Urban Exploration Ästhetik des Verfalls
"Urban Explorer" sind auf der Suche nach Relikten der modernen Zivilisation. Sie dokumentieren, was bleibt, wenn der Mensch gegangen ist.
Petra van der Wielen wirft einen prüfenden Blick nach oben, die bröckelnde Hausfassade entlang zum offenstehenden Fenster über ihrem Kopf. Die 36-jährige Architektin reckt die Arme empor, sucht Halt am vermoderten Fensterbrett und setzt zu einem Klimmzug an. Sie schwingt sich hinauf, setzt ihr Bein am Fenstersims ab und springt in das Zimmer. Es ist still, nur der Fluss vor dem Haus rauscht, und hoch über dem Tal donnern die Autos über die Europabrücke Richtung Italien. »Ein wenig fühlt man sich schon wie ein Einbrecher«, flüstert sie, bindet sich die langen, braunen Haare zusammen und geht leise durch den Raum. Ihre blauen Jeans und die grüne Jacke haben bereits Flecken von der dreckigen Hausmauer. Über den ganzen Boden liegen Metalldosen, Bierflaschen und rostiges Werkzeug verteilt. An den Wänden stehen Überreste von Möbeln: ein halber Schreibtisch, Teile eines Bücherregals, eine zerfledderte Stoffcouch.
Die Salzburgerin ist ein Urban Explorer. In ihrer Freizeit durchstreift sie verlassene Gebäude, bröckelnde Industrieruinen, Kanalgewölbe und andere Relikte des modernen Lebens. Sie versucht einzudringen und ihre Entdeckungen fotografisch zu dokumentieren, derzeit hauptsächlich in Tirol, wo sie studiert hat, und in Berlin, wo sie wohnt. »Es geht darum, das Verfallene darzustellen. Was bleibt, wenn der Mensch gegangen ist.«
So wie van der Wielen machen sich auf der ganzen Welt Menschen auf den Weg, um ihre Umgebung auf eine ganz spezielle Weise zu erkunden. Über das Internet vernetzt, suchen sie verlassene Orte, die ihren Zweck erfüllt haben und sich selbst überlassen wurden. Urban Exploration heißt diese etwas andere Freizeitbeschäftigung. »Eine Art von Abenteuertourismus, die einem Neugierigen Einblicke in eine Welt hinter den Kulissen des Alltags erlaubt«, schreibt der Kanadier Jeff Chapman in seinem Handbuch Access All Areas – A User’s Guide to the Art of Urban Exploration. Hochburgen dieser neuen Bewegung der modernen Archäologie sind amerikanische Industriebrachen in Buffalo, Chicago oder Detroit.
Petra van der Wielen begann in New York damit, ihre Umgebung zu erkunden. Sie arbeitete in einem Designbüro und war gerade von Manhattan nach Brooklyn umgezogen. »Ich habe diese Starbucks-Kultur, in der alles gleich aussieht, nicht mehr ausgehalten und musste woandershin. Brooklyn ist der perfekte Gegenpol zum durchdesignten Manhattan.« 2005 brannte eine Lagerhalle in ihrer Nachbarschaft vollständig ab. Kurz war sogar von einem Terroranschlag die Rede. »Ich weiß nicht warum, aber es hat mich einfach dorthin gezogen«, erzählt sie. Sie verbrachte einen Tag allein auf dem Gelände und machte Fotos. Beißender Brandgeruch war noch allgegenwärtig. »Ich stellte dann die Bilder ins Internet und bekam unglaublich viele Reaktionen. Ich wusste gar nicht, dass es auch andere Leute gibt, die so etwas machen.«
Mit einigen dieser Urban Explorer zog sie los und erkundete die unbekannten Orte der Metropole: Tunnelsysteme, Schiffsfriedhöfe und sogar verlassene Flughäfen. »Natürlich macht auch das Verbotene einen Teil des Reizes aus. Aber es geht mir vor allem um diese absolute Ruhe«, sagt sie und klettert über knarrende Holztreppen in den oberen Stock.
