Autorin Alexa Hennig von Lange "Als Mutter musste ich mich besinnen"

Alexa Hennig von Lange über ihr selbstzerstörerisches Partyleben.

ZEITMagazin: Frau Hennig von Lange, einer Ihrer Romane heißt programmatisch Risiko. Haben Sie sich oft ins Risiko begeben?

Alexa Hennig von Lange: Man tut im Leben viele Dinge, die einem völlig logisch und natürlich und keineswegs riskant erscheinen. Erst hinterher merkt man: Es ist gut, dass man aus dieser Sache wieder heil herausgekommen ist.

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ZEITMagazin: Gab es eine Situation, die Ihnen eine Lehre gewesen ist?

Alexa Hennig von Lange

38, wurde in Hannover geboren. 1997 erschien ihr Debütroman Relax über das schnelle Leben für Partys, Sex und Drogen. Ihr Jugendbuch Ich habe einfach Glück wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Hennig von Lange lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin.

von Lange: Meine Eltern sind Architekten, also Freiberufler. Und ich erinnere mich genau daran, wie mein Vater – ich war damals 13 – mit einer gewissen Flapsigkeit sagte: Die Auftragslage ist schlecht, wenn das so weitergeht, sitzen wir bald auf der Straße. Ich nahm das sehr ernst und dachte: Wenn das so ist, muss ich dringend wissen, womit ich mein Geld verdiene, um meinen Eltern über die schlimmste Armut hinwegzuhelfen. Das hat dazu geführt, dass ich relativ zügig wusste, ich möchte schreiben und damit Geld verdienen und muss dabei sehr diszipliniert und konsequent vorgehen.

ZEITMagazin: Wann haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

von Lange: Mit 19. Damals habe ich die Kindersendung Bim Bam Bino moderiert, dann als Model gearbeitet. Ich habe für Gute Zeiten, schlechte Zeiten als Plotterin geschrieben, fünf Folgen pro Woche musste man sich da im Team ausdenken, und ziemlich bald habe ich meinen ersten Roman Relax herausgebracht. Alles Tätigkeiten, bei denen man nicht lockerlassen durfte, das habe ich verinnerlicht. Inzwischen empfinde ich Schreiben nicht mehr als komplexe Anstrengung, sondern als etwas Selbstverständliches, Wunderschönes wie Essen, Trinken oder Atmen. Ich würde mich als eine Art Durchlauferhitzer beschreiben. Ich verfasse pro Jahr zwei bis drei Bücher. Den Luxus, das als zermürbenden künstlerischen Prozess zu beschreiben, erlaube ich mir nicht. (Lacht)

ZEITMagazin: Ich dachte immer, Ihre Zwanziger waren wilde Jahre, nicht Jahre der Disziplin.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

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von Lange: Beides. Anfang zwanzig war ich viel unterwegs, ich habe in Berlin, Hamburg und München gleichzeitig gelebt. Um möglichst viele Erfahrungen zu sammeln, habe ich Dinge getan, die nicht unbedingt gesundheitsfördernd waren. Ich habe Ereignisse herbeigezwungen und mich in hochdramatische Beziehungen hineinbegeben. Dieser pure Hedonismus war kurz davor, umzuschlagen in einen relativ selbstzerstörerischen Mechanismus. Ich saß dem Missverständnis auf, dass man nur etwas erlebt, wenn man möglichst autoaggressiv mit sich umgeht und so Ausnahmesituationen erzeugt.

ZEITMagazin: Woher kam diese Vorstellung?

von Lange: Das hatte sicherlich etwas mit meinen literarischen und musikalischen Vorbildern zu tun: »Live fast, die young«, solche Sätze hatte ich inhaliert. Ich dachte, ich muss dem Klischee gerecht werden, um Schriftstellerin sein zu können, um überhaupt über etwas schreiben zu können. Ich war Anfang 20 und wollte damit Geld verdienen, also musste ich etwas anstellen, das ich dann auch erzählen konnte.

ZEITMagazin: Und das ist Ihnen gelungen?

von Lange: Ich habe eklatante Erfahrungen gemacht, die ich nicht wiederholen möchte. Ich möchte nie wieder in meinem Leben in einer solch bodenlosen Not, Traurigkeit und Einsamkeit sein. Mit diesem Gefühl absoluter Verlorenheit und dieser Abhängigkeit von anderen Menschen, von Freunden. Die Frage: Wer bin ich in diesem Freundeskreis, bin ich beliebt und bin ich beachtet? war in der Jugend bestimmend.

ZEITMagazin: Was hat Sie aus der Phase gerettet?

von Lange: Meine erste Schwangerschaft, Ende der Neunziger. Sie hat dazu geführt, dass ich mich auf mich selbst besinnen musste. Vorher hatte ich mich in einem enormen Freundeskreis bewegt, immer auf dem Sprung. Das hörte schlagartig auf. Ich war mit Mitte zwanzig die erste unter meinen Freunden, die schwanger wurde. Plötzlich war ich, wie man so sagt, ans Haus gefesselt und musste mich und mein Kind finanzieren. Ich habe gearbeitet, wenn meine Tochter geschlafen hat. Das hat mir Ruhe und Struktur gebracht und mir bewusst gemacht, dass ich nicht mehr Kind bin, dass ich eine Generation weitergerutscht bin. Plötzlich stand mir die Endlichkeit des Lebens vor Augen. Ich wollte immer ein Kind, aber an die Situation musste ich mich erst gewöhnen. Ich hatte das Gefühl, ich muss all das Vergehende aufschreiben. Da ist die Manie des Schreibens noch einmal enorm groß geworden.

Ijoma Mangold

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Mangold ist stellvertretender Ressortleiter des ZEIT-Feuilletons und Moderator der ZDF-Literatursendung »Die Vorleser«

ZEITMagazin: Was haben Sie mitgenommen aus der Phase des riskanten Lebens?

von Lange: Dass man sehr vieles, auch den größten Schmerz, überlebt. Und dass man mit Milde auf sich zurückschauen kann. Das erfüllt mich mit Stolz: Auf Situationen, die mir früher den Boden unter den Füßen weggezogen hätten, kann ich heute mit einer gewissen Gelassenheit schauen und sagen: Morgen ist es wieder anders.

 
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