Ältere Mitarbeiter Völlig unentbehrlich

Ältere Arbeitnehmer können viel. Man muss sie aber weiterbilden und an der richtigen Stelle einsetzen

Sie sind Könner. Sie beherrschen ihr Handwerk, kennen die Abläufe; jeden Griff haben sie tausendmal geübt. Gleichzeitig gehen sie frisch an die Arbeit, suchen Herausforderung, sind neugierig und hungrig auf Erfolg.

Wenn die Psychologin Ursula Staudinger von den mobilen Teams im Bremer Werk des Stahlkonzerns ArcelorMittal erzählt, leuchten ihre Augen – sie beschreibt eine Erfolgsgeschichte. Dabei waren die Menschen, die den Teams angehören, nicht nur alt, sondern auch erschöpft und ausgelaugt, müde von vielen Jahren stumpfer Eintönigkeit. Heute springen sie ein, wo Not am Mann ist, gleichen aus, wo das Unternehmen flexibel reagieren muss. Sie beflügeln mit ihrer Erfahrung neue Projekte. Sie sind unentbehrlich.

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Der demografische Wandel ist eine Tatsache: Eine Welle älterer Arbeitnehmer, Wähler, Verbraucher rollt auf Wirtschaft und Gesellschaft zu. »Die mittlere Lebenserwartung hat sich in den letzten hundert Jahren um dreißig Jahre verlängert«, sagt Staudinger, die das Zentrum für lebenslanges Lernen an der privaten Jacobs University in Bremen leitet. »Wer heute 65 ist, der hat im Durchschnitt noch 22 Jahre vor sich. Den größeren Teil davon übrigens bei guter Gesundheit.« Und das ist nur ein Aspekt des Phänomens. Hinzu kommen ein spürbarer Geburtenrückgang, ein global verschärfter Wettbewerb, eine verlängerte Lebensarbeitszeit. »Es wird massive Umstellungen geben«, fasst Staudingers Kollege Sven Voelpel zusammen. »China, die größte Volkswirtschaft der Welt, wird 2040 ein Durchschnittsalter von 54,5 Jahren haben. Und Europa wird nicht weit darunter bleiben.«

Die Fakten liegen also auf dem Tisch: Wir werden älter, wir werden weniger. Qualifizierte Arbeitskraft wird knapp. Darum müssen Bildung und gesundheitliche Vorsorge endlich als entscheidende Investitionen begriffen werden. Ältere Arbeitnehmer, die Wissen und Erfahrung angesammelt haben, sind ein unschätzbares Kapital – und darauf sollte man gut aufpassen! So lautet die erste Forderung an Arbeitgeber, die den strukturellen Wandel überstehen wollen. Die zweite: grundlegend umdenken! Nicht das kalendarische Alter ist das Problem – das Bild vom Alter ist es, geprägt durch eine lange Reihe von Fehlern und Versäumnissen auf dem Weg dorthin: Monotonie am Arbeitsplatz, Blockaden, dazu einseitige Belastung, mangelnder Ausgleich, das Fehlen einer individuellen Perspektive. Was nottut, ist Entwicklungsarbeit, gezielt, systematisch, auf den Einzelnen bezogen.

Sven Voelpel selbst ist erst 37, doch er kann sich gut an die Zeiten erinnern, als viele Banken, Einzelhandelsunternehmen, die Medienbranche und große Konzerne ihre älteren Mitarbeiter pauschal aussortierten: Wer Mitte fünfzig oder darüber war, wurde auf einen vorgezogenen Ruheposten versetzt, in die Altersteilzeit abgeschoben oder bekam die Kündigung. »Ein schwerer strategischer Fehler«, kommentiert der Wirtschaftsexperte im interdisziplinären Team der Bremer Forscher: kurzsichtig im Hinblick auf die demografische Zukunft, fahrlässig im Umgang mit den Ressourcen. Zynisch ohnehin. Jüngere seien zwar häufiger mobil und kreativ, reaktionsschnell und körperlich belastbar, fasst Voelpel die Befunde der Forschung zusammen, sie hätten zudem eine größere Bereitschaft, zu lernen. Doch schon bei der verbreiteten Auffassung, sie täten sich auch leichter mit dem Erwerb einer Fremdsprache, hakt Ursula Staudinger ein: »Ein Stereotyp«, konstatiert die Entwicklungspsychologin, »ein Vorurteil, erwachsen aus der Beobachtung, dass sich Menschen natürlich schwertun mit dem Lernen, wenn man sie ein Leben lang nicht gefordert hat.«

