Andere Länder, andere Sounds: Mit Hörbuchern kann man akustisch auf Reisen gehen.

Wie oft wünscht man sich, irgendwo weit weg zu sein? Da kommen die fremdartigen Flötentöne von der neuen CD gerade recht. Der kürzlich verstorbene Schauspieler Dieter Mues beginnt, mit sonorer Stimme von Don Marcelino Sanz de Sautuola zu erzählen. An einem heißen Tag im Jahr 1879 steigt der Hobbyarchäologe zusammen mit seiner kleinen Tochter Maria hinab in die kühle Höhle von Altamira, um nach prähistorischen Scherben zu wühlen. Plötzlich liegt dickes Echo unter Mues’ Stimme: »Was ist das?« Es ist der Augenblick, in dem Maria an der Wand Zeichnungen von lebendig wirkenden Stieren entdeckt. Dieser Fund wird sich bald als Sensation erweisen. Die wunderbaren Abbildungen im Norden Spaniens sind 16.000 Jahre alt und stammen von steinzeitlichen Künstlern.

Die CD Spanien hören aus dem Silberfuchs Verlag ist in der preisgekrönten Reihe Länder hören – Kulturen entdecken erschienen. Sie nimmt den Hörer mit auf eine Studienreise, die zwar nicht bei Adam und Eva beginnt, aber kurz danach. Ausgehend vom für die Iberische Halbinsel so bedeutungsvollen Stier, rollt sie die Kulturgeschichte Spaniens in abwechslungsreichen Kapiteln und mit stimmigen Musikbeispielen auf. Fakten werden referiert, Entwicklungen nachgezeichnet. So erfährt man, wie die Schrecken des Krieges gegen Napoleon zur Malerei Francisco de Goyas führten, die die Menschen bis heute fasziniert. Vom Verlust der letzten spanischen Kolonien Ende des 19. Jahrhunderts ist die Rede und von der eigenständigen spanischen Musikentwicklung, die nach der Kolonialzeit Komponisten wie Manuel de Falla hervorbrachte. Leider sind ausgerechnet die Quellen der anspruchsvollen Klangproben im Booklet so unübersichtlich aufgelistet, dass die Herkunft einzelner Ausschnitte nur denen klar werden dürfte, die ohnehin Experten auf dem Gebiet sind.

Reisehörbücher, die man über den Buchhandel beziehen kann, gibt es inzwischen zu fast jedem Ziel. In den letzten Jahren ist aus dieser Nische eine eigene, stabile Gattung im Hörbuchmarkt geworden. So unterschiedlich die Ansätze der Verlage auch sind, so erfreulich ist es, dass die CDs fast ausnahmslos durch hohe Qualität überzeugen. Gleichzeitig ist es den verschiedenen Anbietern gelungen, eigenes, erkennbares Profil zu entwickeln. Nicht alle haben einen so explizit pädagogischen Anspruch wie Silberfuchs. Für diese hochwertig ausgestattete Editionen sind die Musikwissenschaftlerin Corinna Hesse und die Kulturjournalistin Antje Hinz verantwortlich. Zusammen gründeten sie das Label 2006 in Mecklenburg-Vorpommern.

Wenn Silberfuchs die Studienreise fürs Sofa bietet, liefert der Berliner Hörbuchverlag Geophon die akustische Version des bunt bebilderten, nicht allzu anspruchsvollen Reiseführers. Bereits seit zehn Jahren produzieren Reinhard Kober, Mia und Matthias Morgenroth ihre Ohrenreisen zu den beliebtesten Urlaubsorten. Damit kann man sich nicht nur auf die Ferien einstimmen, sondern auch nach der Rückkehr in Erinnerungen schwelgen. Die Autoren setzen auf die bewährten Stilmittel des Reisefeatures: O-Ton, Erzählung und untermalende Musik. »It’s the best American city there is«, sagt eine alte Frau im Cablecar von San Francisco und schiebt einen buddhistischen Gruß für Weltfrieden hinterher. »Istanbul ist eine Inspirationsquelle für die Kunst«, sagt ein türkischer Filmemacher, während eine lokale Rockband traditionelle Klänge mit modernen Sounds vermischt. Umgeben von den notorischen »Künstlern und Intellektuellen«, trinkt man auf einer Florentiner Piazza Cappuccino. Wie ein erfahrener Fremdenführer bewahrt Geophon die Hörer noch in der wildesten Stadt vor allzu großer Aufregung.

Umwege und Nebenstraßen werden dabei nicht gescheut. Immerhin widmet der Verlag ein ganzes Hörbuch der Stadt Düsseldorf, die bisher kaum für ihre überragende touristische Anziehungskraft gefeiert wurde. Auf ihrem Streifzug machen die Autoren Halt an den einzelnen Plätzen der Stadt, um O-Töne von Einwohnern einzufangen und Atmosphäre entstehen zu lassen. Nach einer Weile beugt man sich der rührenden Entschlossenheit, mit der die Ansässigen jeden noch so beiläufigen Reiz ihrer Stadt ins Feld führen: Man kann gut Rad fahren. Man kann gut vor dem Brauhaus Zum Uerige sitzen und über Passanten lästern.

Düsseldorf erscheint plötzlich als ein Ort des kleinen Glücks und durchaus eine Reise wert. Und wer wusste schon, dass die bösen Fallwinde, die gelegentlich den Gustaf-Gründgens-Platz beuteln, von Menschen gemacht wurden? Das 94 Meter hohe Dreischeibenhaus ist schuld daran. An ihm brechen sich die Winde.