ReligionEin Heidenspektakel

Anfang Juni richtet Dresden den Evangelischen Kirchentag aus, mitten im eher gottlosen Sachsen. von Juliane Schiemenz

Julia Claußnitzer beichtete gleich am Telefon, dass sie nicht an Gott glaubt. Die 62-Jährige hatte die »Schlummernummer« des Evangelischen Kirchentages gewählt, um in ihrer Radebeuler Wohnung ein Bett und eine Schlafcouch für zwei müde Christen anzubieten. »Ich bin zwar Atheistin«, sagt sie, »aber ich mache es doch trotzdem gern!«

Claußnitzer, flotter Haarschnitt, rot gerahmte Brille, gehört mit ihrer Konfessionslosigkeit in Sachsen zur absoluten Mehrheit: Knapp drei Viertel der Menschen glauben nicht an Gott, in der Landeshauptstadt sind gar 80 Prozent ohne Religion. Der Evangelische Kirchentag vom 1. bis 5. Juni in Dresden wird etwas Besonderes sein: eine Art Christenfest im Heidenland.

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Doch trotz aller Unchristlichkeit haben bereits Tausende Sachsen kostenlose Privatunterkünfte für das Großtreffen der Protestanten angeboten, das zweijährlich irgendwo in Deutschland stattfindet. »Dass jemand direkt am Telefon vorwarnt, er sei Atheist, kommt selten vor. Wir fragen kein Glaubensbekenntnis ab«, sagt Nora Hupfer, die Organisatorin der Privatquartiervergabe. Der 27-Jährigen und ihren Mitarbeitern ist es kreuzegal, ob die Leute religiös sind. Sie will nur wissen, ob sie Katzen haben oder Raucher hassen.

Claußnitzer hat keine Katze, aber Raucher müssen bei ihr vor die Tür. Mit fremden Leuten in ihrer Wohnung hat sie hingegen kein Problem. »Ich vertraue den Menschen«, sagt sie, »ich bin ein Optimist. Das hat mir schon oft geholfen, auch in schlechten Situationen.« Sie war einst Industriekauffrau, wurde nach der Wende arbeitslos. Heute bekommt sie Hartz IV. Weil sie sich keine Reisen leisten kann, hat sie gern Besuch. »Ich liebe Leben in der Bude«, sagt sie, »und ich bin neugierig auf andere Menschen.«

Nora Hupfer braucht dringend mehr Menschen von diesem Schlag. Die Bettennachfrage übertrifft alle Erwartungen. 8000 Privatunterkünfte sind schon reserviert – 12.000 werden insgesamt benötigt. Das sind 40 Prozent mehr als beim letzten Kirchentag in Bremen. Was ist der Grund für diesen Ansturm? Dresden sei ein attraktives Ziel für ein verlängertes Sommerwochenende, vermutet Hupfer, außerdem kämen nur wenige Christen bei befreundeten Glaubensgenossen unter. Davon gibt es einfach zu wenige.

Die Ungetauften zeigen sich umso hilfsbereiter. »Wir werden hier mindestens so gut aufgenommen wie in Städten, in denen der Anteil an Christen höher ist. Das betrifft alle Bereiche, in denen wir arbeiten«, sagt Kirchentagssprecher Hubertus Grass. »Man merkt nicht, ob hier mehr oder weniger Christen sind.«

Egal welche Aktionen sie starten – die Organisatoren staunen über die Resonanz: So sammeln sie etwa alte Fahrräder für die Teilnehmer. Während man in Bremen auf 350 abgegebene Fahrräder kam, sind es in Dresden schon jetzt mehr als 2000 – ein kompletter Fuhrpark. Und das, obwohl Bremen knapp 30.000 Einwohner mehr hat als Dresden – und, bezogen auf die Einwohnerzahl, fast dreimal so viele Christen. Und noch ein drittes Phänomen spricht für überbordende Gastlichkeit im Land der Ungläubigen: Jeder zweite Anbieter eines Privatquartiers in Dresden und Umgebung wäre bereit, auch Ausländer aufzunehmen; obwohl diese meist länger bleiben. So viel Mühe wollten sich in Bremen nur 25 Prozent der Gastgeber machen. Sprecher Grass freut sich über die »irre Quote«. 

Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt hat ihre eigene Theorie, warum in Dresden so viele Konfessionslose helfen. »Wenn man schon nichts mit der Kirche zu tun hat, dann will man zumindest seine Gastfreundschaft beweisen. Die Dresdner wollen zeigen: Diese Stadt kann das!«, sagt sie. Die Thüringerin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche und als Grünen-Abgeordnete Vizepräsidentin des Bundestags, sieht im Kirchentag jedoch auch eine Ermutigung für die ostdeutschen Christen in der »säkularen Diaspora«: »Wer sonst in leeren Gottesdiensten sitzt, der sieht hier: Wir können auch hunderttausend sein.«

Leserkommentare
  1. Eine Leserempfehlung
  2. ... Christus als Mittelpunkt und Predigtinhalt machen lässt.

