Nichts liegt uns ferner als die Sünde, nichts liegt uns näher. Auch wer sich glücklich schätzen darf, nicht zum Opfer eines Verbrechens geworden zu sein, auch wer sich sicher sein darf, keines begangen zu haben, der kann doch, wenn er die Augen nicht verschließt, das Ausmaß alltäglicher Untat leicht ermessen. Er ahnt, dass die Zahl der von Menschenhand Gemordeten allemal die Zahl derer übertrifft, die durch Naturkatastrophen oder Unglücksfälle umgekommen sind. Und er sieht: Je mehr sich die Menschen durch die Mittel von Wissenschaft und Technik gegen das Unheil zu wappnen verstehen, umso mehr nutzen sie dieselben Mittel, um einander töten. Der Urmensch schleuderte seinen Stein gegen das wilde Tier oder den feindlichen Nachbarn. Der moderne Mensch, den Tiere kaum noch bedrohen, nutzt die Feuerwaffe, um Schulklassen niederzumähen oder ganze Völker auszurotten.

Christen glauben daran, dass es die Sünde gibt , und in diesem Punkt sind sie nicht modern. Denn die Verheißung der Moderne bestand nicht allein darin, allen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern sie auch von der Sünde zu befreien, von der Tyrannei eines neidischen Gottes und seiner Priesterschaft, deren einziges Ziel darin zu bestehen schien, den Gläubigen, die ihr bisschen Leben nur ein bisschen genießen wollten, ein schlechtes Gewissen zu machen. Der »Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit«, wie Kant die Aufklärung verstand, sollte ein selbstbestimmtes Handeln unter dem Vorzeichen der Vernunft begründen. Diesen Gedanken finden wir auch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, jetzt aber verbunden mit dem Recht auf »Leben, Freiheit und Streben nach Glück«. Der Schöpfergott, von dem hier noch die Rede war, wich allmählich der Vorstellung, die Menschen könnten ihr Los aus eigener Kraft verändern, es begann die Zeit der Reformen und Revolutionen. Die Hoffnung jedoch, der Mensch könne sich selbst verändern und zugleich die dunklen Mächte, die in ihm toben, bändigen, hat getrogen. Rousseau hatte noch geglaubt, der Mensch in seinem Naturzustand sei gut, nur die verderbliche Ordnung der Gesellschaft führe ihn zum Bösen. Kant, der skeptischer war, sprach vom »krummen Holz«. In der neuen Zeit aber schien der Begriff der Sünde, der ohne den Glauben an einen Gott keinen Grund hat, reserviert für eine unaufgeklärte Minderheit, die umso kleiner werden müsste, je weiter Fortschritt und Bildung um sich griffen.

Die moderne Ethik liefert uns viele Vorschläge für den Umgang mit dem, was früher der Teufel hieß oder das Böse. Sie unterscheidet zwischen richtig und falsch oder zwischen nützlich und schädlich, und man kann damit ziemlich weit kommen, aber es bleibt ein unerklärter Rest, der uns in dem Phänomen der sinnlosen, scheinbar grundlosen Gewalt begegnet. Dass sie zugenommen hat, wird man nicht behaupten können, aber sie scheint uns näher zu rücken, sie ist uns unheimlich geworden. Vielleicht liegt es an dem bis heute nachwirkenden Trauma der großen Ideologien und ihrer Schlächtereien; vielleicht am Fluch des Informationszeitalters, das uns mit jeder Gewalttat in jedem Winkel der Erde nachrichtlich versorgt. Der Glaube an die Machbarkeit jedenfalls hat abgenommen und die Hoffnung, im irdischen Dasein lasse sich das »Streben nach Glückseligkeit« materialisieren, ebenfalls.

Und allmählich taucht die Sünde wieder auf, als Verfehlung des allseits Gebotenen. Wer sagt, gestern Abend habe er gesündigt, will damit sagen, er habe zu viel gegessen oder getrunken, und schuldbewusst gibt er damit zu, gegen unsere immer subtiler werdende weltliche Ethik verstoßen zu haben. Die wechselseitige Abhängigkeit nämlich führt zu dem Gefühl, dass es letztlich nichts mehr gebe, was nur mich allein betreffe. Füge ich mir selber Schaden zu, so schade ich der Allgemeinheit. Auf diesem Weg sind wir weit fortgeschritten und inzwischen strenger, als es die Kirche je war. Wer übergewichtig ist (früher hätte man ihn stattlich genannt), schadet seiner Gesundheit und damit dem Solidarpakt der Beitragszahler.

Der christliche Begriff der Sünde jedoch bedeutet etwas ganz anderes. Er unterstellt ein Dreiecksverhältnis: das Ich, die anderen und etwas Drittes. Dieses Dritte übersteigt die Welt des Diesseits, und es kann viele Namen tragen: das Reich der Ideen (wie bei Platon), das Reich der Vernunft (wie bei Kant) oder das Reich Gottes (wie in den monotheistischen Religionen). Im christlichen Verständnis ist die Sünde eine Beschädigung des Verhältnisses zu Gott und damit eine Selbstschädigung. Sie kann geheilt werden durch Reue und Buße. Die Frage des richtigen Handelns also findet ihre Antwort im Bezug auf etwas Absolutes.

Brauchen wir das? Nicht jeder braucht es, und die Gesellschaft als Ganzes kann im Normalfall davon absehen. Wenn es aber ernst wird, wenn es um die letzten oder die ersten Dinge geht, dann zeigt sich, dass die Frage nach dem Guten unumgänglich wird, die Frage nach der Wahrheit. Derlei einer Ethikkommission zu überlassen ist praktisch, aber es kann passieren, dass man plötzlich selber damit konfrontiert wird und auf einmal verlassen dasteht, allein mit sich und seinem Gewissen.

Der Evangelist Johannes berichtet, Jesus habe beim Verhör durch Pontius Pilatus gesagt: »Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.« Pilatus: »Was ist Wahrheit?« Das nun ist die Frage aller Fragen, und Pilatus war nicht der Erste, der sie gestellt hat. Für Platon war sie zentral, und er beantwortet sie in der Gestalt seines Sokrates, der über die Frage nachdenkt, ob man die Wahrheit lehren kann. Søren Kierkegaard hat das so beschrieben:

»Sofern nun die Wahrheit gelehrt werden soll, muss vorausgesetzt werden, dass sie nicht da ist; indem sie also gelehrt werden soll, wird sie gesucht. Hier begegnen wir nun der Schwierigkeit, auf die Sokrates aufmerksam macht: dass ein Mensch unmöglich suchen kann, was er weiß, und ebenso unmöglich suchen kann, was er nicht weiß; denn was er weiß, kann er nicht suchen, da er es ja weiß, und was er nicht weiß, kann er nicht suchen, da er ja auch nicht weiß, was er suchen soll. Die Schwierigkeit wird von Sokrates durch den Gedanken aufgelöst, dass alles Lernen und Suchen Erinnerung sei, sodass der Unwissende nur eines Hinweises bedürfe, um durch sich selbst sich auf das zu besinnen, was er weiß. Die Wahrheit wird also nicht in ihn hineingebracht, sie war in ihm.«