Beschleunigte Gesellschaft Gegen die Ohnmacht
Warum kämpfen die Menschen heute wie vor 400 Jahren um die Aufmerksamkeit? Und warum ist sie so kostbar? Ein Gespräch mit dem Wissenschaftshistoriker Michael Hagner
DIE ZEIT: Wie geht das, sich angesichts von politisch verstörenden Nachrichten wie denen aus Fukushima auf das zu konzentrieren, was zu tun ist?
ist ausgebildeter Mediziner und lehrt Wissenschaftsgeschichte an der ETH Zürich
Michael Hagner: Wir geraten in eine Beschleunigungssituation, werden aus dem normalen Rhythmus hinauskatapultiert und damit gezwungen, aus dieser Unordnung wieder herauszufinden, indem wir unsere Position etwa zur Atomfrage neu sortieren. Das mag fordernd sein, bietet aber auch die Chance, der Sache gerecht zu werden, ihr nicht zu unterliegen, ihr Unerwartetes abgewinnen zu können. Wer sich einer Sache aufmerksam zuwendet, fühlt sich nicht ganz so ohnmächtig.
ZEIT: Und wie bewältigt man unter dem Eindruck solcher Nachrichten konzentriert die Anforderungen des Alltags, ob als Busfahrer oder Zahnärztin?
Hagner: Der Alltag wird von Routinen getragen. Die notwendige Aufmerksamkeit ist eine Frage der Einübung. Erst wenn das eigene Leben aus den Fugen gerät, wie jetzt für viele Menschen in Japan, sind die Routinen gefährdet oder gar ausgehebelt.
ZEIT: Seit langem rangeln Gelehrte darum, was Aufmerksamkeit ist, und machen sich die Kompetenz streitig. Wann wurde Aufmerksamkeit strittig?
Hagner: Strittig wurde sie in einer ersten Phase der Säkularisierung im 17. Jahrhundert. Der Philosoph Descartes unterschied zwischen spontaner und willkürlicher Aufmerksamkeit. Er meinte, ein Forscher müsse, um sich ausführlich mit einem wissenschaftlichen Gegenstand befassen zu können, über die Fähigkeit verfügen, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Aber ebenso wichtig war es ihm, dass man als Forscher offen bleibt, also nicht in tranceähnliche oder ekstatische Zustände gerät, die einen alles andere vergessen lassen. Das bedeutet die Entsakralisierung der Gegenstände: Sie sind nicht mehr heilig, sind nicht durch Meditation oder im Gebet religiös zu erfassen. Die Statik ist dahin, es geht um eine Fokussierung auf das Neue, das Unbekannte.
ZEIT: Der moderne Forscher – so wie Descartes ihn verstand – unterscheidet die Aufmerksamkeit von der christlichen Idee der Versenkung. Wie ändert sich dabei der Mensch, der aufmerksam ist?
Hagner: Die Aufmerksamkeit wird zur Grundtugend der bürgerlichen Aufklärung, die nun die Welt und den Menschen angemessen studieren will. Diszipliniert, respektvoll, geduldig, aber in der Sache unabgelenkt und frei. Die Aufklärung traut es den Menschen zu, dass sie sich aufmerksam konzentrieren können, im Sinne einer Tugend, die man lernen, üben, perfektionieren kann. Das ist die Grundbotschaft der aufgeklärten Pädagogik: dass die zentrale bürgerliche Tugend der Aufmerksamkeit in jedem Kind geweckt werden kann. Die bürgerliche Gesellschaft hängt der Vorstellung an, dass sie sich allen Dingen der Welt mit Sorgfalt zuwenden kann, ob nun in der Wissenschaft, in den Künsten oder im Gewerbe. Die Aufmerksamkeit der Individuen wird eine geradezu staatstragende Grundvoraussetzung dafür, dass die bürgerliche Gesellschaft funktioniert.
ZEIT: Dafür aber muss der Mensch, wie es damals hieß, seine Seelenkräfte beherrschen. Er darf sich nicht gehen lassen. Wann fängt der Mensch an, dagegen zu rebellieren, dass er sich selbst disziplinieren soll?
