Die Verantwortung für das Leben anderer gehört zum Beruf von Ärzten – wie hier bei einer Herzoperation © Oliver Berg/dpa

Der erste Eindruck: ein ruhiger, freundlicher Mann, der gut zuhören kann. Dass er auch bohrende Fragen stellen kann, merkt man erst später. Wichtig ist zunächst einmal, Vertrauen aufzubauen. Denn Werner Fleischer ist Coach , persönlicher Berater, rettender Engel in verfahrenen Situationen. »Manche nennen mich auch ihren Hofnarren«, sagt der 53-Jährige fröhlich. Oft ist er der Einzige, der seinen Klienten unangenehme Wahrheiten offen sagen darf.

Er berät bundesweit Chefärzte, die täglich Höchstleistungen vollbringen müssen. Sein Job: ihnen zu helfen, den Blick fürs Wesentliche zu behalten. Denn der Kosten- und Veränderungsdruck im Klinikgeschäft ist enorm, und die wenigsten Ärzte haben in ihrem Studium gelernt, damit umzugehen. Ihnen verspricht Fleischer Entlastung. Sein Talent: unvoreingenommener Blick auf Probleme, Aufzeigen neuer Optionen. Sein Vorteil: die Vogelperspektive.

Im alltäglichen Getriebe kann schließlich selbst dem engagiertesten Klinikchef mal der Überblick verloren gehen. »Wenn man dazu noch allen Menschen um einen herum gerecht werden möchte, hat man ruck, zuck so viele Affen auf der Schulter sitzen, dass man nur noch gebeugt durch die Klinik geht«, beschreibt Fleischer die Not seiner Klienten.

Dann ist der Hofnarr gefragt. Seine Methode ist so simpel wie effektiv: fragen. Was möchten Sie bis Ende des Jahres erreichen? Worauf wollen Sie stolz sein? Oder: Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu, dass Sie sich nach Süddeutschland bewerben? Schon das kann enorme Wirkung entfalten. »Wieso, was hat meine Frau damit zu tun?«, entfuhr es einem Oberarzt bei der Frage nach seiner Zukunftsplanung. Dass auch private Aspekte zählen, war ihm nicht in den Sinn gekommen.

»Beruflich Profi, privat Amateur«, nennt Fleischer dieses weitverbreitete Merkmal von Erfolgsmenschen. Ebenso schwer falle es vielen, sich auch Ruhezeiten zu gönnen, einmal auszuschlafen, Sport zu treiben, Hobbys und Freundschaften zu pflegen. Erstaunlich viele Chefärzte seien zum Beispiel überzeugt, selbst gar keine Pause zu benötigen – entgegen allen Empfehlungen, die sie ihren Patienten geben.

Fleischers Aufgabe ist es allerdings nicht nur, die Aufmerksamkeit seiner Klienten auf die notwendige Balance von Beruf und Privatleben, An- und Entspannung zu lenken; er hinterfragt auch, wie sie mit ihrer eigenen Konzentration haushalten. Denn Chefärzte leiden – wie viele Manager und Angestellte – nicht nur unter Druck und hohem Tempo, sondern auch unter der permanenten Informationsflut. »Wir tragen den Computer am Gürtel, lesen unsere Mails zwischendurch, werden ständig herausgerissen aus dem, was wir gerade tun – und verlieren die Konzentration.« Manchen empfiehlt Fleischer streng, ihre E-Mails nicht öfter als zweimal am Tag abzurufen. Schließlich gehe es darum, »die modernen Techniken zu nutzen und sich nicht von ihnen dirigieren zu lassen«.

Schwieriger sei der Umgang mit dem oft tief sitzenden Gefühl der Entfremdung, dem Eindruck, gar nichts mehr selbst gestalten zu können. Chefärzte haben heute Medizincontroller an ihrer Seite, die genau prüfen, was sich rechnet. Heilungsgeschichten verschwinden in »Diagnosebezogenen Fallgruppen«, Mediziner müssen sich um Abrechnungssysteme kümmern, die Konkurrenzkliniken im Blick haben – da entsteht fast unweigerlich das Gefühl, ein kleines Rädchen im großen Getriebe zu sein, das nichts mehr zu entscheiden und nur zu funktionieren hat.