ArbeitsmarktBegehrt und gefürchtet

Von Mai an können 73 Millionen Osteuropäer hierzulande jede Stelle annehmen. Deutsche bangen um ihre Jobs. Viel mehr müssten sich aber die hier lebenden Zuwanderer sorgen. von 

Polnische Krankenschwestern demonstrieren 2007 in Warschau für höhere Löhne

Polnische Krankenschwestern demonstrieren 2007 in Warschau für höhere Löhne - ab Mai dürfen sie auch in Deutschland arbeiten  |  ©Janek Skarzynski/AFP/Getty Images

Gewerkschafter warnen schon seit Monaten vor dem Datum. Kolonnen von »Lohndrückern« könnten nach Deutschland kommen, fürchtet der DGB. Mehr »Scheinselbstständige« und »Briefkastenfirmen mit polnischen Löhnen« sieht ver.di-Chef Frank Bsirske voraus. Lohndumping werde zunehmen, klagt Franz-Josef Möllenberg, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, wenn die Regierung dem nicht »energisch einen Riegel vorschiebt«.

Die Angst gilt dem 1. Mai. Ausgerechnet dem Tag der Arbeit. Der scheint in diesem Jahr zu einem Tag der Furcht zu werden. Denn von diesem Datum an hindert Mittel- und Osteuropäer nichts mehr daran, sich hierzulande einen Job zu suchen. Der größte Arbeitsmarkt Europas, der deutsche, öffnet vollständig seine Tore – für Polen, Tschechen, Esten, Letten, Litauer, Ungarn, Slowenen und Slowaken. Sie traten 2004 der EU bei, jetzt fallen die letzten Übergangsregeln unwiderruflich weg. Rund 73 Millionen Menschen verfügen damit über die gleichen Rechte wie jeder andere EU-Bürger. Eigentlich sollte das ein Grund zur Freude sein, ist es doch der Abschluss einer Entwicklung, die mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs vor mehr als 20 Jahren begonnen hat.

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Doch nicht nur Gewerkschaftsfunktionäre sehen dem Tag mit Bauchgrimmen entgegen. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK zufolge glauben fast 75 Prozent der Deutschen, dass hierzulande Menschen ihre Jobs verlieren, wenn die neuen Konkurrenten aus dem Osten kommen.

Dabei ist gar nicht klar, wie viele Polen, Tschechen oder Balten von Mai an tatsächlich ins Land strömen. Schließlich arbeiten viele Mittel- und Osteuropäer längst hier: legal als Selbstständige, Saisonarbeiter, entsandte Kräfte und Au-pairs. Oder illegal als Schwarzarbeiter . Wenn Deutschland seine Türen nun komplett aufsperrt, vermögen auch Wissenschaftler die Folgen nicht sicher vorherzusagen.

Deutschland und Österreich geben als letzte der alten EU-Staaten ihre Arbeitsmärkte völlig frei. Sie haben die siebenjährige Übergangsfrist voll ausgeschöpft. Deshalb suchten viele Mittel- und Osteuropäer in den vergangenen Jahren ihr Glück in Großbritannien und Irland – fast eine Million Menschen wanderte dorthin aus. Vielleicht kehren einige von ihnen demnächst auf den Kontinent zurück. Denn die Wirtschaftslage auf den Inseln ist desolat, und zumindest in Irland leiden die Einwanderer am meisten darunter. Ihre Arbeitslosenquote liegt in Irland bei mehr als 18 Prozent – gegenüber 12 Prozent bei den Einheimischen.

In Polen selbst, dem mit 38 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten der acht Beitrittsländer, interessiert sich vor allem die westliche Landeshälfte für Jobs bei den Nachbarn. »Mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer dort denken einer Umfrage zufolge über einen Umzug nach Deutschland nach«, berichtet Katarzyna Soszka-Ogrodnik von der deutsch-polnischen Handelskammer. Der Hauptgrund seien die Löhne. Ein Klempner verdiene in Polen umgerechnet etwa 600 Euro im Monat, ein Friseur zwischen 380 und 500 Euro. »Der Durchschnittslohn beträgt nur 900 Euro«, sagt Soszka-Ogrodnik. Zwar sind die Löhne in den vergangenen Jahren stark gestiegen, aber der Złoty hat an Wert verloren – dadurch ist das Einkommensgefälle zum Westen groß geblieben.

