BerlinMeine neuen Nachbarn

Kurz vor dem Kollaps ist es am schönsten: Kreuzberg bereichern neuerdings Prolltouristen und Anzugträger. von 

Der Autor (links) mit Vertretern des neuen Kreuzbergs in Berlin: Flasche Bier und Rollkoffer.

Der Autor (links) mit Vertretern des neuen Kreuzbergs in Berlin: Flasche Bier und Rollkoffer.  |  © Oliver Mark

Es gibt Dinge, die man als Kreuzberger noch immer früher mitbekommt als der Rest der Republik. Dass mit der Integration beispielsweise etwas schiefläuft, wurde mir bereits Mitte der Neunziger bewusst. Stell dir vor, es ist Samstagnachmittag, Freizeitfußballzeit, eine buntscheckige Truppe purzelt querfeldein durch den Park, und plötzlich kommt der frisch hinzugekommene Flügelstürmer, den du nach seinem Namen gefragt hast, weil Fußball doch so multikulti ist, mit der Antwort heraus: »Sag einfach Türke zu mir.« In solchen Momenten fühlt man sich als Kreuzberger persönlich beleidigt.

Erwähnt sein will dies deshalb, weil der Zeitgeist sich in Berlins bekanntestem Bezirk über zwei Jahrzehnte hinweg eher sporadisch zeigte: Die entscheidenden Epiphanien der erwachenden Hauptstadt spielten allesamt anderswo. Wer dem Bär beim Toben zusehen wollte, ging nach Mitte. Wer Gefallen am Genuss viel zu bunter Cocktails fand, machte rüber nach Friedrichshain. Wer garantiert türkenfrei wohnen wollte, floh schon früh, auch der Kinder wegen, nach Prenzlauer Berg . Als Kreuzberger war man, je nach Perspektive, Teil eines abgehängten Milieus oder aber gehörte zu den Glücklichen, an denen die Karawane vorüberzog. Bis auch hier die Kiezdämmerung anbrach.

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Schwer zu sagen, wann genau es losging. Vielleicht, als die ersten Alurollkoffer übers Kopfsteinpflaster schepperten. Oder als Döhnert’s Dampfbäckerei – mit falschem Genitivapostroph, wie es sich gehört – plötzlich »back.art« hieß und statt traditionell minderer Berliner Teigwaren duftende, bundesweiten Standards genügende Erzeugnisse anzubieten begann. Für meine Person war ein kritischer Punkt erreicht, als ich eines Abends beim Inder am Schlesischen Tor mit »very cheap« -Animationen zum Verweilen bewegt werden sollte. Animationskultur, das ist etwas für die Koberer auf St. Pauli, aber nicht Kreuzberg-Style.

Es ist ein komplett neuer Stadtteil, der sich im Laufe weniger Sommer aus dem tendenziell lichtabgewandten, nach einer 66 Meter hohen Erhebung benannten früheren Zonenrandbezirk herausgemendelt hat. Von der Anmutung her handelt es sich um eine überdimensionierte Lounging-Area, wo der Strand über dem Pflaster liegt und das Publikum, wenn es nicht gerade mit Bierflaschen in der Hand um die Häuser zieht, in Decken gewickelt der Sonne entgegenblinzelt, als befände es sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Ökonomisch gesehen ist der Dienstleistungssektor erblüht, mit Rock-’n’-Roll-Friseuren, Trendtätowierern und anderen jungen Kreativbetrieblern. In geografischer Perspektive ist ein Expansionsprozess zu beobachten: Kreuzberg hat sich relauncht und heißt dort, wo es früher auf seine Antithese Neukölln stieß, östlich des Kottbusser Damms nämlich, jetzt Kreuzkölln.

Wer hätte das gedacht! Das frühere Schmuddelkind ist auf seine alten Tage noch einmal schick geworden. Schnucklige Bars haben sich in ehemaligen Kohlekellern eingenistet. Auf der Admiralbrücke , die den Landwehrkanal überspannt, versammeln sich an schönen Abenden junge Menschen zum Sonne-untergehen-Gucken, während mitgebrachte Gitarren für Stimmung sorgen wie einst in Woodstock. Rund um die Oberbaumbrücke, wo an der Mauer die Welt einmal unwiderruflich zu Ende war, ist an Samstagabenden kein Durchkommen mehr, so naturgewaltengleich ziehen die Ströme von Amüsierwilligen ins angrenzende Friedrichshain und zurück. Von der Babymützchenboutique bis hin zum Ökoweinshop: Der Kiez boomt. Die Bürgerinitiativen und Aktivistengrüppchen aber, die sich in einem kreuzbergtypischen Abwehrreflex gebildet haben, machen die Gegenrechnung auf: steigende Mietpreise, Immobilienspekulation, soziale Entmischung.

