Demjanjuk-Prozess: Ivan der Armselige
Das letzte große NS-Verfahren geht zu Ende. Was sagt der Demjanjuk-Prozess über die Schuld des Angeklagten? Und was sagt er über uns, die Nachgeborenen?
© Lukas Barth/EPA/dpa

Ivan Demjanjuk am Münchner Gericht
In den meisten Strafprozessen tritt irgendwann ein Moment der Klarheit ein. Ein Augenblick, in dem die Masken fallen, die Lügen zusammenbrechen und die Wahrheit herauskommt. Einen solchen Moment hat es im Prozess gegen John Demjanjuk in München nie gegeben.
Fast neunzig Verhandlungstage lang hat die Schwurgerichtskammer den Vorwurf geprüft, der 91-jährige Angeklagte habe als junger Mann Beihilfe zur Ermordung von mindestens 27.900 Juden im Vernichtungslager Sobibór geleistet. Zahllose Zeugen wurden gehört, Tausende Seiten Dokumente verlesen, Historiker, Urkundentechniker, medizinische Sachverständige haben ausgesagt. Draußen vor dem Gerichtsgebäude in der Nymphenburger Straße wurde es Frühling, Sommer, Herbst, Winter und wieder Frühling. Deutschland scheiterte im WM-Halbfinale in Südafrika, die Republik stritt über die Thesen von Thilo Sarrazin, in Arabien stürzten die Diktatoren. Und in München wird noch immer gegen John Demjanjuk verhandelt. Aber die Zweifel bleiben.
Verantwortlich dafür ist vor allem der Angeklagte selbst. Er hätte reden können. Er hätte Klarheit schaffen können, wie die Angehörigen der Opfer so verzweifelt gehofft haben. Er hätte, wenigstens ein Mal, so etwas wie Anteilnahme für die Ermordeten erkennen lassen können. Mindestens 250.000 Menschen sind in Sobibór grausam umgebracht worden. Doch John Demjanjuk schweigt, seit er im Sommer 2009 aus den USA nach Deutschland abgeschoben worden ist. Wie ein dösender Buddha liegt er auf seinem Krankenbett, tagein, tagaus. Meist hält er die Augen geschlossen, manchmal hebt er eine Hand, ganz selten murmelt er etwas Unverständliches vor sich hin. Ein Gebet sei das, sagt die Übersetzerin.
Ist das der Mann, der im Vernichtungslager Sobibór Männer, Frauen, Kinder in die Gaskammern getrieben hat, fluchend, stoßend, prügelnd ? So lange man ihn auch betrachtet, in seinem Rollstuhl oder auf der Krankenliege, man vermag es nicht zu erkennen. Ein »Phantom« hat ihn einer der Prozessbeobachter einmal genannt. Und tatsächlich, das ist er: ein Phantom, eine unwirkliche Erscheinung, ein Körper, der hin- und hergeschoben wird, eingehüllt in Decken.
Nur ein einziges Mal, sechs Wochen nach Prozessbeginn, hat Demjanjuk selbst den Mund aufgemacht. Er sitzt aufrecht in seinem Rollstuhl, er wirkt wach, zum ersten Mal grinst er in die Kameras. Und dann sagt er zu den Journalisten: »I’m not Hitler. So what’s the matter with you?« Sein Englisch ist hart, ein schwerer Akzent liegt darauf. »Ich bin nicht Hitler. Also, was wollt ihr?« Demjanjuk lacht ein wenig über seinen Scherz, dann schweigt er wieder. Und legt sich im Gerichtssaal in sein Krankenbett, wie an den meisten Tagen.
Ivan Nikolajewitsch Demjanjuk wird am 3.April 1920 in einem Dorf in der Ukraine geboren. Während der großen Hungersnot nach Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft isst er Rinde und Ratten, um zu überleben. Gleich nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion muss er an die Front, gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft, in eines der grauenhaften Lager, in denen die gefangenen Rotarmisten zu Tausenden sterben, an Hunger, Kälte, an der Ruhr. Demjanjuk lässt sich, davon geht jedenfalls die Anklage aus, von der SS anwerben, um beim Holocaust zu helfen. Nach dem Krieg schlägt er sich nach Amerika durch, nennt sich fortan John, schuftet bei Ford in Cleveland am Fließband, gründet eine Familie und geht sonntags in die Kirche, bis Mitte der siebziger Jahre die ersten Ermittlungen in den Vereinigten Staaten gegen ihn beginnen.
