Die große Halle des Pekinger Nationalsmuseums, entworfen vom Hamburger Architekturbüro gmp. © Christian Gahl

Am Ort, um den sich derzeit halb Deutschland streitet, ist es ruhig. Es ist später Nachmittag, die meisten Besucher sind schon weg. Geblieben ist jener Typ Ausstellungsbesucher, der leise möglichst Geistreiches sagt und aufmerksam alle Informationsplaketten studiert. Draußen stehen bereits die Massen an, um Freikarten für den morgigen Tag zu ergattern. Alle Ausstellungen im neuen Pekinger Nationalmuseum sind umsonst, bis auf eine: Die Kunst der Aufklärung , sie kostet 30 RMB, umgerechnet etwa 3,30 Euro Eintritt – was viele in Deutschland geärgert hat.

Doch das war längst nicht alles. Seit der bekannte Künstler Ai Weiwei nur zwei Tage nach der Eröffnung festgenommen wurde , ist die Ausstellung in Deutschland zum erbitterten Streitpunkt geworden, für viele ist sie Symbol einer verfehlten Kultur- und Chinapolitik, eine Schmusestunde mit unbelehrbaren Potentaten. Was aber denken eigentlich die, um die es bei der ganzen Veranstaltung gehen soll? Die chinesischen Besucher?

Die Modestudentinnen sind gekommen, weil sie ihr Professor schickte, die Falten und Schnitte europäischer Eleganz zu studieren. Eine chinesische Aufklärung werde es wohl nicht geben, meinen sie, »unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist ganz anders«. Außerdem hätten das doch schon die Reformer der Qing-Dynastie erledigt. Na dann. Vor den einschüchternden Umrissen des Wetterhorns steht der MBA-Student, er besucht die Universität Qinghua, Wiege der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes. Die europäische Aufklärung fasziniere ihn, deshalb habe er in der Ausstellung alte Bekannte getroffen, von denen er oft gelesen habe, Diderot und Kant. »Die Aufklärung war ein Meilenstein für Europa. Seither stieg der Kontinent auf, während gleichzeitig China degenerierte.« Erst nach den verlorenen Opiumkriegen begann sein Land aufzuwachen, sich langsam neuem und fremdem Denken zu öffnen. »Die neue Kulturbewegung, in der China sich selbst hinterfragte und öffnete, war einer der freiesten Moment chinesischer Geschichte.« Freier als jetzt? Der Student sieht sich um, blickt zum misstrauisch schauenden Wächter und sagt dann schnell: »Nein, freier als jetzt war es nie.« Die chinesische Aufklärung, sagt der Student, sei eine Blume gewesen, die sich in dem Moment, in dem sie sich öffnete, auch schon wieder schloss und verdorrte. Wird es eine neue chinesische Aufklärung geben? »Wenn, dann werden Politik und Gesellschaft zusammengehen.« Man brauchte, sagt der Student, eine Aufklärung des Rechtssystems, »der Menschenwürde. Denn darum ging es doch immer dabei.«

Die chinesischen Besucher kennen die europäische Geschichte genau

Die meisten Menschen, mit denen man auf der Ausstellung spricht, wissen erstaunlich viel über europäische Geschichte. Sie kennen die Daten der napoleonischen Kriege und des Dreißigjährigen Krieges, sie verstehen gewandt die Unterschiede und Gleichzeitigkeiten Europas und Chinas herauszuarbeiten. Unvorstellbar, dass einem Chinesen in Europa ähnlich breites Wissen über sein Land begegnen würde. Und doch zeigt sich, dass längst nicht für jeden der beabsichtigte Zusammenhang (Aufklärung jetzt!) klar auf der Hand liegt. Manche sehen eher die Unterschiede der Geschichte als die Universalität des Ideals.

»Das Problem ist«, sagt ein Bekannter, »dass die Menschen, die auf so eine Ausstellung gehen, doch ohnehin die Aufgeklärten sind. Die wissen, wie man mit einem Private Network die Computerzensur umgeht. Diejenigen aber, die wirklich Aufklärung benötigen würden, erreicht die Ausstellung doch gar nicht.« Er hält die Absichten den Deutschen, mit einer derartigen Ausstellung in China für Aufklärung zu sorgen, »für gut gemeint, aber entsetzlich naiv«. Eine Kollegin von ihm, Parteigenossin, ärgere sich gar über die Deutschen, »die immer in alles politische Farbe bringen« wollten. Andere hingegen glauben an Wandel durch Annäherung. So etwas zu machen, sagt eine Bekannte. »Und das mitten auf dem Tiananmen-Platz! Genial! Die Regierung merkt gar nicht, was sie sich da hereingeholt hat! Die Debatte, sie gibt der Ausstellung doch erst den gegenwärtigen Rahmen, das politische Gewicht. Das hat was von Aktionskunst.«

Die wenigsten Chinesen haben von der Debatte in Deutschland etwas mitbekommen, kein Wunder, schließlich hat keine Zeitung, kein Radio- oder Fernsehsender darüber berichtet. Eine kleine Umfrage unter Bekannten zeigt: Nur eine ist der Meinung, man sollte die Ausstellung sofort abbrechen. »Das zeigt doch, dass man derzeit so was nicht in China machen kann. Deutschland sollte klar Farbe bekennen und die Sachen zurückholen.« Die anderen setzen auf Grautöne. »Deutschland sollte hinter den Kulissen mit der chinesischen Regierung verhandeln«, rät ein kritischer Künstler. »Sie könnten drohen, die Ausstellung abzuziehen, und fragen: Was gebt ihr uns, wenn wir es nicht tun?« Ohne damit allerdings an die Öffentlichkeit zu gehen.

Es ist Abend geworden. Vor dem Museum warten noch immer Schüler, Rentner und Touristen auf Karten für den nächsten Tag. Ob sie die Kunst der Aufklärung besuchen werden? Oder etwa Wege zur Blüte, die patriotische Gratis-Propagandaschau?