. Aber da werden schon unsere technischen Möglichkeiten weit überschätzt. Überlegen Sie mal: Wir brauchen, allein um das Wetter von morgen für Hamburg, Osnabrück oder Wernigerode vorhersagen zu können, Daten aus der ganzen Welt. Die Rechner füllen ganze Lagerhallen. Alle sechs Stunden werden neue Modellergebnisse berechnet. Und die können alle sechs Stunden ganz anders aussehen, weil das Wetter so komplex ist.

ZEIT: Sie wissen also nicht, wie dieser Sommer wird?

Hübener: Nein. Wir sind schon froh, dass wir das Wetter in fünf Tagen mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 70 bis 80 Prozent vorhersagen können – so sicher konnte man 1960 gerade mal den nächsten Tag prognostizieren. Bei Vorhersagen für die nächsten 24 Stunden liegen wir heute bei 98 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit. Das bedeutet aber pro Jahr immer noch sechs bis sieben Fehlprognosen für das Wetter am nächsten Tag.

ZEIT: Und auf längere Sicht können Sie wirklich gar nichts vorhersagen?

Hübener: Natürlich gibt es Prognosen. Die sind aber sehr viel allgemeiner, als sich das jemand wünscht, der seinen Urlaub planen will. Wir können zum Beispiel sagen: Der Juni in Norddeutschland wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent zwischen 0 und 3 Grad Celsius wärmer als das langjährige Mittel. Aber Vorhersagen für bestimmte Orte, Wochen oder gar Tage – das ist aktuell in der Meteorologie nicht möglich.

ZEIT: Wird es irgendwann mal möglich sein?

Hübener: Wohl kaum. Wenn man sich anschaut, was sich in den vergangenen fünfzig Jahren in unserer Wissenschaft getan hat, dann ist das schon sehr viel. Wenn es so weitergeht, können wir vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren den siebten Tag so gut abbilden wie heute den dritten. Natürlich ist es das Ziel, die Vorhersagen stetig zu verbessern und auszubauen. Aber dass wir jemals das Wetter in ein paar Monaten vorhersagen können, das bezweifle ich.

ZEIT: Sie müssen also damit leben, dass Sie einen hochgradig unsteten Forschungsgegenstand haben.

Hübener: Absolut. Und das zeigt sich nicht nur darin, dass detaillierte langfristige Vorhersagen nicht möglich sind. Die Trefferwahrscheinlichkeiten, die wir für die kommenden fünf Tage haben, hängen auch sehr stark von der aktuellen Wetterlage ab. Wir können viel besser prognostizieren, wenn wir uns gerade in einem ruhigen, stabilen Kern eines Hochdruckgebietes befinden, als wenn eine Gewitterlage herrscht.

ZEIT: Statt mühselig Zigtausende Daten für unsichere Prognosen zu berechnen – könnte man sich nicht an die Bauernregeln halten?

Hübener: Das ist eher eine schlechte Idee. Die Regeln fußen zwar auf Erfahrungswerten. Allerdings stammen sie teilweise aus sehr unterschiedlichen Regionen, sodass man sie nicht immer überall adaptieren kann. In den meisten Gebieten liegt die Trefferwahrscheinlichkeit nur bei 60Prozent, damit kann man keine vernünftigen Vorhersagen machen.

ZEIT: Wenn die Vorhersage eine so unsichere Sache ist, warum lassen Sie es nicht ganz?

Hübener: Weil die Zukunft viel zu spannend ist. Die Menschen wollen unsere Prognosen. Sie richten sich danach, planen mit dem Wetter. Das gilt sogar für ganze Wirtschaftszweige. Die Unternehmen in der Baubranche etwa sind höchst interessiert daran, zu wissen, ob es ein strenger Winter wird oder sie durcharbeiten können. Oder nehmen Sie die Energiebranche: Wie stark werden die Windräder in den nächsten Tagen gefordert sein? Wie viel Windenergie kann ins Netz eingespeist werden, und wie viel Strom muss aus anderen Quellen kommen? Deshalb arbeiten wir daran, langfristige Entwicklungen genauer berechnen zu können. Aber da stehen wir noch ganz am Anfang.

Das Gespräch führte Claudia Füßler.