Demjanjuk sei »Ivan der Schreckliche« gewesen, werfen ihm die US-Behörden vor, der grausame Maschinist der Gaskammern von Treblinka. Ein Sadist, der Männern auf dem Weg ins Gas die Ohren abschnitt und Frauen die Brüste. So fest glauben die amerikanischen Ermittler an diese Theorie, dass sie blind werden für Gegenbeweise und Entlastungsdokumente zurückhalten. Demjanjuk verliert seinen US-Pass, er wird nach Israel ausgeliefert und vor Gericht gestellt. Mehrere Überlebende von Treblinka glauben, ihn wiederzuerkennen. Er wird zum Tode verurteilt, fünf Jahre wartet er auf seine Hinrichtung, dann entdecken die israelischen Staatsanwälte in russischen Archiven neue Dokumente, die beweisen, dass »Ivan der Schreckliche« ein anderer war.
Demjanjuk darf zurück nach Hause. Aber nicht für lang. Bald wird wieder gegen ihn ermittelt. Nun nicht mehr wegen Treblinka. Demjanjuk sei von Frühjahr bis Spätsommer 1943 Wachmann in Sobibór gewesen, lautet jetzt der Vorwurf, ein Handlanger des Massenmordes. Wieder sind sich die Amerikaner sicher, und nun beginnen auch in Deutschland die Ermittlungen. Im Juli 2009 wird Demjanjuk von Neuem aus den USA ausgewiesen, ein kleines Flugzeug bringt ihn nach München, bald darauf wird Anklage gegen ihn erhoben, wegen Beihilfe zum Massenmord in Sobibór.





Regimekritiker sind immer freizusprechen.
im falschen Forum "verlaufen"
und der Moderator merkt das nicht einmal.
Ist es wirklilch hilfreich, mit einem nichtssagenden Allgemeinplatz, der gar nichts mit dem hier relevanten Artikel zu tun hat, die Ernsthaftigkeit und Tragik des
Demjanuk-Prozesses zu belasten?
im falschen Forum "verlaufen"
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Ist es wirklilch hilfreich, mit einem nichtssagenden Allgemeinplatz, der gar nichts mit dem hier relevanten Artikel zu tun hat, die Ernsthaftigkeit und Tragik des
Demjanuk-Prozesses zu belasten?
Das könnte ein Artikel im Windschatten der Walpurgisnacht sein.
Denn das bedauerliche an jeder Hexenjagd ist, dass noch niemand einen glimmenden Scheiterhaufen fliegen sah. Ich meine damit nicht, dass die Geschichte im Stillschweigen ruhen soll, sondern dass es gerade hilfreich wäre, sie zum sprechen zu bringen.
Den Angehörigen und der Nachwelt wäre mit einer ehrlichen Stellungnahme Demjanjuk weitaus mehr geholfen als mit seiner, sei sie auch rechtens, Schauverurteilung.
Während zb. die Nürnberger Prozesse ein deutliches Zeichen an die Nachwelt waren, dass das Geschehene nie wieder vorkommen darf, braucht es den Nachdruck des common sense im Jahre 2011 glücklicherweise nicht mehr notwendigerweise.
Was 66 Jahre später, für alle Beteiligten wertvoller als ein verbittert-schweigsamer alter Mann hinter Gintern wäre, eine detaillierte Schilderung der Vorkommnisse mit all ihren moralisch-politischen Verstrickungen, individuellen und kollektiven Perspektiven und Wertungen nämlich, wird durch einen solchen präjudizierten Prozess der auf Genugtuung abzielt, leider unterdrückt.
Die Zeit drängt. Jedoch nicht die zur Verurteilung, sondern die der letztmöglichen subjektiv-historischen Datensicherung.
im falschen Forum "verlaufen"
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Ist es wirklilch hilfreich, mit einem nichtssagenden Allgemeinplatz, der gar nichts mit dem hier relevanten Artikel zu tun hat, die Ernsthaftigkeit und Tragik des
Demjanuk-Prozesses zu belasten?
seine Identität nicht hinreichend geklärt ist.
Dieser israelische Freispruch wird nicht leicht gefallen sein, aber er folgte einer rechtsstaatlichen Erfordernis.
Ist er aber nun tatsächlich der Gesuchte ?
Die Beweise gegen ´Ivan den Schrecklichen´ sind erdrückend, aber gegen Demjanjuk ?
Liebe ZEIT-Redaktion, es ist fatal, wenn Sie insbesondere im Zusammenhang mit dem Völkermord Stalins an den Ukrainern (der sog. "Hungersnot") Demjanjuks Namen auf Russisch schreiben. Auch wenn die westliche Öffentlichkeit dies weitgehend ignoriert, ist das Ukrainische eine eigenständige und vom Russischen durchaus verschiedene Sprache: Er wurde als Ivan Mykolajovyč Demjanjuk in der Nähe des heutigen Kosjatyn in der Zentralukraine geboren.
Ich denke nicht, das er verurteilt werden wird. Er hätte nicht fliehen können. Die SS hätte ihn gejagt, gefunden und gehängt.