    Den findet man aber recht selten in den Kirchen. So gibt es wenig Grund das 100.000 das in der Kirche suchen sollten, könnten oder würden, was sie in der Gesellschaft und in Dresden, Sachsen auch alles bereits finden. Die Kirche unterscheidet sich nicht von der Gesellschaft, die predigt Gottes Wort nicht oder nur sehr selten, es sei denn in einer abgewandelten und liberal unklaren Form, die weder die Botschaft Jesu noch die seiner Apostel in den Briefen wiedergibt. Das die Dresdner helfen liegt an der mangelnden Alternative, wo man sich überhaupt noch irgendeinen Vorteil, Wandel oder Entwicklungsmöglichkeit erwartet. Ob die Kirche das jemals liefern wird, bleibt fraglich, solange sie sich nach innen nicht reformfähig erweist. Solange weder Luther noch überzeugte Christen in der Kirche wo auch immer in Deutschland einen Platz haben. Abgesehen davon das keiner weiß, was eigentlich ein Christ ist, weiß keiner, warum er es werden sollte in Sachsen.

    Hab dort einige Monate gelebt und ich wüsste auch nicht, warum ich als Christ einen Heiden in die lutherische Kirche schicken sollte, die bis zur Unkenntlichkeit in der Gesellschaft aufgegangen ist, darauf größten Wert legt. Warum man nicht einfach die Bibel und das Kreuz dann endlich wegschmeißt, frag ich mich genau wie die Sachsen auch.
    Man begründet halt viele Thesen mit der Bibel,
    verengt deren Aussage.

    Gruß und gesegnete (?) Ostern.
    Ihr Klaus - Dieter Hinck.

  3. ... in ihrer Kirche möglich?

    Wer ist Gott? Was ist Gott? Ist das die Kraft der Tradition und Jahreszeiten? Wie absurd ist es, den Osterhasen im Kirchgarten zu verstecken und Jesus in eine Krippe zu pressen, wo der einige Jahre lang den israelischen Traditions-Menschen Dinge an den Kopf warf, die heute kein Pastor mehr predigen mag? Kirche ist mehr als absurd, wenn sie sich nicht ENDLICH reformiert. Kirche ist wie ein schlechter Witz, der so liberal abgestanden ist, das ich genau wie in der CDU vor lauter Mitte in allem kein Brechmittel mehr brauche. Kirche ist so tot, das man weder Sterbehilfe leisten muss noch irgendwen zur Beerdigung der Kirche rufen braucht.

    Wenn Sie schreiben, das ein Leben ohne Gott absurd ist, dann antwortet ganz Sachsen Ihnen, das ein Leben mit der Kirche auch ein Leben ohne Gott ist und das keiner einen Gott braucht, der weder die Gesellschaft durch veränderte Menschen verändern kann noch etwas mit der Bibel zu tun hat.

    Luther würd heute 111 Thesen an liberale EKD Türen nageln, er würde einen Bagger bestellen, das die Kirchen abgerissen werden, weil er drin nicht mehr predigen kann, da fast genausoviel Kilmbimbam da rumhängt wie in den Predigten.

    Das ist absurd.
    Es ist absurd irgendjemanden was von Gott zu erzählen, an den man selbst nicht glaubt und den man durch Menschen in der Kirche ersetzt, imitiert. Diskreditiert.

    Was würde Luther an Tränen weinen, echten, wenn er um die Frucht seines Erbes, Namens und seiner Kirche wüsste.

  4. ie der Kirchentagswebsite zu entnehmen ist sind ja 35.000 der 100.000 Teilnehmer Mitwirkende, was die angeblich hohe Besucherzahl relativiert. Der Kirchentag profitiert sicher von der Toleranz der Sachsen, die aber wohl eher in einer Gleichgültigkeit dem Kirchentag gegenüber begründet ist. Ja den meisten Dresdners ist der Kirchentag egal. Viele ärgern sich über die verschwendeten Millionen. Die Zahl der erwarteten Einnahmen steigt von Woche zu Woche (nun sind wir schon bei 30 Mio. Euro) als meinte man, man müsste den sächsischen Heiden nur das goldene Kalb zeigen, als dass sie sofort darum tanzen und gleichzeitig die Besetzung jedes gesellschaftlichen Themas durch den Kirchentag akzeptieren. Vielen stinkt das gewaltig.Dabei landet das eingenommene Geld sicher nicht bei der Jugendhilfe. Ein mit knapp 8 Mio. Euro teuer erkauftes Konjunkturprogramm, dass sich nicht rentiert wie der Tourismusverband vor Ort schon anmerkte.
    Auch fehlen die normalen Touristen während des Kirchentages, da die meisten Betten für Kirchentagsbesuchern vorgehalten werden und anderen Besuchern vorenthalten werden.
    Auch das die Organisatoren des Kirchentages 19 bzw. 38 Euro für die Vermittlung von eigentlich kostenlos zu Verfügung gestellten Betten nimmt zeugt nicht von christlicher Nächstenliebe.Couchsurfing ist normalerweise kostenlos und ermöglicht jederzeit eine preiswertere Möglichkeit Dresden kennenzulernen.

    • TheOh
    • 21. April 2011 22:17 Uhr

    Naja, 19 Euro... Ich bin Atheist und trotzdem stört mich diese Veranstaltung nicht. Und ich kenne andere Atheisten, Freunde von mir, die zum Kirchentag schon Menschen bei sich übernachten ließen. Genau aus den Gründen, die auch im Text genannt werden: Neugierde, Gastfreundschaft, Nächstenliebe. Dass das ja eben nicht nur christliche Werte sein müssen, sondern menschliche Werte sind, zeigt doch die Pointe, dass die Frau im Text ja eben keine Christin ist. Ich finde die Grabenkämpfe, die hier in den Kommentaren aufgemacht werden, total überflüssig.

    Eine Leserempfehlung

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