Proteste in Arabien : Syrien wie Libyen?

Wie Gadhafi führt Assad Krieg gegen das Volk. Diesmal wird der Westen den Teufel tun, sich militärisch einzumischen.
Exil-Syrer in Sofia protestieren für Regierungschef Assad © Nikolay Doychinov/AFP/Getty Images

Syrien ist der jüngste Schauplatz der Diktatorendämmerung, die sich über Maghreb und Maschrek ausbreitet. Das war nicht vorgesehen, denn nach dem Sturz des Saddam Hussein war Syrien der "Goldstandard" des arabischen Despotismus. Ein perfekter Polizeistaat mit totalitären Anleihen aus dem europäischen Faschismus; eine "dynastische Diktatur", die sich selbst reproduzierte – von Assad Vater zu Assad Sohn; ein System, in dem Staat, Wirtschaft und Militär eins waren – der Assad-Clan als Aufsichtsrat, die Alawiten-Minderheit als Hauptaktionär, Baschar al-Assad als CEO auf Lebenszeit.

Die "Republik der Angst" war einst der Irak – benannt nach Kanan Makiyas Bestseller von 1989. Seit 2003 darf Syrien den Titel allein tragen. Dieses stolze Volk, dessen Hauptstadt Damaskus neben Bagdad und Alexandrien einst zu den drei Zentren der arabischen Hochkultur gehörte – dieses Volk hatte sich scheinbar auf ewig in die Knechtschaft gefügt. Nur einmal wagte es die Auflehnung: 1982, als Hama, die Hochburg der Sunniten-Mehrheit, gegen Assad senior aufstand. Der Preis war die Zerstörung, mit 20.000 Toten. Seitdem herrschte Grabesstille in der einst reichsten Provinz des Römischen Reiches.

Der gesamte Arabische Frühling zeigt: Die Zukunft gehört nicht der Tyrannei

Vorbei. Bislang sind es nur 500 Tote, doch die Revolte rückt immer näher an Damaskus heran – von Dara im Süden bis in den Bannkreis der Hauptstadt. Das war unvorstellbar – glaubte jedenfalls Baschar al-Assad. Anders als Tunesien, Ägypten, Jemen und Bahrain war Syrien doch "Frontstaat", die Wacht am Golan und Genezareth-See, das Bollwerk gegen den zionistischen Eindringling. Israel-Hass war der Zement, der den Muchabarat-, den Geheimdienst-Staat zusammenhielt. Das Prinzip war: "Beschäft’ge stets die schwindlichten Gemüter/Mit fremdem Zwist", wie Shakespeares Heinrich IV. seinem Sohn eingeschärft hatte.

Doch dieser Zement zerbröckelt überall – das ist die zweite große Überraschung neben dem Arabischen Frühling selbst. Denn nirgendwo brennen Flaggen mit dem Davidsstern oder den Stars and Stripes. Die "Arabische Straße", dieser Moloch, den angeblich nur unsere guten Freunde, die Mubaraks, zähmen konnten, kämpft nicht für Palästina oder gegen den Westen, sondern für die eigene Freiheit.

Die Kettenhunde wollen nur ihre Fesseln zerreißen, und mit dem Mythos schwindet die Macht derer, die den Konflikt schwären ließen, um die eigene Haut zu retten. Konsequent haben beide Assads deshalb stets den Rückgewinn der Golanhöhen im Austausch für Frieden mit Israel verweigert. Was ist schon ein Stück Land gegen den ganzen Thron?

Was wird nun sein? "Ägypten" und "Tunesien", eine fast unblutige Revolution? Oder "Libyen"? Die Antwort ist "Libyen": Krieg gegen das eigene Volk . Freilich wird kein Sarkozy zum Angriff blasen; auch würde ihm niemand folgen. Libyen sah einfach und "kostengünstig" aus – eine Illusion, wie sich herausstellt. Noch weniger wird "ein bisschen Krieg" die Diktatur von Damaskus beseitigen. Assad hat eine der bestgerüsteten Armeen in Nahost, die ständig den Krieg gegen Israel übt: 220000 Mann mit 5000 Panzern, davon an die 1500 moderne. Dazu kommen 550 Kampfflugzeuge, von denen es 100 mit europäischem Gerät aufnehmen können. Dann 70 Kampfhubschrauber, die klassische Waffe gegen Aufständische.

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Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Probleme

Ist das wahr? Das Bild ist das genaue Gegenteil von der Unterschrift?
Es würde mich nicht wundern.
Die 'Zeit' hat ein ganz gewaltiges Qualitätsproblem.
Das ist mir in letzter Zeit schön öfters aufgestossen.
Das sind keine Zufälle oder Ausrutscher mehr.
Manche Artikel sind eine inhaltliche Zumutung, dazu kommen die kleinen und größeren Schlampereien. In der Summe ist das für ein Blatt wie die 'Zeit' nicht akzeptabel.
Herr Joffe hat seinen Laden nicht im Griff.

