Berlin Meine neuen Nachbarn
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Besuchen Sie Kreuzberg, solange es noch steht!

Wer heute an einem sonnigen Tag die Oranienstraße in Richtung Heinrichplatz entlangschlendert, die Hände hinter dem Rücken verschränkt wie ein türkischer Familienvater, der mal eben nach dem Rechten sieht, könnte auf die Idee kommen, dass sich so viel gar nicht verändert hat. Noch immer sitzen Scharen bohemistisch gekleideter Twentysomethings vor den Läden und Lokalen und lassen den Herrgott einen guten Mann sein, mit dem einzigen Unterschied, dass alles ein bisschen schöner, informierter, eleganter geworden ist. Doch das sind nur oberflächliche Übereinstimmungen. Während der Lebenskünstler alten Schlags zu nichts wirklich zu gebrauchen war, oft nicht einmal für sein persönliches Fortkommen, ist die Neo-Boheme ins Blickfeld der Stadtplaner gerückt: ohne schöne Menschen kein Stadtmarketing. Und nicht nur das. Die Erlebenden sind mittlerweile selbst Produzenten: als Imagelieferanten, Kunstgewerbler oder Dienstleister.

Ironie der Geschichte: Der Bohemien hat nicht nur einen gar nicht einmal so langen Weg vom Rand der Gesellschaft in die Mitte zurückgelegt, er ist zum Mitspieler bei der Entwicklung einer neuen, auf Kreativleistungen gegründeten Ökonomie geworden. Ohne aktive Beteiligung der »kreativen Klasse« keine Modemesse, kein Poetry-Slam, keine Kunstbiennale. Die Avantgarde der Bewegung ist, ähnlich wie vor einem Jahrzehnt in Mitte, ins Segment der Edelgastronomie vorgedrungen, mit dem Effekt, dass Spitzenpolitiker, die sich vor Jahren nur unter Polizeischutz nach Kreuzberg gewagt hätten, inzwischen ein Gläschen in bunter Gesellschaft zu schätzen wissen – stell dir vor, du drehst dich um und schaust in das Gesicht Frank-Walter Steinmeiers. Vor den wenigen Läden, in denen sich ein Rest original Kreuzberger Absturzatmo erhalten hat, sitzt indessen die alt gewordene Tresenmannschaft vor einem Glas Weizenbier und schaut traurig in die Gegend.

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Manchmal gehe ich auf ein spätes Bier ins Manouche. Von der Einrichtung her wirkt das Lokal, als wäre es von einem exzentrischen Innenarchitekten aus verschiedenen Orten und Epochen zusammengesampelt worden, ein bisschen Montmartre, ein bisschen Greenwich Village, eine Prise Existenzialismus, diverse Spurenelemente Punk und Warhol, ein Hauch Barcelona, wie man es aus den Songs des vagabundierenden Protestbarden Manu Chao kennt, und eine Extraportion Kreuzberg, alles in jenem improvisierten Sperrmüll-Look, mit dem Berlin sich erfolgreich von westdeutschen Städten wie München abgrenzt, was diverse aus Karrieregründen zugereiste Münchner bis heute nicht verwunden haben. Die eigentliche Attraktion des Hauses aber sind französische Crêpes. In diversen Geschmacksrichtungen werden sie live hinter dem gut einsehbaren Tresen hergestellt.

Die zwei Herdplatten wirken wie ein DJ-Set, an dem ein dunkelhäutiger Zeremonienmeister Botschaften in den Teig scratcht, während die weiße Bedienung Bestellungen entgegennimmt und ein undefinierbarer Nerd mit Wollmütze einfach nur kreatives Chaos bereitet. Was mich am Manouche fasziniert, ist der Umstand, dass hier die wesentlichen Momente der Stadtentwicklung spielerisch zusammenkommen: der Trend zur Eventgastronomie, die Nivellierung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, die Aufwertung des Viertels durch gekonnt dargestellte Hipness, aber auch der Wunsch, an vorhergegangene Ästhetiken des guten Lebens anzuknüpfen. Das Manouche ist alles zugleich: Erlebnisort, Ramschladen, Museum, Zukunftslabor und, besonders am Wochenende, ein bisschen auch Touristenfalle. Besuchen Sie Kreuzberg, solange es noch steht!

Es ist die Vision einer Stadt als Themenpark, die uns Alteinwohnern in gewissen Momenten ein subtiles Gruseln verschafft: Noch mehr Provinzjugend, die sich mit Pete-Doherty-Hütchen und Motto-T-Shirts auf pub crawl begibt, und die Sache kippt. Und obwohl wir selbst irgendwann aus der Provinz zugereist sind, glauben wir, uns dies leisten zu können, weil der Mythos von der befreiten Zone nachwirkt. Die in Kreuzberg beheimatete Songwriterin und Desillusionskünstlerin Christiane Rösinger hat die – inzwischen die ganze Stadt betreffende – Stimmung auf den Vers gebracht: »Wenn die Autofahrer / kurz am Amok streifen / und die Hostelhorden durch die Straßen geifern / wenn die Gullis stinken / und die Pärchen winken / ja dann sind wir wieder in Berlin«.