Denn auf der anderen Seite stehen die Chancen, die sich durch kluge Entwicklungsarbeit erschließen lassen, durch Weiterbildung und flexible Anpassung an Lebenssituation und Bedürfnisse: »Ältere Arbeitnehmer haben eine höhere Arbeitsmoral und mehr Bewusstsein für Qualität«, listet Voelpel auf. »Sie können besser strategisch denken, besser logisch argumentieren, sind eher bereit, zu teilen, und besonnener als ihre jüngeren Kollegen. Und sie haben ein stärker ganzheitliches Verständnis für die Arbeit.«

Die Prognose ist mit den Grundrechenarten zu erledigen. Wenn viele länger leben und in Zukunft wohl auch länger arbeiten, wenn zudem qualifizierter Nachwuchs knapper wird, dann wird sich die Altersstruktur in vielen Unternehmen verschieben: mehr Alte, weniger Junge. Eine intensivere Zusammenarbeit ist unvermeidlich. Sie kann nur funktionieren, wenn sie gut strukturiert ist. Das ist die dritte Herausforderung, der sich Arbeitgeber im Angesicht des demografischen Wandels stellen müssen. Den Chancen – Austausch, Ausgleich, Vielfalt in den Ideen, Weitergabe von Wissen und Kontakten – stehen nämlich Risiken gegenüber: Misstrauen, Missgunst, Reibungsverlust, Konflikte. Die große Zahl von Studien, in denen die Kooperation von alten und jungen Mitarbeitern untersucht wird, hat der Dresdner Organisationspsychologe Jürgen Wegge ausgewertet. Sein Fazit, auf den ersten Blick eher skeptisch: »Es ist nicht ratsam, ohne weitere Begleitung altersgemischte Teams zu bilden.«

Doch betont Wegge auch, dass es sich lohne, näher hinzuschauen. In 111 Finanzämtern erfassten er und seine Kollegen die Zeit, die unterschiedliche Teams brauchten, um Steuererklärungen zu bearbeiten. Gruppen, die sich aus alten und jungen Beamten zusammensetzten, waren im Durchschnitt schneller, als wenn nur Alte oder nur Junge an den Papieren arbeiteten. Der Unterschied war geringer, wenn es sich um einfache Routineaufgaben handelte, aber wenn Anträge kompliziert waren – dann lieferten die gemischten Teams Höchstleistung.

Für die Bremer Forscher beginnt hier die Vermittlungsarbeit. Zu den Ausgangspunkten gehören eine relativ schlichte Beobachtung – und ein hartnäckiger Denkfehler: Wer jahrzehntelang ein und dieselbe Arbeit tut, der bekommt davon einen krummen Rücken oder einen müden Geist. Mit dem Alter jedoch hat beides nur mittelbar zu tun. Tatsächlich sind es gefühlte Ausweglosigkeit und einseitige Belastung, die solchen Verschleiß verursachen. Der wissenschaftliche Beweis? »Schauen Sie sich mal die Krankenzahlen an«, rät Ursula Staudinger. »Die haben ihren ersten Gipfel noch in jungen Jahren. Da werden Sie nicht von Alterserscheinungen reden...« Aber von Ermattung, von nachlassender Motivation. Vom Schock der Ebene. Die ersten zehn, zwölf Jahre im Unternehmen sind verstrichen; harte, ermüdende Jahre. Dreißig oder vierzig sollen folgen. Und Veränderung ist nur für die in Sicht, die es nach oben schaffen, auf die nächste Stufe der Karriereleiter.

Leser-Kommentare
  1. "Nicht das kalendarische Alter ist das Problem – das Bild vom Alter ist es, geprägt durch eine lange Reihe von Fehlern und Versäumnissen auf dem Weg dorthin: Monotonie am Arbeitsplatz, Blockaden, dazu einseitige Belastung, mangelnder Ausgleich, das Fehlen einer individuellen Perspektive. Was nottut, ist Entwicklungsarbeit, gezielt, systematisch, auf den Einzelnen bezogen." Wie viele sind auf diese Weise schon mit 40 in eine Rente mit Arbeitsvertrag getrieben.