ZzZZzZz

Huch, ein klassischer Joffe!

Da schlägt der Wutbildungsbürger in geballter Form zu, hossa! Sind es nun die syrischen „Kettenhunde“ (im römischen Reich sprach man auch im Raum von Antochia noch von Bürgern), die sich befreien wollen, oder der Assadismus in Reinform, den außer JayJay Joffe bis jetzt noch keiner so klar definiert und ausgesprochen hat.

Und nun zum Thema:

Man sollte aufhören ständig Analogien zu anderen Ländern zu ziehen. Es ist schön, dass Tunesien, Ägypten und Syrien am Mittelmeer liegen und das diese Räume zum Großteil muslimisch geprägt sind. Das war es dann auch schon.

Hegelianische Spekulationen und schlechte Metaphern in ZEIT-Artikeln erhellen Niemanden. Der Westen droht grundsätzlich mit Sanktionen, wenn jemand nicht spurt. Im Zweifel werden sie auch durchgesetzt, unbeachtet der wirtschaftlichen Bände in den Hinterzimmern.

Das ist alles nicht wirklich progressiv, auch vom Denkansatz her.

In einer stillen Stunde sollte man sich als freiheitlicher Bildungsapostel einfach eingestehen, dass der Westen im Laufe unserer Zeit nur die Zeche für das bezahlt, was er in den letzten 200 Jahren im arabischen Raum verbrochen hat.

Neokon erwache!

"Terror ist neben Latakia-Tabak eine der feinsten syrischen Spezialitäten – siehe zuletzt den Mord am libanesischen Premier Hariri."

Ausgeschlafen, Herr Joffe? Ihr US-Kollege Kenneth Timmermann ist da offensichtlich ausgeruhter: Der Bolton, jener Irak-Kriegsgründe-Herbeilügner, teilte dem nämlich unlängst mit, dass die Hisbollah und Iran hinter dem Verbrechen stehen und angeklagt werden sollen.

Weiß die linke Hand des Neokons nicht, was die rechte so schreibt?

Und Ihre Syrien-Analyse wird der Vorsilbe Anal durchaus gerecht. Haben Sie schon mal was von den jüngsten Veröffentlichungen - auch in der Washington Post - gelesen,in denen die Finanzierung und materielle Unterstützung der "aufständischen Demokraten" in Syrien durch US- und Saudi-Geldgeber beschrieben wurde?

So einfach mit dem Draufhauen auf Assad und dem Abwägen Diktatur/Demokratie (gähn) ist das wohl nicht. Die Diktatur Syrien lässt z.B. seine Patienten kostenlos in Krankenhäusern behandeln; die Medikamente sind kostenfrei.

Lesen Sie doch den bekannten amerikanischen Trendforscher Gerald Celente, dem zufolge die Proteste in Libyen, Ägypten z.B. keine politisch motivierten Revolutionen sind: "Die jungen Leute haben kein Geld und keine Zukunft."

Celente meint, auch in Europa wachse eine entsprechende Generation heran: "Sie haben eine Universitätsausbildung, die nichts wert ist, bekommen keine oder schlecht bezahlte Jobs. Wenn das Geld nicht mehr zu den Leuten fließt, fließt bald das Blut auf der Straße."

Alles wahr....

....und Assad sollte entfernt werden. Die R2P Norm der UNO ist aber leider von politischen Entscheidungen im Sicherheitsrat und nicht als allgemeine Verpflichtung abgefasst. Dort sitzen Länder, deren Führer keinesfalls zu viel Präzedenzen des Schutzes von Bevölkerungen vor ihren Herrschern. Für sie ist es besser, die Bevölkerungen sterben. Sie haben ein Veto und das war ein Webfehler der Norm von 2005 und ist ein Grund, weshalb die UNO droht irrelevant in sehr wichtigen Dingen zu bleiben.

Nun kann sich die Frage stellen, ob man R2P einer hierzu schlecht ausgestatteten und schlecht verfassten UNO anvertrauen will. Es geht um sehr viel, ohne nun auf die Analysen eingehen zu wollen, die hinter R2P standen. Bei unmittelbarer Bedrohung ist die Antwort klar. Stehen solche im Vordergrund und die UNO verzichtet darauf Sicherheit durchzusetzen, ist sie irrelevant um Bushs Worte vor der UNO zu verwenden. Da muss unilateral gehandelt werden. Das gebietet der Schutz der eigenen Bevölkerung. Ob das für den Schutz anderer Bevölkerungen gelten soll, ist offen.