In der vorletzten Szene geht Wozzeck ins Wasser. In einem Teich ertrinkt er auf der Suche nach dem blutigen Messer, mit dem er Marie ermordet hat. Der Komponist Alban Berg hat dazu geniale, träg blubbernde und modrig in der Stille verebbende Klänge komponiert. Für die Regisseurin Andrea Breth, die jetzt an der Berliner Staatsoper gemeinsam Daniel Barenboim einen neuen Wozzeck auf die Bühne gebracht hat, ist dieser Teich nichts anderes als eine große undurchdringliche Dunkelheit, die die Szene sumpfig umspült. Im leeren Raum rückwärts taumelnd, wird Wozzeck von der Dunkelheit verschluckt, als hätte es ihn nie gegeben.

Es ist der Augenblick, an dem diese Inszenierung bei sich selbst angekommen ist, denn ihre Grundfarbe ist schwarz und die Lichtlosigkeit der Endzustand, auf den alles zuläuft. Andrea Breth führt uns einen Abend lang vor, wie das Nichts des sinnlosen Lebens sein gefräßiges Maul aufsperrt. In seinem Gähnen sind gleichsam zwischen den Zähnen die fünfzehn Szenen einer trostlosen Oper zu erkennen.

Der Mond geht in Berlin nicht auf »wie ein blutig Eisen«, und Wozzecks Fiebervisionen (»Linienkreise, Figuren – wer das lesen könnte?«) irrlichtern nur durch den Orchestergraben. Breth behauptet in ihren Bildern keine Natur, keinen Wahnsinn, keine Welt. Das alles überlässt sie der Musik. Sie will nur die Figuren zeigen. Es sind deformierte Kreaturen, die sich in ihrer Selbstzerquälung verknoten wie Wozzeck (Roman Trekel), sich im Größenwahn ochsenfroschartig blähen wie der Doktor (Pavlo Hunka) oder, vom Dämon der Lust besessen, lasziv am Boden wälzen wie Marie (Nadia Michael). Damit die Ausweglosigkeit ihrer Situation auch deutlich wird, hat der Bühnenbildner Martin Zehetgruber sie, umrahmt vom gähnenden Schwarz, in einen engen Menschentierstall gesperrt, bei dem allenfalls eine Hand durch die Gitterstäbe passt. In manchen Szenen wird aus dem Holzverschlag ein Karussell ziellos um sich selbst kreisender Gefangener.

Breths Minimalismus tritt auf, als sei er die Essenz von Theaterregie. Nichts soll ablenken vom Leidensschicksal der Opernhelden. Dass der Doktor Wozzeck eklig giftgrünen Bohnenbrei mit der Schöpfkelle über den Kopf gießt, gehört schon zu den gewagtesten Regie-Ideen des Abends. Aber ist Breths Zurückhaltung nicht auch die Schwundstufe jeglicher interpretatorischer Absicht? Die Regisseurin mischt sich kaum ein in das Stück. Ihre Figuren wirken marionettenhaft und wächsern, als seien sie entworfen für die idealtypische Ausstellung in einem Wozzeck -Museum – Marie im dünnen Hemdkleid, das verzweifelte Lustweib darstellend; Wozzeck im Drillich, die Knie zusammengepresst und die Fäuste geballt, den im Elend Erstarrenden gebend. So konventionell werden die Figuren auf die Bühne gestellt, dass einen nicht schwindelt, wenn man an ihren Abgründen hinabschaut.

Daniel Barenboim und die Berliner Staatskapelle geben sich im spröde klingenden Schillertheater alle Mühe, die expressive Kraft von Bergs Musik gleichermaßen präzise und suggestiv herauszuarbeiten. Es gelingen ihnen Momente wunderbarer Transparenz. Aber ein ums andere Mal zerfällt ihnen das Stück auch polternd in Einzelteile. Dem Irrsinnsschwung der Wirtshausszenen fehlte das Drehmoment, der gespenstischen Männerschlafmusik in der Kasernenszene die Atmosphäre, und das Orchestercrescendo auf dem Todeston H gelang nicht wirklich als markerschütternder Aufschrei. Das Wozzeck-Erbe ist groß in Berlin: 1925 wurde die Oper unter Erich Kleiber uraufgeführt. Daniel Barenboim muss noch an den Details feilen, um dem gerecht zu werden.