Wie bleibt man inmitten der Nachrichtenflut konzentriert? Diese Frage kann wohl niemand besser beantworten als die »Ethnografin des Informationszeitalters«, Danah Boyd . Die Harvard-Soziologin analysiert derzeit für Microsoft die Auswirkungen digitaler Kommunikationswege und das Verhältnis zwischen privater und öffentlicher Aufmerksamkeit. Schicken wir ihr also eine E-Mail: Wie geht man mit dem Überfluss an Informationen um, Frau Boyd, wie schützt man die eigene Aufmerksamkeit vor den Zudringlichkeiten der Öffentlichkeit?

Die Antwort kommt prompt und knapp: »Leider habe ich dafür gerade keinen Freiraum«, schreibt Boyd kurz angebunden und schiebt ein bedauerndes »:-(« hinterher. Und weil die Sozialforscherin offenbar sehr viele Fragen so bescheidet, erläutert sie auf ihrer Homepage: »Ich hasse es, nicht erreichbar zu sein.« Aber sie sei »einfach nicht in der Lage, all die Anfragen, die mich erreichen, zu bearbeiten«. Sie habe zwar »ein extrem schlechtes Gewissen«, aber es sei nun einmal unabdingbar, »dass ich Leute zur Seite schubse, um meine Arbeit tun zu können«. Das sitzt.

Und weil sie auch mal ausspannen muss, gönnte sich Boyd kürzlich ein vierwöchiges »E-Mail-Sabbatical«. Per Abwesenheitsmeldung teilte sie während dieser Zeit allen mit, eingehende E-Mails würden unwiderruflich gelöscht. »Ich werde sie nie bekommen und nie darauf antworten.« Wer ein wirklich dringendes Anliegen habe, der möge sich nach ihrer Auszeit wieder melden.

So also geht ein Profi mit der Informationsflut um. Er blendet – wenn es sein muss – radikal einen Großteil davon aus. Das Problem ist nur: Wann muss es sein? Und welchen Teil dürfen wir getrost ignorieren, welchen aber sollten wir im Auge (respektive im Postfach) behalten?

Zu keiner Zeit waren solche Fragen drängender als heute, da wir über eine nahezu unendliche Zahl an Kommunikationskanälen verfügen. Wir können uns fast das gesamte Weltgeschehen ins Haus liefern lassen. Wir müssen nur entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten wollen: Lieber an Fukushima dranbleiben oder eher am arabischen Revolutionsgeschehen ? Stuttgart21 oder Atompolitik?

Sollen wir uns auf den Frühling vor der Tür konzentrieren, den royalen Hochzeitsrummel oder St. Paulis Abstiegskampf? Hilfe!, möchte das moderne Subjekt da schreien, zu viele Möglichkeiten, was davon ist wirklich wichtig ?

Die Antwort auf diese Frage beginnt mit der Einsicht in die eigene Begrenztheit. Auch unsere Aufmerksamkeit ist endlich. Ökonomisch gesprochen handelt sich um eine recht limitierte Ressource. Und wer nicht den erneuerbaren Umgang mit dieser Geistesenergie beherrscht, riskiert irgendwann die neurologische Notabschaltung, sozusagen den persönlichen Konzentrations-GAU, sei es in Form einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung ( ADHS ), eines Burn-outs oder einer Depression.

Um es dazu nicht kommen zu lassen, hilft es, unsere Aufmerksamkeit einmal der Aufmerksamkeit selbst zuzuwenden. Mit diesem vielschichtigen Thema beschäftigen sich heute nicht nur Psychologen und Neurobiologen, sondern auch Medienforscher und Historiker . Und ihre Erkenntnisse – so verschieden sie auch sein mögen – machen unisono deutlich, was für ein wertvolles Gut die Aufmerksamkeit ist und wie wichtig der sorgsame Umgang mit ihr.

Aufmerksamkeit ist eine Währung, die gehandelt wird wie Gold

Dass sie so eine eminente Rolle spielt, liegt auch an dem Doppelgesicht, das die Aufmerksamkeit gegenwärtig trägt. Zum einen bezeichnet sie die individuelle Fähigkeit, sich auf wichtige Aspekte konzentrieren und irrelevante Dinge ausblenden zu können. Gesellschaftlich gesehen ist sie dagegen eine Währung, die fast so hart gehandelt wird wie Gold. Scheint doch nichts dem eigenen Leben mehr Bedeutung zu geben als die Aufmerksamkeit der anderen: Im Spiegel des Interesses unserer Mitmenschen glauben wir unseren eigenen Wert zu erkennen – weshalb sich die Kandidaten für Sendungen wie DSDS und Germany’s next Topmodel drängeln, obwohl sie dort öffentlich bloßgestellt und gedemütigt werden; die Aufmerksamkeit, die andere für uns aufbringen, ist nun einmal »die unwiderstehlichste aller Drogen«, wie der Architekt und Softwareentwickler Georg Franck schon 1998 in seiner Ökonomie der Aufmerksamkeit feststellte. »Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.«

Und so ist ein gesellschaftlicher Kampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit entbrannt, den die Medien ebenso verbissen führen wie PR-Strategen, Politiker – aber auch jeder Einzelne von uns. Wir lebten in einer Casting-Gesellschaft , diagnostizieren die Medienforscher Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke in ihrem gleichnamigen Buch. Und in dieser Gesellschaft bereite sich eine »etwas unheimliche« Zahl von Menschen »mit aller Raffinesse auf den großen Auftritt und den unendlich verführerischen Moment des Gesehen-Werdens vor«. Ob auf Twitter, YouTube, im eigenen Blog oder auf Facebook – Hauptsache, man fällt auf.