Hagner: Ein bürgerliches Subjekt beweist seine Autonomie dadurch, dass es seine Aufmerksamkeit steuern kann. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt die Aufmerksamkeit noch als ein Therapeutikum gegen dunkle Seiten der Vernunft, gegen die Faulheit, den Müßiggang. Sie wird also als Mittel der Vernunft überhöht – und dieser Faden zieht sich durch bis ins Jahr 2011.
Aber ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt ein anderer Diskurs hinzu, und zwar mit dem Beginn der experimentellen Psychologie im Labor, in der die Aufmerksamkeit zum Objekt der Forschung wird. Erst jetzt merkt man durch Experimente, dass man sich nach einem konzentrierten Ausnahmezustand unweigerlich entspannen und zerstreuen muss. Fokussierte Aufmerksamkeit ist notwendigerweise zeitlich begrenzt. Und erst jetzt akzeptiert man, dass sie nicht nur eine Tugend, ein Therapeutikum ist, sondern zudem eine enorme Anstrengung bedeutet. Der Dichter Paul Valéry bringt diese Anstrengung in das wunderbare Gleichnis des Tauchers, der nur begrenzte Ressourcen hat und wieder auftauchen muss, bevor es lebensgefährlich wird.
- Datum 03.05.2011 - 09:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.4.2011 Nr. 18
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Jedem Städter ein kleines Häuschen mit Garten auf dem Lande!
Die Dörfer sterben nicht aus, Häuser müssen nicht abgerissen werden, und der Städter taucht ab, damit er sich in der Arbeitswoche wieder besser konzentrieren kann.
Vielleicht verändert sich die Welt, wenn der Einzelne entscheidet, auf was er seine Aufmerksamkeit richten möchte?
Auf einen Baum, ein Kind, einen Geliebten.
soll es also gehören. D.h. also, der lauteste Schreier ist der angepassteste. Das ist offensichtlicher Unsinn. Es handelt sich bei der Aufmerksamkeitsökonomie um das Wirtschaftssystem der künstlich erzeugten Nachfrage, weil am Bedarf vorbei produziert wird. Die allereinfachsten Zusammenhänge sind offensichtlich für einen "Wissenschaftshistoriker" zu schwierig oder sie wollen und sollen nicht gesehen werden. Auch hier wird massiv am Bedarf vorbei produziert.
die idee der beständigen aufmerksamkeit ist schon im budhistischen tief erwurzelt, also nicht erst eine idee der aufklärung..
aber hierauf im kommentar mit neokapitalisten antworten zu reagieren spricht schon für die notwendige debatte über bewußtwerdung und der notwendigen aufmerksamkeit dafür ;)
... vulgo Herrn Darwin zugeschrieben, soll es doch vom Philosophen Huxley stammen, der damit wohl dem "wave ruling country" die Evolutionslehre nahebringen wollte. Aber wie das so ist mit den GW ( Geisteswissenschaftlern ), sie können Kommata setzen, aber nicht den Sinn erklären.
In der Natur überlebt nicht nur der "Fitteste", sondern nach Fitnessgrad jeder, der im Notenschlüssel der Evolution eine 4,3 oder besser hat. Denn die Fitnessnoten beziehen sich auf die aktuell gültigen Randbedingungen. Eine Art, die 200 Millionen Jahre (!) überlebt hat, die Lebewesen mit -zig Tonnen Körpergewicht "auf die Beine gestellt" hat, kann nicht "unfit" gewesen sein, nur die Randbedingungen hatten sich am 30. Mai 65 mio-a v. Chr. drastisch geändert. Und danach hatte sich der Notenschlüssel geändert und die, die vorher der Klassenclown gewesen waren, hatten auf einmal die besten Noten. Der Spruch müsste richtiger "Non-survival of the least fittest" heißen.
die idee der beständigen aufmerksamkeit ist schon im budhistischen tief erwurzelt, also nicht erst eine idee der aufklärung..
aber hierauf im kommentar mit neokapitalisten antworten zu reagieren spricht schon für die notwendige debatte über bewußtwerdung und der notwendigen aufmerksamkeit dafür ;)
... vulgo Herrn Darwin zugeschrieben, soll es doch vom Philosophen Huxley stammen, der damit wohl dem "wave ruling country" die Evolutionslehre nahebringen wollte. Aber wie das so ist mit den GW ( Geisteswissenschaftlern ), sie können Kommata setzen, aber nicht den Sinn erklären.