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  2. "Heute springen sie ein, wo Not am Mann ist, gleichen aus, wo das Unternehmen flexibel reagieren muss."

    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die älteren Arbeitnehmer sehr gut ausgebeutet werden können. Nur, weil die Älteren vielleicht wieder ein bisschen was machen wollen ...?

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    • macey
    • 04.05.2011 um 21:21 Uhr

    Völlig unentbehrlich? Soll das ein Witz sein, angesichts von mehr als 10 Millionen Arbeitssuchenden und einer gigantischen Arbeitslosenreservearmee in Deutschland?! Ältere Arbeitssuchende haben schon ab 40 Jahren kaum noch Einstellungschancen, sie werden, angesichts von einer wahren Bewerberflut auf fast jede offene Stelle, meist sofort wegen ihres Alters aussortiert.
    Seit der Öffnung des Arbeitsmarktes Richtung Osteuropa, wird die Situation älterer Arbeitnehmer noch schwieriger. Die deutschen Firmen tendieren dazu, lieber junge Zuwanderer, als ältere Deutsche einzustellen!

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    "Seit der Öffnung des Arbeitsmarktes Richtung Osteuropa, wird die Situation älterer Arbeitnehmer noch schwieriger. Die deutschen Firmen tendieren dazu, lieber junge Zuwanderer, als ältere Deutsche einzustellen!"

    War die Öffnung des Arbeitsmarktes nicht erst Anfang >>dieser<< Woche? So schnell geht das mit den Effekten...ist ja unfassbar...

    "Seit der Öffnung des Arbeitsmarktes Richtung Osteuropa, wird die Situation älterer Arbeitnehmer noch schwieriger. Die deutschen Firmen tendieren dazu, lieber junge Zuwanderer, als ältere Deutsche einzustellen!"

    War die Öffnung des Arbeitsmarktes nicht erst Anfang >>dieser<< Woche? So schnell geht das mit den Effekten...ist ja unfassbar...

  3. »Menschen sind nicht dafür gemacht, tagein, tagaus das Gleiche zu tun«. Das muss man den Firmen offensichtlich erst einnmal erklären - obwohl es doch zeimlich einleuchtend ist.

    Bis die Mehrzahl der Firmen die Vorteile von gemischten Teams, von der Abgeklärtheit der Älteren wahrgenommen oder gar als Vorteil genutzt hat, wird noch viel Wasser der Rhein runterfließen.

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    • gruTa
    • 04.05.2011 um 21:35 Uhr

    Ich sitze hier einer Maschinenbauregion im Süden und sehe das live jeden Tag. Über 50 wird man rausgedrängt, in grösseren Läden gibts ne nette Abfindung die gerne mitgenommen wird und schon hat man das Alteisen entsorgt. Der Artikel ist sehr einseitig, das Beispiel von Alcelor habe ich in dem Zusammenhang schon in zig anderen Beiträgen dieser Art gesehen, scheint wohl der einzige Laden zu sein, ist wieder die reinste Propaganda, wie die meisten Artikel in der Kategorie Karriere der zeit online.
    [...]

    Bevor der Zensor wieder zuschlägt, hätte ich mal genrne ne Antwort auf meine Fragen. Hat die (einst) seriöse Zeit das nötig? Der Spiegel hat ja jetzt auch seit kurzem ein Karriereportal, das ähnlich durchseucht von PR-Auftragschreibe die als journalistische Artikel verkauft werden, nur noch ne Spur plumper, gepaart mit viel versteckter Werbung.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/er

    4 Leser-Empfehlungen
  4. Abgesehen von den allzu großen Verallgemeinerungen (Ältere sind dies, Jüngere sind das, blabla): Absolute Zustimmung!

    Oft arbeiten jüngere Arbeitnehmer gern mit erfahrenen Kollegen zusammen - was man dort an Wissen und Erfahrung vermitteln kann, ein offenes Klima in der Abteilung vorausgesetzt, ist Gold wert, für Arbeitgeber wie Kollegen.

