Das Imperium schlägt noch mal zurück. Weil es das Volk so will, folgen Union und FDP zwar offiziell jetzt der Parole, ganz schnell aus der Kernkraft auszusteigen. Gleichzeitig heben sich aber viele schwarz-gelbe Zeigefinger und warnen die ausstiegswilligen Bürger davor, sich zu früh über das Einlenken der Politik zu freuen: Leute, die Sache wird richtig teuer und wird auch jenseits der Kosten noch für jede Menge Ärger sorgen, also überlegt besser noch mal – das ist die jüngste Botschaft jener, die gestern die Laufzeiten der Meiler verlängert haben und heute die Dinger anscheinend nicht schnell genug vom Netz nehmen können.

Die Warnungen sind nicht einmal verkehrt. Ja, Strom wird teurer. Ja, es müssen neue Leitungen her. Und ja, die Stromversorger können es sogar zu Blackouts kommen lassen. Trotzdem, die Folgen der beschleunigten Energiewende sind übersichtlich. Und hätten Union und FDP nicht schon so viel falsch gemacht, ließen sie sich noch besser beherrschen.

Ihr größter Fehler, neben der Laufzeitverlängerung selbst, war es, dass die Regierung ein zentrales Versprechen ihres Koalitionsvertrags ignoriert hat. Sie wollte das Hochspannungsnetz "in einer unabhängigen Netzgesellschaft zusammenführen", tat es aber nicht. Hätte sie obendrein den Staat an diesem Unternehmen beteiligt – ordnungspolitisch wäre das kein Problem, da Stromnetze natürliche Monopole sind – dann wüsste sie jetzt genau, ob wegen des beschleunigten Ausstiegs die Lichter ausgehen könnten. So ist sie auf das Monopolwissen einer Handvoll Experten in Diensten der Netzbetreiber angewiesen, die in der Debatte eigene Interessen verfolgen.

Unstrittig ist nur, dass mehr Leitungen nötig sind, soll die Energiewende gelingen. Dass zu den rund 20.000 Trassenkilometern des sogenannten Verbundnetzes neue hinzukommen müssen. Aber wie viele? 3600 Kilometer? Oder nur 1600? Oder gar nur 250? All diese Ziffern werden von tatsächlichen oder vermeintlichen Experten genannt, es geht zu wie auf einem Basar. Politik lässt sich so machen, aber keine Energiewende. Fest steht nur: Der Großteil der Strommasten verschandelt bereits die Landschaft. Er wurde einst errichtet, um Kohle- und Atomstrom zu befördern.

Die Fantasie am meisten beflügelt der Streit über die Kosten des Umbaus. Dabei bedarf es hierfür nur eines Blickes in das Gutachten, das vor Kurzem noch dazu diente, längere Laufzeiten zu rechtfertigen. Dort steht, dass die Operation den Strom in zehn, zwanzig Jahren um rund einen Cent billiger macht, verglichen mit einem Ausstieg um das Jahr 2020 herum. Selbst das Doppelte wäre nicht die Welt.

Als teuerster Posten in der Energiewende-Rechnung könnten sich noch Schadensersatzklagen der Stromkonzerne erweisen – sofern eine neuerliche Verkürzung von Reaktorlaufzeiten als Eingriff ins Eigentum zu werten wäre. Vor dieser Gefahr könnte die Steuerzahler nur das Verfassungsgericht bewahren. Dann, wenn es befindet, dass das schwarz-gelbe Laufzeitverlängerungsgesetz verfassungswidrig ist. Es könnte Merkel & Co also nichts Besseres widerfahren, als in Karlsruhe den Kürzeren zu ziehen. Bizarrer geht es kaum.