In der Natur überlebt nicht nur der "Fitteste", sondern nach Fitnessgrad jeder, der im Notenschlüssel der Evolution eine 4,3 oder besser hat. Denn die Fitnessnoten beziehen sich auf die aktuell gültigen Randbedingungen. Eine Art, die 200 Millionen Jahre (!) überlebt hat, die Lebewesen mit -zig Tonnen Körpergewicht "auf die Beine gestellt" hat, kann nicht "unfit" gewesen sein, nur die Randbedingungen hatten sich am 30. Mai 65 mio-a v. Chr. drastisch geändert. Und danach hatte sich der Notenschlüssel geändert und die, die vorher der Klassenclown gewesen waren, hatten auf einmal die besten Noten. Der Spruch müsste richtiger "Non-survival of the least fittest" heißen.
"""dass die zentrale bürgerliche Tugend der Aufmerksamkeit in jedem Kind geweckt werden kann..."""
Dass es in der nachmetaphysischen Moderne schwer geworden ist Erziehungsziele zu vereinbaren muss nicht verwundern, wie man aber die geschichtliche Entwicklung auf einen Nenner bringt dagegen sehr.
Unter Vermeidung der Ziele, seien es liberale oder die der voraufklärerischen Zeit, propagiert man die Aufmerksamkeit und könnte dabei gleich auch adäquate Methoden aufführen, die diesen Gedanken ins Lächerliche und Vergebliche führen würden.
Kurzdenker unter sich?
Durch Aufmerksamkeit zur Glaubens- und Gewissensfreiheit, ein interessanter Ansatz, den man weiterbeobachten sollte. Die Oerationalisierungen zur Aufmerksamkeitsgewinnung werden zwischer frommer Andacht und moderner Apparatemotivation anzusiedeln sein, und dabei hoffe ich, dass die Entspannung durch körperliche Aktivität nicht zu kurz kommet. Einen gewissen Ideologieverdacht kann ich mir nicht verkneifen. Wird hier die neue Konsenspadagogik angedacht, über die Tugendvorstellungen der betroffenen Eltern hinweg? Einmal von der Didaktik der Aufmersamkeit sprechen zu können, wird wohl auch von der sehr verschiedenen Lebhaftigkeit der auf sie anzuwendenden Objekte abhängen (früher Kinder genannt). Man darf auf die "altersgerechten Programme" gespannt sein, ebenso wie auf Introvertiertheit und Extrovertiertheit durch pädagogische Aufmerksamkeitsüberlegungen geantwortet werden wird. Ratschläge erteilt das ZK in Beijing.
die idee der beständigen aufmerksamkeit ist schon im budhistischen tief erwurzelt, also nicht erst eine idee der aufklärung..
aber hierauf im kommentar mit neokapitalisten antworten zu reagieren spricht schon für die notwendige debatte über bewußtwerdung und der notwendigen aufmerksamkeit dafür ;)
"dass die zentrale bürgerliche Tugend der Aufmerksamkeit in jedem Kind geweckt werden kann“
Aber:
„In der Casting-Gesellschaft bekommt man nur momenthafte Aufmerksamkeit, und zwar ohne die dauerhafte Anstrengung, Arbeit, Zeit und Disziplin, die man aufwendet, um bleibenden gesellschaftlichen Erfolg zu erzielen. [..] Viele sind heute hungrig nach schneller Aufmerksamkeit, weil es zu anstrengend ist, Konzentration zu lernen und um Anerkennung zu kämpfen“
Dann wird in diesen Aussagen das heutige Dilemma von Erziehung und Bildung, die um die Entwicklung der Aufmerksamkeit des Nachwuchses ringt und an dessen Ablenkungen, mangelnder Konzentration und dem verbreiteten Unwillen sich anzustrengen scheitert, auf den Punkt gebracht.
