DIE ZEIT: Herr Hartmann, die Nachfrage nach Absolventen der Ingenieurwissenschaften ist groß, während Geisteswissenschaftler weiter Schwierigkeiten haben, nach dem Abschluss sofort eine Stelle zu finden. Sollten sie lieber umsatteln?

Michael Hartmann: Nein, denn wir haben bei Ingenieuren seit Jahrzehnten einen Wechsel von Mangel und Überschuss . Die Unternehmen, die jetzt klagen, würden ihre Mitarbeiter gern aus einer Menge junger qualifizierter Ingenieure auswählen können. Es stehen aber noch ältere arbeitslose Ingenieure zur Verfügung, auf die nicht zurückgegriffen wird. Der Mangel wird sich erst dann verschärfen, wenn die Jahrgänge kleiner werden.

ZEIT : Darum werben die Verbände der technischen Berufe jetzt schon an den Schulen: Sie wollen mehr künftige Studenten für ihre Fächer begeistern. Sollten die sich begeistern lassen, um ihre Berufschancen zu verbessern?

Hartmann : Aus jemandem, der mathematisch unbegabt ist, kann man keinen Ingenieur machen. Wer gegen seine Interessen studiert, wird in seinem Beruf nie richtig gut werden; damit verschlechtert er seine Chancen eher. Gerade der Ingenieurberuf erfordert Talent und Leidenschaft. Übrigens würde ich auch keiner Frau raten, nur wegen der besseren Karrieremöglichkeiten Ingenieurin zu werden. Eine Doktorandin von mir hat herausgefunden, dass die Arbeitslosigkeit unter Ingenieurinnen nicht geringer ist als die unter Frauen, die typische Frauenfächer studieren.

ZEIT : Woran liegt das?

Hartmann : Die Ingenieurberufe sind immer noch Männerbastionen , das bestimmt die Arbeitskultur. Zum Beispiel wird davon ausgegangen, dass die Mitarbeiter weitgehend frei verfügbar sind – Mütter sind das aber nicht. Da Personalabteilungen das wissen, stellen sie Frauen entsprechend zurückhaltend ein.

ZEIT : Dass es noch so wenige Ingenieurinnen gibt, liegt also gar nicht an den Rollenbildern von puppenspielenden Mädchen und klötzchenbauenden Jungen?

Hartmann : Doch, daran auch. Es würde aber sehr lange dauern, diese Stereotype flächendeckend zu ändern, damit sich mehr Frauen für den Ingenieurberuf interessieren. Viel einfacher wäre, die Frauen, die Interesse zeigen, nicht abzuschrecken.

ZEIT : Trotzdem: Die Ingenieurwissenschaften gelten als Fach, das den sozialen Aufstieg ermöglicht. Warum nützen nicht mehr junge Menschen diese Chance?

Hartmann : Viele, die sie nützen können, tun das bereits. Es sind die Kinder von Facharbeitern, die oft ein Fachhochschulstudium anstreben und damit auf der sozialen Leiter eine Stufe höher klettern. Allerdings ist der Anteil der Aufsteiger an den Fachhochschulen in den vergangenen zehn Jahren von zwei Dritteln auf die Hälfte gesunken.

ZEIT : Wie kam es dazu?

Hartmann : Das liegt an den Hürden im Bildungssystem, die die soziale Selektivität erhöhen. Das trifft besonders die Kinder von Arbeitern mit ausländischen Wurzeln. Außerdem spielen für Studierende aus Arbeiterfamilien die Kosten eine entscheidende Rolle. Wenn das Bafög gesenkt wird, sinkt auch die Zahl der Arbeiterkinder an den Hochschulen. Hier müsste man ansetzen.

ZEIT : Sie raten also nicht dazu, neue Gruppen für die Ingenieurwissenschaften zu erschließen, sondern die vorhandenen gezielter zu fördern.

Hartmann : Genau. Es ist viel schwerer, eine Lehrerstochter für ein Ingenieurstudium zu begeistern als den Sohn eines türkischen Metallarbeiters.

ZEIT : Jede Berufsgruppe reproduziert sich selbst?

Hartmann : Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eines Arztes wieder Arzt wird, ist relativ hoch. Das kann natürlich auch daher rühren, dass der Vater die Praxis übergeben will und deshalb gezielt darauf hinwirkt. Aber grundsätzlich entscheidet sich der Mensch lieber für das Vertraute. Wer in einem Arzthaushalt aufwächst, hat nebenbei schon viel über den Beruf erfahren. Er weiß, worauf er sich einlässt.

ZEIT : Geisteswissenschaftsstudenten kommen oft aus der bürgerlichen Mitte. Riskieren sie den sozialen Abstieg?

Hartmann : Generell kann man das sicher nicht sagen. Dafür ist das Tätigkeitsspektrum zu breit. Wer aus einer klassischen Arztfamilie kommt, der geht allerdings schon ein Risiko ein, wenn er statt Medizin Philosophie studiert. Die Gruppe derer, die aus Trotz kein »solides« Fach studieren, weil sie sich von ihren Eltern abgrenzen wollen, ist relativ klein.