Herbert Brücker, einer der renommiertesten Migrationsforscher in Deutschland, erwartet zwischen 100.000 bis 130.000 Einwanderer pro Jahr. Das entspräche jedes Mal einer zusätzlichen Großstadt wie Würzburg oder Schwerin. Die Zahl der hier lebenden Bürger aus den Beitrittsländern würde sich in wenigen Jahren verdreifachen, auf rund 1,5 Millionen. »Das ist spürbar, das wird man merken«, meint der Bamberger Professor. Nach Modellrechnungen des Ökonomen kann der Arbeitsmarkt eine solche Zuwanderung insgesamt gut verkraften. Die Arbeitslosenquote stiege durch die Öffnung maximal um 0,2 Prozentpunkte, die Löhne fielen 0,4 Prozent niedriger aus, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wüchse dagegen um zusätzliche 0,2 Prozent – so spuckt es jedenfalls das mathematische Modell aus, das der Volkswirt benutzt.

Das sind keine dramatischen Zahlen, und ihnen zufolge wären die Sorgen der Gewerkschaften völlig übertrieben. Allerdings basieren sie eben nur auf »Szenarien«, wie Brücker sagt. Eine echte Prognose sei seriös nicht möglich. Außerdem handelt es sich nur um Durchschnittswerte für die Gesamtwirtschaft. Die Ostöffnung wird jedoch Gewinner und Verlierer produzieren. Das verraten die Gesamtzahlen nicht.

Leserkommentare
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    • joG
    • 22. April 2011 15:46 Uhr

    ....wie wenig ernst wir es immer mit der Solidarität sehen. Aber wieso ist einem Hamburger ein Allgäuer denn näher als dem Frankfurt Oder Deutschen dem Polen? Warum sind wir so eigentümlich, wenn es darum geht die Armen der Welt arm zu belassen, wenn es doch hier bedeuten würde, dass Staatsverschuldung und Inflation gebremst und vielen Mitbürgern den Zugang zu Sozialleistungen ermöglichen würde, von denen sie nun nur träumen dürfen. Warum darf der Staat seine Alten so benachteiligen indem er diese wertvollen Arbeitnehmer ausschließt oder künstlich verteuert?

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    In einigen Ländern östlich von Deutschland sind die Lebenserhaltungskosten wesentlich niedriger. Dort reichen dann zB 2 Euro zum guten Überleben aus, hier in Deutschland eben nicht.

    Nun kommen die Leute aus diesen Ländern hierher, arbeiten für 3€ und eine mickrige Unterkunft, weil sie davon dann zuhause gut leben können, wenn sie wieder zurückkehren.

    Für das Gleiche in Deutschland müsste man aber mindestens 15€ kassieren - trotz exakt gleicher Arbeit.

    Das haut einfach nicht hin.

    Sicherlich müssen auch andere Länder aufgebaut werden, aber nicht auf diese Weise, zumal die Lohneinsparungen einfach nur in den Gewinnen landen.

    Im Gegenteil, sie werden zu fast gleichen Löhnen wie in den eigenen Ländern bezahlt.
    Die Folgen kann man sich denken; Die Versorgung ist dennoch besser und so werden wir bald hier ein Problem für die einheimischen Einwanderer haben oder diejenigen, die im Niedriglohnbereich arbeiten. Das schädigt uns.

    Dafür aber werden die auch nicht reicher, dafür verlieren diese Länder ihre eigenen Arbeitskräfte was sie schädigt.

    Im Endeffekt ändert das nichts an der Ungleichverteilung der Welt und da liegt das Problem; Diese wird nur weiter verschoben und im Endeffekt ist es für alle schädlich bis auf die kapitalistische Elite die diese Maßnahmen eingeführt hat.

    "Warum sind wir so eigentümlich..."
    DER Witz ist wirklich gut ... ausgerechnet SIE als Streiter für soziale Gerechtigkeit und gegen Armut.