Auch wenn vieles davon vorerst übertrieben wirkt – das Gentrifizierungskarussell, das sich zwei Jahrzehnte eifrig anderswo drehte, hat Kreuzberg erfasst und den üblichen Strukturwandel nach sich gezogen: Den Künstlern als Pionieren der Zwischennutzung billigen Wohnraums – die Zwischennutzung ist das Trockenwohnen der Gentrifizierung – folgten die Junggastronomen. Dann zogen die zahlungskräftigen Mittelschichten nach, denen es im verkehrsberuhigten Suburbia zu öde wurde. Am Ende der Kette stehen die Touristen , die mit Easyjet billig eingeflogen kommen, um einen Geist zu erspüren, der sich vor zu vielen Touristen verflüchtigt hat.

Leserkommentare
  1. 1. Irrtum

    Sozialismus bedeutet als erstes Arbeit. Dann Arbeit. Und dann wieder Arbeit. Kein Ort in der alten Bundesrepublik war davon soweit entfernt wie Kreuzberg.

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    [...] Der Vergleich mit dem Sozialismus, der ist ja wohl voll daneben: Im Sozialismus konnte ich meine Wohnungstür den ganzen Tag unverschlossen oder offen stehen lassen, ohne dass mein Hausrat sich in Wohlgefallen auflöste. Im Sozialismus konnte ich nach der Mai-Demo meine Bockwurst essen und mir den [...] voll laufen lassen, ohne in irgendwelche Krawalle militanter "Revolutionäre" zu geraten. [...]

    Wenn im Sozialismus auch der Rechtsstaat in seiner heutigen Form zu wünschen übrig ließ - Ordnung und Disziplin, die eigentlich auch in einen Rechtsstaat gehören, waren jedenfalls ausgeprägter als in diesem Kreuzberger "Kiez"!

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Darstellungen. Danke. Die Redaktion/wg

    • anyweb
    • 29. April 2011 15:12 Uhr

    lieber autor, sie haben da einen wirklich schönen artikel geschrieben. trotzdem kann ich dazu nur sagen, alles geht weiter und verändert sich. das ist auch gut so. der sozialismus ist vorbei. das habe nicht ich mir ausgedacht, sondern das sind die zeichen des momentanen zeitgeistes.
    aber hey, good news, wedding kommt!
    ich weiß, dass das schon seit 20 jahren behauptet wird, aber es ist wirklich soweit. da gibts jede menge schöner, abgeranzter westkiezecken ohne jegliche ironie und mehr ballonseide als ihnen lieb ist.

  2. ist der Stadtteil schon wieder out. Sorry Redaktion, ihr habt's verschlafen :P

  3. Ich kenne mich in Berlin nicht sehr gut aus, deswegen kann ich den Artikel inhaltlich nicht beurteilen. Aber eines ist er: sehr schön geschrieben!

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  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/wg

  5. Also wenn die Zeit mich jetzt auch schon vollberlint, respektive kreuzbergt, dann ist wohl echt die Luft raus.

  6. Ich finde das immer wieder amüsant,wenn Menschen über Orte philosophieren von denen sie keine Ahnung haben und an denen sie auch nicht leben(müssen).
    Pervers den täglichen Überlebenskampf vieler Kiezbewohner romantisieren und selber,ohne dickes Bankkonto, wahrscheinlich nicht einen einzigen Tag überleben würden.

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    Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie nicht vom täglichen Struggle des Designstudenten reden, der sich jeden Tag aufs neue überlegen muss ob man noch Hornbrille vom Flohmarkt kaufen kann oder das schon overhipstert ist? Von Studentenarmut im Kiez durch zu "intensives Networking" bei Bierlaune mal abgesehn. ;))

    • AWWWWA
    • 29. April 2011 16:48 Uhr

    "Samstagnachmittag, Freizeitfußballzeit,"

    Wie soll das gehen ? Das ist ( gerade damals ) beste Bundesligazeit, wo alle vorm Radio / Fernseher hocken.

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