DIE ZEIT: Wie geht das, sich angesichts von politisch verstörenden Nachrichten wie denen aus Fukushima auf das zu konzentrieren, was zu tun ist?

Michael Hagner: Wir geraten in eine Beschleunigungssituation, werden aus dem normalen Rhythmus hinauskatapultiert und damit gezwungen, aus dieser Unordnung wieder herauszufinden, indem wir unsere Position etwa zur Atomfrage neu sortieren. Das mag fordernd sein, bietet aber auch die Chance, der Sache gerecht zu werden, ihr nicht zu unterliegen, ihr Unerwartetes abgewinnen zu können. Wer sich einer Sache aufmerksam zuwendet, fühlt sich nicht ganz so ohnmächtig.

ZEIT: Und wie bewältigt man unter dem Eindruck solcher Nachrichten konzentriert die Anforderungen des Alltags, ob als Busfahrer oder Zahnärztin?

Hagner: Der Alltag wird von Routinen getragen. Die notwendige Aufmerksamkeit ist eine Frage der Einübung. Erst wenn das eigene Leben aus den Fugen gerät, wie jetzt für viele Menschen in Japan, sind die Routinen gefährdet oder gar ausgehebelt.

ZEIT: Seit langem rangeln Gelehrte darum, was Aufmerksamkeit ist, und machen sich die Kompetenz streitig. Wann wurde Aufmerksamkeit strittig?

Hagner: Strittig wurde sie in einer ersten Phase der Säkularisierung im 17. Jahrhundert. Der Philosoph Descartes unterschied zwischen spontaner und willkürlicher Aufmerksamkeit. Er meinte, ein Forscher müsse, um sich ausführlich mit einem wissenschaftlichen Gegenstand befassen zu können, über die Fähigkeit verfügen, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Aber ebenso wichtig war es ihm, dass man als Forscher offen bleibt, also nicht in tranceähnliche oder ekstatische Zustände gerät, die einen alles andere vergessen lassen. Das bedeutet die Entsakralisierung der Gegenstände: Sie sind nicht mehr heilig, sind nicht durch Meditation oder im Gebet religiös zu erfassen. Die Statik ist dahin, es geht um eine Fokussierung auf das Neue, das Unbekannte.

ZEIT: Der moderne Forscher – so wie Descartes ihn verstand – unterscheidet die Aufmerksamkeit von der christlichen Idee der Versenkung. Wie ändert sich dabei der Mensch, der aufmerksam ist?

Hagner: Die Aufmerksamkeit wird zur Grundtugend der bürgerlichen Aufklärung, die nun die Welt und den Menschen angemessen studieren will. Diszipliniert, respektvoll, geduldig, aber in der Sache unabgelenkt und frei. Die Aufklärung traut es den Menschen zu, dass sie sich aufmerksam konzentrieren können, im Sinne einer Tugend, die man lernen, üben, perfektionieren kann. Das ist die Grundbotschaft der aufgeklärten Pädagogik: dass die zentrale bürgerliche Tugend der Aufmerksamkeit in jedem Kind geweckt werden kann. Die bürgerliche Gesellschaft hängt der Vorstellung an, dass sie sich allen Dingen der Welt mit Sorgfalt zuwenden kann, ob nun in der Wissenschaft, in den Künsten oder im Gewerbe. Die Aufmerksamkeit der Individuen wird eine geradezu staatstragende Grundvoraussetzung dafür, dass die bürgerliche Gesellschaft funktioniert.

ZEIT: Dafür aber muss der Mensch, wie es damals hieß, seine Seelenkräfte beherrschen. Er darf sich nicht gehen lassen. Wann fängt der Mensch an, dagegen zu rebellieren, dass er sich selbst disziplinieren soll?

Hagner: Ein bürgerliches Subjekt beweist seine Autonomie dadurch, dass es seine Aufmerksamkeit steuern kann. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt die Aufmerksamkeit noch als ein Therapeutikum gegen dunkle Seiten der Vernunft, gegen die Faulheit, den Müßiggang. Sie wird also als Mittel der Vernunft überhöht – und dieser Faden zieht sich durch bis ins Jahr 2011.

Aber ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt ein anderer Diskurs hinzu, und zwar mit dem Beginn der experimentellen Psychologie im Labor, in der die Aufmerksamkeit zum Objekt der Forschung wird. Erst jetzt merkt man durch Experimente, dass man sich nach einem konzentrierten Ausnahmezustand unweigerlich entspannen und zerstreuen muss. Fokussierte Aufmerksamkeit ist notwendigerweise zeitlich begrenzt. Und erst jetzt akzeptiert man, dass sie nicht nur eine Tugend, ein Therapeutikum ist, sondern zudem eine enorme Anstrengung bedeutet. Der Dichter Paul Valéry bringt diese Anstrengung in das wunderbare Gleichnis des Tauchers, der nur begrenzte Ressourcen hat und wieder auftauchen muss, bevor es lebensgefährlich wird.