Es ist ein Wohnhaus, am Rande einer ehemaligen Salpeterfabrik im Tiroler Wipptal, ein paar Kilometer südlich von Innsbruck. In der Fabrik arbeitet schon lange niemand mehr, einige Häuser werden noch als Lagerstätten genützt. Um das Gelände steht ein hoher Zaun mit »Betreten verboten«-Schildern. Doch Petra van der Wielen umgeht sie, steigt hinunter zum Fluss und gelangt so legal auf das Gelände. »Ich bin über keinen Zaun gestiegen und habe kein Schild ignoriert«, sagt sie und schmunzelt. Auch in den oberen Geschossen liegt alles Mögliche über den Boden verteilt: Briefe, Zeitschriften, Bierflaschen, Kleidung. Eine dicke Staubschicht lässt erahnen, dass hier schon lange niemand mehr war. Die oberste Zeitung auf einem Stapel ist auf den Februar 1995 datiert. 16 Jahre liegen die Sachen bereits hier. Manchmal macht sich die Freizeitforscherin Gedanken darüber, wer in den verlassenen Bauten gelebt und gearbeitet haben könnte. Doch nur selten recherchiert sie die Geschichte eines Gebäudes. »Es ginge viel von der Romantik verloren, würde man nachforschen, sagt der Linzer Soziologe und Künstler Peter Arlt. »So kann man vieles imaginieren. Man reimt sich anhand der Spuren etwas zusammen.«
Chris Eigner stellt sich gerne vor, wie Menschen früher in den Häusern gelebt haben, in denen er mit seiner Kamera herumklettert. »Ich versuche immer, mich hineinzuversetzen in die Zeit, als noch Leben in den Räumen war. Wie haben die Menschen hier gewohnt oder gearbeitet«, erklärt der 25-jährige Niederösterreicher seine Leidenschaft. Er spricht leise, in kurzen Sätzen und fährt sich immer wieder durch die langen, blonden Haare. Der Elektrotechniker arbeitet in Wien und betreibt seit drei Jahren die Homepage menschenleer.at. Angefangen hat alles damit, dass er mit seiner damals neuen Digitalkamera in ein leeres Schloss in seinem Heimatort Blindenmarkt eindrang. »Mich hat sofort diese verblasste Schönheit beeindruckt, das Vergängliche. Die Kassettenböden etwa, die einst wunderschön waren und heute aufgequollen und zerbrochen sind.« Die Begeisterung ließ ihn nicht mehr los. Fast jedes Wochenende ist er mit seiner Kamera unterwegs. Hauptsächlich in Wien und Umgebung. Tagelang trieb er sich am Südbahnhof herum, bevor dieses Nachkriegsmonument abgerissen wurde. Den nächsten Urlaub hat er schon geplant: Mit Freunden möchte er nach Sachsen. »Dort stehen noch sehr viele Bauten aus DDR-Zeiten leer herum. Das wollen wir uns ansehen.«
Die Szene in Österreich ist klein. Rund zwanzig aktive Urban Explorer gibt es in Wien und Umgebung, schätzt Eigner. In den übrigens Bundesländern vielleicht noch einmal so viele. Genau lässt es sich nicht sagen. In Internetforen wie unterirdisch.de tauschen sie sich aus, erzählen von neuen Entdeckungen und kommentieren gegenseitig die Fotos. Von manchen kennt Chris Eigner nur die Pseudonyme. Sich zu outen, vor allem gegenüber Medien, ist für viele verpönt. Auch die genaue Lage der verwunschenen Orte wird nur selten verraten. »Sonst tauchen dort lauter Sprayer, Partymacher und Vandalen auf«, sagt Eigner. »Aber es geht auch darum, dass nur ich weiß, wo sich dieses oder jenes verlassene Gebäude befindet.«