    Tatsächlich bedeutet die Öffnung des Arbeitsmarkes natürlich nicht ansatzweise das, wie Sie der Lobbypolitik der Industrie als teuer Vasall folgend, behaupten. Der Zuzug wird keine Lücken in Deutschland schließen, keine Steuerentlastung für den Durchschnittsverdiener bringen und er wird auch nicht Polen als Land mit seinen dort lebenden und arbeitenden Menschen helfen. Wie IMMER bei solchen versprechen wird es nur einen einzigen Profiteur geben: die Industrie selbst, ihre Großaktionäre, Manager und Eigentümer - also einige Wenige, denen bereits jetzt das Meiste in diesem Land gehört ... und ebenso wie immer werden den Preis jene zahlen, die täglich ihrer Arbeit nachgehen, die sich um ihre Jobs sorgen müssen, die von der Willkür der Konzerne abhängig sind - die Durchschnittsbürger.
    Die zuwandernden Arbeitskräfte werden keine Ergänzung sein, keine Hilfe - sie werden als Lohndrücker missbraucht, für ein paar Jahre dazu dienen, deutsche Arbeitnehmer in Gehalt, Forderungen und Sicherheit zu drücken und am Ende als nicht mehr benötigte Arbeitslose von eben jenen versorgt werden, deren Einkommen sie zuvor weiter minimiert haben.

    Dabei sollte wir diesen Menschen nicht die Schuld dafür geben - sie sind nur ein Spielball eben jenes antidemokratischen, asozialen Systems, welches von der Industrie des Westens beherrscht wird.

    Dabei ist diese Entwicklung unausweichlich wie vorhersehbar und hat sich schon tausendfach zuvor zugetragen. Durch die erzwungene Öffnung von Märkten werden etablierte, funktionierende Strukturen zerschlagen, die Gewinne herausgezogen und die Menschen dann ausgeplündert ihrem Schicksal überlassen. Seit die ersten Frühkapitalisten in den Kolonien damit begannen, wird dieses Geschäftsmodell fortgeführt und hinterlässt zerstörte Landstriche, Millionen Verhungernde und etwa eine Milliarde Notleidende und Arme. Ob es sich um Rohstoffmärkte, Waren- oder Arbeitsmärkte handelt - es ist IMMER das Gleiche. Und das ganze bezahlen wir auch noch mit unseren Steuern als Subventionen.

    Mit Solidarität hat dies nichts zu tun.
    Wenn überhaupt, dann mit aufgezwungener solidarität, das kann man dann aber kaum Solidarität nennen.

    Nicht witzig ist, dass diese Millionen armen Menschen hier her kommen um etwas mehr zu verdienen. Es ist verständlich, jeder gönnt es ihnen,
    das ist auch Solidarität.
    Aber, dass diese Menschen schon mit weniger Lohn glücklich sind
    ist auch klar. Aus diesem Grunde werden die Löhne hier massiv durch
    Billiglöhne unterwandert. Wem hilft das wirklich?
    Die Schuld liegt an der EU, solange keine wirtschaftliche
    Gleichheit erreicht ist, darf man solche Marktöffnungen nicht
    dulden. Wenn man zur Klasse der großen Arbeitgeber gehört, dann ist das natürlich willkommen. Was die Einzahlungen für Sozial-und Renten-
    kassen bringt mit Billiglöhnen kann jeder Grundschüler begreifen.

    • bob13
    • 22. April 2011 15:47 Uhr

    ...was für ein wahnsinn - da gab es mal grade anzeichen dafür, dass arbeitnehmer wieder begehrter wurden. und nun haben die firmen 73millionen billigarbeiter, die für 5 euro die stunde arbeiten werden.
    wann ist endlich schluß mit den aufgedrückten vorstellungen einiger weniger!!!

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    • Hokan
    • 22. April 2011 18:08 Uhr

    hier geht es um gesellschaftliche Macht und die liegt, wie die Dinge stehen, in Lande BRD beim Kapital. Und dies so lange sich die kapital- und besitzlose Mehrheit sich vereint wehrt. Und selbst dann wäre der Ausgang noch ungewiss.

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    Antwort auf "Ähm ja"
  4. Unternehmen freuen sich indes nicht nur auf neue Fachkräfte, sondern vor allem darauf, dass es b i l l i g e Kräfte sind.

    Ob die aus dem Osten oder woher auch immer kommen, ist den Profiteuren letztlich egal.

    Dritte jedenfalls müssen bei alledem nicht nur um ihren Job bangen, sondern auch mit weiterem weiterem Lohn-Dumping in der Pflege-Branche rechnen.

