Zen-Buddhisten vergleichen das menschliche Denken gerne mit einem wilden Affen, der unkontrollierbar umherspringt, mal hierin, mal dorthin. Dass mir dieses Bild ausgerechnet jetzt in den Kopf kommt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn eigentlich sollte ich mich auf den Monitor vor mir konzentrieren. Nur ist diese Aufgabe derart öde, dass der Gedanken-Affe ständig herumhüpft.

Die Kognitionspsychologin Nilli Lavie testet gerade meine Konzentrationsfähigkeit. Wir sitzen im Aufmerksamkeitslabor des University College London , und ich starre – wie Hunderte Probanden vor mir – auf eine Buchstabenfolge. Mein Job: Taucht ein X auf, eine Taste drücken, bei einem N eine andere. Kinderleicht. Doch ständig schweifen meine Gedanken wie von selbst ab: »Läuft ganz gut.« Oder: »Mist, Fehler!« – »Wie schneide ich wohl im Vergleich zu anderen ab?« – »Was denkt die Psychologin jetzt?« Und so weiter und so fort.

Viele Versuchsprotokolle zeigen: Je mehr die Gedanken im Labor wandern, umso höher ist die Fehlerrate. Ein Zen-Meister würde jetzt vermutlich zu jahrelanger Meditation raten, um den eigenen Geist unter Kontrolle zu bringen. Nilli Lavie demonstriert, dass sich die Konzentration auch anders erhöhen lässt: Sie steigert einfach den Schwierigkeitsgrad. Statt nur mit einer Handvoll Zeichen werde ich nun mit einem ganzen Gewirr von Buchstaben konfrontiert; um den richtigen zu finden, ist alle Geistesgegenwart vonnöten. Da sitzt der Affe plötzlich ganz still.

Aus solchen Beobachtungen folgert Lavie: Unsere Aufmerksamkeit hängt nicht nur von der bewussten Verarbeitung von Informationen im Arbeitsgedächtnis ab – sondern auch davon, wie ausgelastet die Sinneskanäle sind. Werden sie mit Eindrücken überfrachtet, sind sie irgendwann voll und weitere Reize dringen gar nicht erst ins Arbeitsgedächtnis vor.

Das ist einerseits positiv: Bezieht sich nämlich die Reizflut auf die zu bewältigende Aufgabe, ist das Gehirn kaum mehr in der Lage, an anderes zu denken. Diesen Effekt, sagt Lavie, könne man zum Beispiel im Schulunterricht oder bei der Therapie von ADHS-Patienten nutzen: Es reiche oft, das Unterrichtsmaterial visuell aufwendiger zu gestalten, um bei Zerstreuten mehr Konzentration zu erreichen. Deshalb sehen ihre eigenen wissenschaftlichen Präsentationen wie überladene Comiczeichnungen aus, gespickt mit bunten Bildern, Sprechblasen, Pfeilen, Verweisen, Blödeleien. Da bleibt man dran.

Andererseits kann die Reizüberflutung auch fatale Folgen haben : wenn wir dadurch blind für weitere wichtige Informationen werden. Wer etwa im Straßenverkehr von einem überladenen Armaturenbrett und vielen Straßenschildern in Anspruch genommen wird, übersieht leichter den Fußgänger, der plötzlich die Fahrbahn betritt. Das konnten Forscher eindeutig messen. Lavie rät daher allen Verkehrsplanern, an gefährlichen Kreuzungen die Straßenschilder zu entrümpeln. (Für Sicherheitskampagnen empfiehlt sie negative Botschaften, denn die würden im Gehirn vordringlich verarbeitet. » Kill your speed« wirke einfach stärker als »Fahren Sie vorsichtig«.)

Abgesehen davon zeigen die Experimente im Londoner Labor große individuelle Unterschiede: Manche Menschen verfügen über eine kleinere Aufmerksamkeitsspanne als andere. Das gilt auch für Kinder und Ältere – deshalb haben diese in einer Großstadt besondere Mühe, sich zurechtzufinden. Doch es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit: Weil bei Kindern und Senioren auch der Sinneskanal schneller »voll« ist, bleiben sie in vertrauter Umgebung oft besser bei der Sache.

Und wie steht es um meine eigene Aufmerksamkeit? Lavie grinst. Offenbar gibt es in meinen Testergebnissen noch ziemlich Luft nach oben. Aber, tröstet sie, wichtig sei nicht das absolute Maß der Aufmerksamkeit, sondern der richtige Umgang damit. Die goldene Regel laute: »Kenne deine Grenze!« Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich mit dem Affen in meinem Kopf anzufreunden. Ulrich Schnabel