Die meisten Urban Explorer fühlen sich einem ungeschriebenen Kodex verpflichtet. Es soll alles unberührt bleiben, etwas zu beschädigen ist tabu. »Manchmal stelle ich allerdings schon etwas um, wenn das Licht anders besser ist«, sagt Petra van der Wielen. So wie jetzt. Sie steht vor einem grünen Stoffsessel unter der Dachschräge. Durch ein milchiges Fenster scheint die Sonne und wirft lange Schatten auf den Fußboden. »Mit dem Rücken zur Sonne sieht der einfach besser aus«, sagt sie und stellt ein Stativ auf. Mit den Füßen bewegt sie den Sessel, anfassen möchte sie ihn nicht. Der Wind pfeift durch den Dachstuhl und wirbelt Staub auf. Van der Wielen wischt sich die Haare aus dem Gesicht, macht ein Foto, kontrolliert es am Display, löscht es und schaut konzentriert auf den Sessel. »Hin und wieder kommt es mir selbst ein wenig seltsam vor, wie man so lange auf einen alltäglichen Gegenstand schauen kann. Aber ich versuche, immer noch ein neues Detail zu finden«, sagt sie schließlich und macht noch ein Bild. In der Ecke des Zimmers steht ein Bett, der Lattenrost ist gebrochen, die Matratze aber noch mit einem weißen Leintuch bezogen. »Wer auch immer hier vor fünfzehn Jahren ausgezogen ist, hat nicht viel mitgenommen.«
Während Petra van der Wielen und Chris Eigner nach der Schönheit im Verlassenen suchen, hat Kristian Hasenjäger eine Mission. Der 44-jährige Italiener, der in Innsbruck als Informatiker arbeitet, möchte aufzeigen und anprangern. Auch er ist auf der Spurensuche nach dem, was bleibt, wenn der Mensch einmal gegangen ist. Doch er pirscht nicht durch Städte, sondern durch die Bergwelt der Alpen. Er sucht aufgelassene Seilbahnen und Skilifte. »Es ist eine Art erzählende Industriearchäologie. Sie erzählt, wie man früher Ski gefahren ist, wie man sich bewegt hat, welche Fähigkeiten gefordert waren, wie das Verhältnis zur Natur war. Und die alte Technik interessiert mich auch.« Wenn heute ein Tourist ein Skigebiet besuche, finde er ein perfekt adaptiertes »industrialisiertes Umfeld« vor. »Man entzieht das Gebiet der Natur und optimiert alles für ein marketinggerechtes Skierlebnis. Das fängt bei der Popoheizung auf den Liften an und geht bis zum besonders profanen Sicherheitswahn entlang den Abfahrten«, sagt Hasenjäger. »Die eigenen Sinne verkümmern, ich darf Schönes nicht kindlich erkunden, muss Gefahren nicht kennen. Das Sichbewegen in der Natur ist durch den Zeitgeist zu banal geworden – und das finde ich schade.«
Ändern kann er an der Entwicklung nichts, aber mit den Bildern, die er auf seiner Website retrofutur.org veröffentlicht, möchte er zumindest darstellen, wie die Natur dem Menschen angepasst wird: »Um die Seilbahn herum ist der Berg zu einem Disneyland geworden.« Kristian Hasenjäger redet schnell, er möchte viel erzählen, »wenn schon einmal jemand zuhört«. Oft, wenn er von seinem Hobby berichtet, blickt er in ratlose Gesichter und stößt manchmal sogar auf Unverständnis. Doch für ihn gibt es fast nichts Schöneres, als sich zu Fuß oder mit Tourenskiern aufzumachen, um verlassene und vergessene Liftanlagen aufzuspüren. »Eigentlich wären die Betreiber verpflichtet, diese wieder abzubauen, aber gerade in Italien machen sie das oft nicht. So bleibt das Zeug jahrzehntelang stehen und rostet vor sich hin.« Gewaltige Generatoren und riesige Zugräder hat er schon gefunden, die seit einer halben Ewigkeit unbenutzt in den Bergen verrotten.