    Wie auf der anderen Seite mit älteren Arbeitnehmern anscheinend oft in Deutschland umgegangen wird, welcher Jugendwahn in den Personalerköpfen anscheinend existiert, führt nicht nur für den einzelnen Betroffenen zur Tragödie, sondern ist betriebswirtschaftlicher Unsinn par excellence.

    Einen Aspekt vergisst der Artikel allerdings: Teil der Bevorzugung jüngerer Bewerber ist eine üblicherweise geringere Lohnforderung. Ältere Arbeitnehmer verdienen gerade in tarifgebundenen Betrieben teilweise überdurchschnittlich gut, und im Berufsleben darf es anscheinend auch immer nur aufwärts gehen (sowohl bei der Tätigkeit als auch bei der Bezahlung).

    ...

  5. ...
    Ich denke, wir kommen als Gesellschaft nicht umhin, dieses Denken ad acta zu legen. Zum Einen, weil wir anscheinend in Zukunft auch noch mit knapp 70 eine Stelle haben sollen, zum Anderen weil uns sonst schlicht die Erfahrung und Arbeitskraft der Alten fehlt. Es kann aber nicht immer nur nach oben gehen.

    Warum nicht als Modell des Erwerbslebens akzeptieren, daß man mit 40-50 irgendwann einen Peak erreicht, danach auch dem Nachwuchs eine Chance gibt, selbst eine weniger stressige Aufgabe übernimmt, einhergehend mit langsam abnehmendem Gehalt. So wäre dem Arbeitgeber gedient, welcher die Erfahrung des Älteren nutzen kann, ohne unrealistische Gehaltsforderungen bedienen zu müssen, und der Arbeitnehmer hat die Chance auf Dauerbeschäftigung bis zur Rente, wenn er dies möchte.

    Oder übersehe ich etwas?

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    Ihr nettes Modell funktioniert sogar: Aber eben nur in Staatsbetrieben, also beim Beamtenapparat oder beamtenähnlichen Angestellten, also all denen, die sich dem (weltweiten) kapitalistischen Wettbewerb nicht stellen müssen. Beispiel gefällig (selbst erlebt): Ein Fachverkäuferin, Anfang 50, kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr den ganzen Tag stehen. Der Arzt empfiehlt eine mehr sitzende Tätigkeit. Im Betrieb sind entsprechende Stellen besetzt. Konsequenz am Ende: Die Verkäuferin erhält die Kündigung, weil sie häufiger krank ist. Aber es geht auch anders: Polizeibeamte, die nicht mehr so leistungsfähig sind machen überwiegend Innendienst, im Notfall gibt es die Frühensionierung. Die genannte Verkäuferin bezieht inzwischen übrigens Hartz IV, denn arbeitsunfähig ist sie ja nicht und vermittelbar in diesem Alter schon gar nicht mehr.

    Willkommen in Realität.

    Ihr nettes Modell funktioniert sogar: Aber eben nur in Staatsbetrieben, also beim Beamtenapparat oder beamtenähnlichen Angestellten, also all denen, die sich dem (weltweiten) kapitalistischen Wettbewerb nicht stellen müssen. Beispiel gefällig (selbst erlebt): Ein Fachverkäuferin, Anfang 50, kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr den ganzen Tag stehen. Der Arzt empfiehlt eine mehr sitzende Tätigkeit. Im Betrieb sind entsprechende Stellen besetzt. Konsequenz am Ende: Die Verkäuferin erhält die Kündigung, weil sie häufiger krank ist. Aber es geht auch anders: Polizeibeamte, die nicht mehr so leistungsfähig sind machen überwiegend Innendienst, im Notfall gibt es die Frühensionierung. Die genannte Verkäuferin bezieht inzwischen übrigens Hartz IV, denn arbeitsunfähig ist sie ja nicht und vermittelbar in diesem Alter schon gar nicht mehr.

    Willkommen in Realität.

  6. "Seit der Öffnung des Arbeitsmarktes Richtung Osteuropa, wird die Situation älterer Arbeitnehmer noch schwieriger. Die deutschen Firmen tendieren dazu, lieber junge Zuwanderer, als ältere Deutsche einzustellen!"

    War die Öffnung des Arbeitsmarktes nicht erst Anfang >>dieser<< Woche? So schnell geht das mit den Effekten...ist ja unfassbar...

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