Wenn es darum geht, dem Reisehörbuch eine eigenständige, auch musikalische Qualität zu geben, geht das Label Goldmund aus Dresden am weitesten. Goldmund, gegründet 2004, ist ein Liebhaberprojekt des Dresdener Gitarristen und Komponisten Frank Fröhlich. Kernstück der Produktionen ist jeweils die von Fröhlich eigens komponierte und ausschließlich mit Gitarren, Cellos, Harfen und Blasinstrumenten eingespielte Musik. Beim Hörbuch Das alte Wien vermittelt ein ganzes Streichquartett die Behaglichkeit der Heurigen, bei Mien Rügen versuchen Flöten und Cellos, die Weite der Insellandschaft widerzuspiegeln.

Zwischen seine Klangbilder stellt Fröhlich Reisebriefe und literarische Alltagsschilderungen von mehr oder weniger bekannten Autoren wie Wilhelm von Humboldt oder Johann Pezzl. Das gelingt nicht immer gleich gut. Besonders bei der Reise nach Rügen werden die Texte sehr herb vorgelesen und verschmelzen nicht richtig mit den ruhigen Eigenkompositionen.

Ein ganz anderes Format haben da die 100 Kilometer Emschergeschichten. Auch sie verbinden literarische Texte mit Fröhlichs Kompositionen, ergänzen diese aber noch durch Originalgeräusche. Bereits am Anfang des Hörbuchs zwitschert und plätschert es so lebhaft, dass man gar nicht anders kann, als den Kopf in eine Region reisen zu lassen, die wie keine andere in Deutschland durch eine übermächtige Industrialisierung geprägt ist.

Die Texte liest der Schauspieler Claus Dieter Clausnitzer souverän und stimmkräftig. Leider verzichtet der Wahl-Dortmunder auf die Ruhrpott-Färbung, die einigen Passagen auf der CD erst den vollen Charme verliehen hätten. Zum bezaubernden Gedicht Erler Platt passt einfach kein Hochdeutsch. Musikminiaturen machen diese kleinen Mängel aber wett. Im »Loren-Groove« oder »Wasserpumpen-Groove« lassen sich Fröhlich und seine Mitmusiker von den typischen Industriegeräuschen entlang des Flusses inspirieren und verwandeln diese in anmutige Töne.

Ausgerechnet bei dem eher randständigen Emscher-Thema ergibt sich aus Text und Musik eine ganz neue Qualität. Das Hörbuch 100 Kilometer Emschergeschichten ist ein Kleinod der Gattung und womöglich gerade deshalb so gut gelungen, weil es sich mit einem Reiseziel beschäftigt, an das der Hörer keine überhöhten touristischen Erwartungen stellt.

Wie oft am Tag wünscht man sich, irgendwo weit weg zu sein. Hörbücher sind ideale Soforthelfer. Man kommt auf Knopfdruck raus, ohne auch nur den Kulturbeutel packen zu müssen. Man hört neue Stimmen und atmet, mit ein bisschen Fantasie, neue Luft aus den entlegensten Winkeln der Welt. Wenn es sein muss, auch aus Düsseldorf.