So negativ muss man freilich nicht denken. Von Boris Groys stammt der Gedanke, Berlin sei ein Film, der von den Hinterlassenschaften des realen Sozialismus erzählt: dem Leben auf Pump in der wärmenden Nische. Was wir im Moment erleben, wäre die Postproduction des Sozialismus: Die entscheidenden Szenen sind abgedreht, doch noch immer entfalten die Bilder ihre Wirkung. Die Leute strömen ins Kino, weil sie einen Rest der Handlung mitbekommen wollen. Last Exit Boheme: Wer früher rausgeht, könnte das Beste verpassen. Ein bisschen allerdings leben wir schon jetzt in Kulissen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Irrtum

    Sozialismus bedeutet als erstes Arbeit. Dann Arbeit. Und dann wieder Arbeit. Kein Ort in der alten Bundesrepublik war davon soweit entfernt wie Kreuzberg.

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    [...] Der Vergleich mit dem Sozialismus, der ist ja wohl voll daneben: Im Sozialismus konnte ich meine Wohnungstür den ganzen Tag unverschlossen oder offen stehen lassen, ohne dass mein Hausrat sich in Wohlgefallen auflöste. Im Sozialismus konnte ich nach der Mai-Demo meine Bockwurst essen und mir den [...] voll laufen lassen, ohne in irgendwelche Krawalle militanter "Revolutionäre" zu geraten. [...]

    Wenn im Sozialismus auch der Rechtsstaat in seiner heutigen Form zu wünschen übrig ließ - Ordnung und Disziplin, die eigentlich auch in einen Rechtsstaat gehören, waren jedenfalls ausgeprägter als in diesem Kreuzberger "Kiez"!

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Darstellungen. Danke. Die Redaktion/wg

    [...] Der Vergleich mit dem Sozialismus, der ist ja wohl voll daneben: Im Sozialismus konnte ich meine Wohnungstür den ganzen Tag unverschlossen oder offen stehen lassen, ohne dass mein Hausrat sich in Wohlgefallen auflöste. Im Sozialismus konnte ich nach der Mai-Demo meine Bockwurst essen und mir den [...] voll laufen lassen, ohne in irgendwelche Krawalle militanter "Revolutionäre" zu geraten. [...]

    Wenn im Sozialismus auch der Rechtsstaat in seiner heutigen Form zu wünschen übrig ließ - Ordnung und Disziplin, die eigentlich auch in einen Rechtsstaat gehören, waren jedenfalls ausgeprägter als in diesem Kreuzberger "Kiez"!

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Darstellungen. Danke. Die Redaktion/wg

    • anyweb
    • 29.04.2011 um 15:12 Uhr

    lieber autor, sie haben da einen wirklich schönen artikel geschrieben. trotzdem kann ich dazu nur sagen, alles geht weiter und verändert sich. das ist auch gut so. der sozialismus ist vorbei. das habe nicht ich mir ausgedacht, sondern das sind die zeichen des momentanen zeitgeistes.
    aber hey, good news, wedding kommt!
    ich weiß, dass das schon seit 20 jahren behauptet wird, aber es ist wirklich soweit. da gibts jede menge schöner, abgeranzter westkiezecken ohne jegliche ironie und mehr ballonseide als ihnen lieb ist.

  2. ist der Stadtteil schon wieder out. Sorry Redaktion, ihr habt's verschlafen :P

  3. Ich kenne mich in Berlin nicht sehr gut aus, deswegen kann ich den Artikel inhaltlich nicht beurteilen. Aber eines ist er: sehr schön geschrieben!

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  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/wg

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  5. Also wenn die Zeit mich jetzt auch schon vollberlint, respektive kreuzbergt, dann ist wohl echt die Luft raus.

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  6. Ich finde das immer wieder amüsant,wenn Menschen über Orte philosophieren von denen sie keine Ahnung haben und an denen sie auch nicht leben(müssen).
    Pervers den täglichen Überlebenskampf vieler Kiezbewohner romantisieren und selber,ohne dickes Bankkonto, wahrscheinlich nicht einen einzigen Tag überleben würden.

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    Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie nicht vom täglichen Struggle des Designstudenten reden, der sich jeden Tag aufs neue überlegen muss ob man noch Hornbrille vom Flohmarkt kaufen kann oder das schon overhipstert ist? Von Studentenarmut im Kiez durch zu "intensives Networking" bei Bierlaune mal abgesehn. ;))

    Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie nicht vom täglichen Struggle des Designstudenten reden, der sich jeden Tag aufs neue überlegen muss ob man noch Hornbrille vom Flohmarkt kaufen kann oder das schon overhipstert ist? Von Studentenarmut im Kiez durch zu "intensives Networking" bei Bierlaune mal abgesehn. ;))

    • AWWWWA
    • 29.04.2011 um 16:48 Uhr

    "Samstagnachmittag, Freizeitfußballzeit,"

    Wie soll das gehen ? Das ist ( gerade damals ) beste Bundesligazeit, wo alle vorm Radio / Fernseher hocken.

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