Und ich glaube kaum, das ein Bauernsohn wie er "Spass" am töten hatte. Ich denke er wollte nur überleben, wie jeder das will.
Mal gucken wie der Prozess ausgeht...
Das hier immer wer kommt mit "reinwaschen". Das ist bald 70 Jahre her. Hier trägt kaum einer noch Schuld. Es gibt also auch niemanden, der sich reinwaschen muss.
Es gab den verdacht auf eine Straftat, deshalb wird ein Prozess eingeleitet. Das ist eine Staatsordnung und die wird ausgeführt. Sinnvoll oder nicht. UNd ob es zu spät ist, oder nicht, hatten wir denn die wahl ihn früher vor gericht zu stellen? NEIN!
also bitte erst denken und dann reden. Danke.
Ich stimme dem Kommentar von MetaReaktor vollkommen zu. Was bringt der Nacheelt oder den noch lebenden Opfern, die "nur" Qual erlitten haben, statt sofort zu sterben, eine Verurteilung eines Mannes, der seinem Zustand nach zu urteilen, jeden Tag sterben könnte? Seine Mitstreiter wurden meist zum Tode verurteilt. Dies ist heute in der Bundesrepublik ohnehin nicht mehr möglich. Also sollte man ihm auf juristischem Wege einen Freispruch versichern, egal welche Aussage er treffen mag. Und man lasse ihn erzählen, wie es war und wenn er dann von jedem einzelnen Mord erzählt, auch wie er selbst ihn durchführte, dann lasst ihn frei und seid froh über die vielen Informationen, die ein kleines Stückchen mehr Wahrheit in die schreckliche Zeit mit ihren schrecklichen Vorkommnissen gebracht haben. Ich denke, das tut den Opfern mehr Gerechtigkeit, als ein 10 jahre währender Prozess, der zu nichts führt, Ungewissheit streut und der Angeklagte an Altersschwäche stirbt, ohne je ein Fünkchen Klarheit gestreut zu haben.
wurden zum Tode verurteilt. Die meisten beteiligten Deutschen kamen, wenn sie überhaupt verurteilt wurden, mit vergleichsweise geringen Strafen davon.
Außerdem hat D. jahrelang in Israel im Gefängnis gesessen, und auf die Hinrichtung gewartet - also schon mehr gebüßt als seine deutschen Vorgesetzten.
Hier soll an einem, der keineswegs Herr des eigenen Schicksals war, das letzte mögliche Exempel statuiert werden.
Ca 3 Mio. sowjetische Kriegsgefange sind in deutschen Lagern umgekommen, die Verhältnisse waren dort mörderisch.
D. hat versucht, aus dem Gefangenenlager herauszukommen, indem er mit den Deutschen kollaborierte, und ist so wahrscheinlich (ich weiß es nicht) zum Mörder geworden. Wenn überhaupt, dann haben von allen brutalen KZ-Wächtern solche Menschen, die selbst Opfer der Nazis waren, noch am ehesten Anspruch auf mildernde Umstände.
Zitat:
"Seine Mitstreiter wurden meist zum Tode verurteilt."
Übrigens: in Israel verjährt Mord nach 30 Jahren, Völkermord allerdings nicht. Israelische Gerichte konnten nach 5 Jahren den ersten Schuldspruch aufheben, ohne ihr Gesicht zu verlieren.
Dieser Prozeß ist eine traurige Angelegenheit, ganz egal wie er ausgeht.
wurden zum Tode verurteilt. Die meisten beteiligten Deutschen kamen, wenn sie überhaupt verurteilt wurden, mit vergleichsweise geringen Strafen davon.
Außerdem hat D. jahrelang in Israel im Gefängnis gesessen, und auf die Hinrichtung gewartet - also schon mehr gebüßt als seine deutschen Vorgesetzten.
Hier soll an einem, der keineswegs Herr des eigenen Schicksals war, das letzte mögliche Exempel statuiert werden.
Ca 3 Mio. sowjetische Kriegsgefange sind in deutschen Lagern umgekommen, die Verhältnisse waren dort mörderisch.
D. hat versucht, aus dem Gefangenenlager herauszukommen, indem er mit den Deutschen kollaborierte, und ist so wahrscheinlich (ich weiß es nicht) zum Mörder geworden. Wenn überhaupt, dann haben von allen brutalen KZ-Wächtern solche Menschen, die selbst Opfer der Nazis waren, noch am ehesten Anspruch auf mildernde Umstände.
Zitat:
"Seine Mitstreiter wurden meist zum Tode verurteilt."
Übrigens: in Israel verjährt Mord nach 30 Jahren, Völkermord allerdings nicht. Israelische Gerichte konnten nach 5 Jahren den ersten Schuldspruch aufheben, ohne ihr Gesicht zu verlieren.
Dieser Prozeß ist eine traurige Angelegenheit, ganz egal wie er ausgeht.
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