Erinnert sich noch jemand an die Sache mit WikiLeaks ? An die unzähligen US-Botschaftsdepeschen , die im Netz öffentlich gemacht wurden? Die wenigsten der diplomatischen Berichte waren sonderlich brisant, aber alle zusammen stellten sie die Vereinigten Staaten bloß. Seither werden sich die Amerikaner manches Mal vor Wut in den Bauch gebissen haben, dass sie so viele Daten auf einen Haufen gepackt haben. Und inzwischen dürfte auch der letzte Beamte im State Department begriffen haben: je weniger Daten, desto besser. Das ist das Grundgesetz der digitalen Welt.

Es gilt für private Unternehmen wie Facebook und Google. Und es gilt genauso für den Staat . Man muss daran noch einmal erinnern, wenn gerade wieder über die Vorratsdatenspeicherung gestritten wird. "Vorratsdatenspeicherung" – das klingt so trocken, dass man am liebsten gleich wieder abschaltet. Aber in Wahrheit bedeutet dieses Verfahren eine permanente Durchleuchtung unseres Alltags. Darüber zu streiten ist keine spinnerte Idee von Datenphobikern und altliberalen Bürgerrechtlern. Sondern notwendig.

Jeder von uns, der ein halbwegs neues Handy besitzt, zieht einen digitalen Schatten hinter sich her . Eine breite Spur von Informationen, die unser ganzes Leben enthalten. Alle paar Minuten senden smarte Mobiltelefone ihren Standort, machen also ihren Nutzer lokalisierbar. Sie verraten, mit wem wir wie lange und wie häufig telefonieren, welche E-Mails wir empfangen. All diese Informationen plus unser Kommunikationsverhalten im Internet und im Telefonfestnetz registriert die Vorratsdatenspeicherung.

Wie sie funktioniert und welche Rückschlüsse sie zulässt, haben ZEIT und ZEIT -Online unlängst vorgeführt . Anhand der Verbindungsdaten des Bundestagsabgeordneten Malte Spitz, deren Herausgabe der grüne Politiker bei der Telekom eingeklagt hatte, lässt sich sein Leben ein halbes Jahr lang nachvollziehen, auf die Sekunde und ein paar Meter genau. Wer Zugriff auf solche Daten hat, weiß Bescheid über jeden Mobilfunknutzer, über dessen politische Verbindungen, geheime Liebschaften und verdeckte Netzwerke. Wenn das kein massiver Eingriff in die Privatsphäre ist, was wäre dann einer?

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Eben das aber markiert auch das Dilemma. Denn gerade weil die Vorratsdaten so präzise Einsichten in Kontakte, Bewegungen und Vorlieben jedes Einzelnen zulassen, sind sie für Polizei und Geheimdienste ein Schatz. Sie verraten Komplizen, entlarven Hintermänner – und manchmal entlasten sie auch Unschuldige.

Deshalb fordern Unionspolitiker, angeführt vom neuen CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich , seit einem Jahr vehement eine Neuregelung der Vorratsdatenspeicherung, nachdem das Bundesverfassungsgericht das bisherige Gesetz im Frühjahr 2010 kassiert hatte. Und die FDP, die gerade ihre bürgerrechtlichen Traditionen wiederzuentdecken versucht, hält heftig dagegen. Wie Schwarz-Gelb aus diesem Dilemma herausfinden will, ist ein Rätsel.

EU-Richtlinie ist ein Debakel

Aus Brüssel jedenfalls kommt die Lösung nicht . Das steht seit Anfang der Woche fest. Am Montag hat die zuständige EU-Kommissarin Cecilia Malmström einen lange erwarteten Bericht zur Vorratsdatenspeicherung vorgelegt, der gelinde gesagt ein Debakel ist. Die EU verlangt von ihren Mitgliedern, dass sie Kommunikationsdaten mindestens sechs Monate lang speichern. Einige tun das sehr fleißig, wie der Bericht zeigt, Polen vorneweg, einige gar nicht, Schweden etwa, und eben die Bundesrepublik seit dem Karlsruher Urteil. Diese Länder will Brüssel nun zwingen, endlich EU-Recht umzusetzen – obgleich der Malmström-Report selbst feststellt, dass die EU-Regelung erhebliche Mängel beim Datenschutz hat. Eine Richtlinie zu befolgen, die selbst dringend reparaturbedürftig ist – das wäre eine bürokratische Absurdität.

Wer jetzt im Interesse einer effektiven Strafverfolgung eine Neuregelung der Vorratsdatenspeicherung fordert, wird sich also nicht mehr einfach auf Brüssel berufen können. Er muss darlegen, dass es ohne die Kommunikationsüberwachung echte Lücken in der Kriminalitätsbekämpfung gibt . Und wenn dieser Nachweis geführt werden sollte, dann braucht es einen Kompromiss, der die Grundrechte schont.

Den Korridor dafür hat das Verfassungsgericht schon vor einem Jahr ausgemessen . Die Richter haben kein ausnahmsloses Verbot der Vorratsdatenspeicherung erlassen, sondern strikteste Sicherheitsstandards gefordert: scharfe Kontrollen gegen Missbrauch der Daten; Zugriff nur bei allerschwersten Delikten wie Terrorismus oder Mord; keine Weitergabe an Geheimdienste, Behörden oder Private.

Gar nicht speichern ist besser als ein bisschen speichern. Aber wenn schon gespeichert werden muss, dann so zurückhaltend und rechtsstaatlich wie möglich. Das wäre dann vielleicht sogar ein Vorbild für Europa.