Übersehen wird allerdings die zugrundeliegende Anspannung und Nervosität derer die in ihrer Halt – und Orientierungslosigkeit glauben sie agierten auch im Alltag permanent auf einer Casting-Show-Bühne und ihre Mitmenschen wären das Publikum und die Jury.
In nicht wenigen Teen&Twen-Peer-Groups gerinnen diese Medienformate so zu Umgangsformen in denen die Selbstdarstellung im Vordergrund steht und als Abfolge von Auftritten zum Gruppenritual gehört.
Eltern, Erzieher – und LehrerInnen tun gut daran diesem Treiben frühzeitig entgegenzutreten, denn die Anstrengungen dieser Akteure formatieren das Geschehen und die Aufmerksamkeits - und Motivationslagen ihres zu Voyeren degradierten Umfelds und produzieren nicht zuletzt
Verlierer in Serie.
m.
... vulgo Herrn Darwin zugeschrieben, soll es doch vom Philosophen Huxley stammen, der damit wohl dem "wave ruling country" die Evolutionslehre nahebringen wollte. Aber wie das so ist mit den GW ( Geisteswissenschaftlern ), sie können Kommata setzen, aber nicht den Sinn erklären.
In der Natur überlebt nicht nur der "Fitteste", sondern nach Fitnessgrad jeder, der im Notenschlüssel der Evolution eine 4,3 oder besser hat. Denn die Fitnessnoten beziehen sich auf die aktuell gültigen Randbedingungen. Eine Art, die 200 Millionen Jahre (!) überlebt hat, die Lebewesen mit -zig Tonnen Körpergewicht "auf die Beine gestellt" hat, kann nicht "unfit" gewesen sein, nur die Randbedingungen hatten sich am 30. Mai 65 mio-a v. Chr. drastisch geändert. Und danach hatte sich der Notenschlüssel geändert und die, die vorher der Klassenclown gewesen waren, hatten auf einmal die besten Noten. Der Spruch müsste richtiger "Non-survival of the least fittest" heißen.
und ich schätze Frau von Thadden. Ihr Gesprächspartner war mir bis dato unbekannt. Fragen und Antworten waren für mich mit einmaligem Lesen nicht wirklich "intellektuel durchdringbar", wie das so schön heisst. Vor einer zweiten Lektüre schaue ich mir die ersten Kommentare an. Gebe mir Mühe, zu verstehen, was z.B. Sie zum Thema meinen. Lese bis "Kurzdenker unter sich?" - und kündige Ihnen meinen Kredit an Aufmerksamkeit auf. Schade, aber wer zu Beleidigungen greift, dessen Argumente mag ich nicht mehr wissen.
"Wenn wir es nicht lernen, unseren Kindern das Alleinsein zu ermöglichen, erlernen sie es einsam zu sein." Dieses Zitat, so oder so ähnlich, zeigt für mich am deutlichsten den Unterscheid zwischen Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Am besten geben wir jedem Kind ein persönlichen Trainer für Rund um die Uhr an die Hand, der ihm für jede Handlung ein positives oder negatives Feedback gibt."Bewertung!?" schreit es aus uns herraus, "sonst bist du nichts wert?!" Unsere pädagogisierte Welt macht aus unseren Kindern, alles, nur keine selbständigen Individuen, die ihre Aufmerksamkeit auf etwas lenken, auf das sie selbst anerkennend zurückblicken können, ob positiv, negativ oder irgendwas dazwischen.
Intrinsiche Motivation ist meiner Meinung nach heute kaum noch aufzufinden, da wir immer und überall für unsere Kinder und Jugendlichen Gefahren- bzw. Wertequellen aufstellen, in die sie bloß (nicht) reintappen sollen. Lernen sollen sie gefälligst von uns, und nicht aus ihren eigenen Fehlern! (Nur was wird sonst aus einem Fehler?) Oder so wies Erikson auch darauf hin: Es ist eine traurige Welt, in der wir unsere Kinder nicht als kleine Partner anerkennen.
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