Der Saal 6 des Oberlandesgerichts Stuttgart ist eine Festung der Justiz. Meterdicke Mauern, grob verputzt, Leuchtstoffröhren, grauer Filzboden. Tageslicht dringt nur durch Schlitze in den Seitenwänden und an der Decke herein. Der einzige Wandschmuck ist das Landeswappen Baden-Württembergs. Am Mittwoch, dem 4. Mai 2011, wird Jürgen Hettich, Vorsitzender Richter des 5. Strafsenats, unter dem Wappen Platz nehmen und einen Prozess eröffnen, der Rechtsgeschichte schreiben wird – egal, wie er ausgeht. In diesem Saal wurde über Mafia-Delikte, islamistische Terroranschläge und Morde geurteilt, auch Hettich hat hier schon schwerste Straftaten verhandelt. Aber es waren vergleichsweise einfache Verfahren nach dem deutschen Strafgesetzbuch: Die Tatorte befanden sich in der Regel auf deutschem Boden, die Zeugen und das Beweismaterial ebenso, und meistens führten sie direkt zum Angeklagten.

Dieses Mal geht es nicht nur um Mord, es geht um Massaker und Massenvergewaltigungen , um Rekrutierung von Kindersoldaten, Brandstiftung und Plünderungen, begangen im Kongo, 6000 Kilometer von Stuttgart entfernt. Es werden Zeugen auftreten, die kein Deutsch, sondern Swahili oder Kinyaruanda sprechen. Schon für die korrekte Betonung des Namens des Angeklagten hat Hettich eine Weile üben müssen: Ignace Murwanashyaka, beschuldigt der Kriegsverbrechen in 39 und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit in 26 Fällen. Im Fall eines Schuldspruchs droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Menschen in kongolesischen Orten mit Namen wie Ekengi, Kipopo, Kaniola werden den Prozess verfolgen. In Luofu wird Pater Edimon beim nächsten Gottesdienst einige Worte zu dem sagen, was sich da im fernen »Stüttgaard« abspielt. Er wird nach einer geeigneten Stelle in der Bibel suchen, die trösten und beruhigen soll, »weil die Erinnerung die Menschen wieder aufwühlen wird«. Pater Edimon hat damals, im April 2009, die Messe gelesen vor den Särgen der Toten. Grob gezimmerte Holzkisten, manche nicht länger als einen Meter. Das reichte aus für die verkohlten Leichen zweijähriger Kinder.

Es ist nicht einfach, die Gräueltaten von Luofo, Ekengi oder Kaniola mit dem Angeklagten in Verbindung zu bringen. Zum einen, weil Ignace Murwanashyaka, ein 47-jähriger Familienvater mit jungenhaftem Studentengesicht, so gar nicht wirkt wie der Anführer einer der berüchtigsten Milizen Afrikas. Zum anderen, weil er selbst nie auf jemanden geschossen, nie ein Dorf geplündert hat. Die Ankläger der Bundesanwaltschaft können Murwanashyaka keine direkte Tatbeteiligung nachweisen. Sie beschuldigen ihn, Kriegsverbrechen von Deutschland aus befohlen oder zumindest gebilligt zu haben. »Vorgesetztenverantwortlichkeit« heißt das im Juristendeutsch, definiert in Paragraf 4 des Völkerstrafgesetzbuchs (VStGB). Das VStGB ist erst seit 2002 in Kraft, es besagt, dass schlimmste Menschenrechtsverletzungen auch dann vor einem deutschen Gericht geahndet werden können, wenn der Tatort auf einem anderen Kontinent liegt und weder Täter noch Opfer Deutsche sind.

Grundlage ist das Weltrechtsprinzip , wonach Diktatoren und Kriegsherren nirgendwo mehr vor Strafverfolgung sicher sein sollen. Eine hehre Anleitung für eine bessere Welt. Bloß verrät sie nicht, wie man im Kongo, einem Land ohne Straßen und Strom, dafür mit einer unübersichtlichen Anzahl von Rebellengruppen, Beweise für ein Strafverfahren in Deutschland sammelt. Um am Ende nachweisen zu können, dass die Befehle für Massaker im Ostkongo in einer Mannheimer Einzimmerwohnung erteilt wurden.

Es ist ein Samstag, der 18. April 2009, als die Nachrichtenagentur Reuters den Überfall auf das ostkongolesische Luofu durch Rebellen meldet. 255 Häuser seien in der Nacht angezündet worden, berichtet der Dorfchef Emmanuel Murindu dem Korrespondenten per Telefon, mindestens acht Menschen seien getötet worden, darunter mehrere Kinder, die in den Flammen verbrannt seien.

Die Bewohner von Luofu beerdigen am Sonntag ihre Toten auf einem Stück Brachland nahe der katholischen Kirche. 6000 Kilometer weiter nördlich feiert die Mannheimer St.-Peter-Gemeinde die Sonntagsmesse. Zu den treuesten Kirchgängern zählt seit Jahren ein Exilruander, Vater zweier kleiner Kinder, Doktor der Wirtschaftswissenschaften. In seiner Freizeit kümmert er sich um Senioren des nahe gelegenen Pflegeheims, kauft für eine 85-Jährige ein und schiebt sie sonntags im Rollstuhl zum Gottesdienst. Freitags kommt er oft zum Rosenkranzgebet in die Kirche.

Er spricht fließend Deutsch. »Nennen Sie mich einfach Ignace«, sagt er, weil er weiß, dass seine Bekannten von St. Peter Schwierigkeiten haben, seinen Nachnamen auszusprechen: Murwanashyaka. »Der Ignace«, das wissen sie in St. Peter, kam schon 1989 als Student nach Deutschland, er hat hier promoviert und ist mit einer deutschen Frau liiert. »Der Ignace«, auch das wissen sie in St. Peter, engagiert sich immer noch sehr für seine Heimat, für seine Volksgruppe der Hutu, die, wie er sagt, verfolgt wird. Dass »der Ignace« auch Präsident und oberster Befehlshaber einer Rebellenorganisation namens FDLR ist, die im Kongo unter anderem für Massenvergewaltigungen berüchtigt ist, weiß in St. Peter lange keiner. Selbst dem für Asylfragen zuständigen Bundesamt ist es offenbar entgangen, dass Ignace Murwanashyaka Mitglied einer verbrecherischen Rebellentruppe ist: Im Jahr 2000 erhielt er politisches Asyl und eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.

FDLR steht für Forces Démocratiques de Libération du Rwanda, Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas. Dabei haben die FDLR mit Demokratie wahrlich nichts zu tun, und in Ruanda agieren ihre Mitglieder schon lange nicht mehr. Zur Führung der FDLR zählen Offiziere und Politiker der Volksgruppe der Hutu, die 1994 den Völkermord in Ruanda organisiert haben.