Petra van der Wielen ist aus dem verlassenen Wohnhaus herausgeklettert und würde gerne in ein großes Lagerhaus eindringen, das sich auf dem Gelände befindet. Die Mauer an dessen Hinterseite wurde jüngst als Toilette benützt, es stinkt erbärmlich. »Das ist Teil des Hobbys«, sagt sie, lacht und steigt schnell über die Exkremente hinweg. Manchmal stößt sie auch auf weniger Harmloses. Wie damals in New York, als sie den Freedom Tunnel erkundete, in dem Tausende Obdachlose lebten. Um Eindringlinge abzuschrecken, hatten diese am Eingang des Tunnels Bahnschwellen aufeinandergestapelt und obenauf einen menschlichen Totenschädel platziert. »Daneben stand noch ein Kinderwagen, in dem zwei Oberschenkelknochen lagen. Ich hatte richtig Angst und gehe seitdem auch nicht mehr alleine auf Tour.«
Die Lagerhalle wird Petra van der Wielen heute nicht erkunden, sie findet keinen Eingang. Kein Fenster steht offen, alle Türen sind fest verschlossen. Sie packt die Kamera ein und stapft entlang dem Flussufer zurück auf die Straße. »Wenn ich in eine neue Stadt komme, dann interessieren mich selten die klassischen Tourismusorte. Ich will das Leben sehen, aber auch die verlassenen Teile, die sich meist mittendrin im Trubel befinden, inmitten des urbanen Lebens, aber von allen vergessen.«
- Datum 03.05.2011 - 10:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.4.2011 Nr. 18
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Danke für die differenzierte und authentische Berichterstattung. Kunst bedeutet, Licht auf Dinge zu werfen, die vielleicht alltäglich sind, aber dennoch von kaum jemandem gesehen werden.
Ruinen-Landschafts-Romantik-Motive gibts in Prypjat zu bestaunen.
oder rund um Fukushima.
... in Ostdeutschland!
... in Ostdeutschland!
Ich bin hin und hergerissen: Einerseits sollten Eingriffe in die Natur wieder spurlos beseitigt werden, wenn sie nicht mehr benötigt werden, denn anderenfalls wird mit der Zeit alles menschlich überformt, und das Ursprüngliche verschwindet.
Andererseits kenne auch ich die Faszination, die von Ruinen ausgeht. Oft bin ich in ihnen herumgeklettert, um Photos zu machen, genau wie die Personen im Artikel.
Vermutlich ist die Vergänglichkeit der modernen Ruinen Teil der Faszination: Oft wartet der endgültige Abriß schon.
bestenfalls eine traurige Ästhetik, wie Friedhöfe. Ich habe mir vor vier Jahren in der Nähe von Dresden ein altes Haus gekauft und bin seither dabei es zu sanieren. Den durchschnittlichen Luxuxstandart spießerdeutscher Wohnansprüche werde ich nicht erreichen, ich finds aber so gemütlicher. Manche meiner Bekannten haben schon, offen oder hinter meinem Rücken, die Nase gerümpft, nachdem sie es aus der Ferne ganz apart fanden in ein altes Haus zu ziehen. Ihre Sanierungsvorschläge waren dann aber schlimmer als ein Neubau. Während der Haussuche habe ich viele leerstehende Häuser besichtigt, mit oder ohne Erlaubnis. Es hat meist nur weh getan schöne und interessante Bausubstanz zerfallen zu sehen, Bauernhöfe in den Dörfern und Bürgerhäuser in den Städten. Der Markt wirds richten, war die Vorgabe der inkompetenten Politik. Die Folge ist eine Verarmung urbaner und dörflicher Kultur, vor allem wenn man dann noch sehen muss wie daneben auf der grünen Wiese Scheußlichkeiten hochgezogen werden, deren Ästhetik sich mir auch nicht erschließt.
...interessierten, hier mal eine Website zu dem Thema: http://marodes.de/
http://kensinger.blogspot...
... in Ostdeutschland!
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