    Globalisierung macht's möglich.

  5. Zum Auswandern und woanders arbeiten gehört schon ein ganzes Stück. Familie, Freunde, Verwandte, die Heimat muss zurückgelassen werden. Kein leichter Schritt, wenn ich mir das vorstelle. Dazu muss man eine neue Sprache lernen und ist vielleicht erstmal allein in der Fremde. Manchmal klingt es so, als würden 73 Millionen Europäer aus dem Osten nur an der Grenze scharren, um zu uns zu kommen. Und hier werden vor allen Dingen Verlustängste wach. Es fehlt in Deutschland wohl an Pflegekräften und Ingenieuren, ja mei, was liegt denn näher als in anderen Ländern zu schauen, ob die hier arbeiten möchten... Irgendwie versteh ichs nicht ganz. Mal ist es der nicht gemeinsame kulturelle Hintergrund, mal sind es die Arbeitsplätze..

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    Sie schreiben: "Zum Auswandern und woanders arbeiten gehört schon ein ganzes Stück. Familie, Freunde, Verwandte, die Heimat muss zurückgelassen werden. Kein leichter Schritt, wenn ich mir das vorstelle."

    Der Ist-Zustand sind u.v.a. 4 bis 6 Millionen Türken.

    • wauzi
    • 23. April 2011 4:28 Uhr

    was glauben sie, warum pflegekräfte fehlen? richtig, die bezalung. na, hat's klack gemacht?

    Meinung

    Re #7.

    Ich bin vor 43 Jahren von DE ausgewandert und habe es nie bereut.
    Eine anderes Sprache das lernte ich schnell. Meine Wahlheimat bot mir Moeglichkeiten die ich in DE nicht fand. Familie die habe ich selbst gegruendet und dadurch bekam ich Zugang zu der weiteren Familie meiner Frau. Man macht auch woanders Freunde.

    In 43 Jahren kam ich dreimal nach DE auf Besuch. Das letzte mal in 2010.
    Was mir auffiel war das jeder dauernd meckert.

    Wenn man nicht zufrieden ist dann muss man was dagegen tun. Unzufriedenheit ist doch kein Leben. Man lebt nur einmal.

    Wo ich lebe ist die Arbeitslosenzahl 4.8 % and Fachkraefte sind willkommen.

    Nicht alle Einwanderer sind beliebt aber als Deutscher faellt man nicht auf and hat dann auch keine Schwierigkeiten.

    Das Wetter ist auch sehr gut und wo ich wohne gibt es im Winter keinen Schnee und es gefriert auch nicht. der Strand ist 45 Minuten mit dem Auto entfernt. Ds ist Stadtverkehr.

    Zeit zum nachdenken!!!

  6. noch mehr unter Druck setzen. Übrigens werden klein- und mittelständische Betriebe sehr große Probleme bekommen.
    Diese Betriebe waren es, die in den letzten Jahren die meisten Arbeitsplätze geschaffen hatten und nicht die B.Onzen aus den DAX-Konzernen.

    So schafft sich D selbst ab.

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    welche niedrigen deutschen Löhne denn??

    mit den niedrigen Löhnen hier haben fast alle Menschen ein Auto, die Einfamilienhäuser werden immer grösser und es gibt keine Wohnung ohne LCD/Plasma TV.....

    In kaum einem Land dürfte das Lohngefälle so gering sein wie hier. Es ist teilweise ja schon verrückt, dass Ingenieure und Bandarbeiterlöhne oft nur wenige hundert Euro auseinanderklaffen....

    • Otto2
    • 23. April 2011 21:50 Uhr

    Es wird nicht so viele Arbeitsmigranten aus den östlichen EU-Ländern geben.
    Warum nicht?
    Wer sollte nach D. kommen, wenn er in anderen westlichen EU-Ländern mehr verdienen kann?
    So ein Arbeitsmigrant rechnet: Der Lebensunterhalt im Aufenthaltsland muss gesichert werden. Außerdem will er meist Geld nach Hause schicken. Wenn er nicht als Arzt oder Ingenieur kommt, kommt er besser nicht nach D.: Hier gibt es schon teilweise (besonders im Osten) osteuropäische Löhne!

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