Die Taube scheint Kolumbus aus der Hand zu picken. Seine Linke weist gen Amerika. Lebensgroß in Bronze steht der Seefahrer auf dem schattigen Kathedralen-Platz in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. 1492 war der Admiral auf der Antilleninsel gelandet, deren westliche Hälfte deutsche Touristen heute als DomRep rühmen. Die Spanier nannten das Eiland »Hispaniola« und legten hier den Grundstein für ihr Weltreich, zu dessen kolonialer Expansion sie Millionen Afrikaner versklavten. Nach der späten Unabhängigkeit von 1844 fiel die Dominikanische Republik erst ins Chaos und dann mörderischen Caudillos in die Hände. 1978 kamen die ersten freien Wahlen – und die europäischen Tourismus-Konzerne. Sie haben dem Land der Traumstrände inzwischen zum Kennwort »all-inclusive« verholfen.

Aber die Dominikaner selbst schließen nicht alle Menschen darin ein. Was die Europäer derzeit fürchten, treibt die Inselbewohner schon lange um: der Ansturm aus Afrika. Doch von dem, was die Dominikaner oft verächtlich »Afrika« nennen, trennt sie kein Meer, nur ein schmales Flüsschen. Ihre Einwanderer, bitterarm, von Katastrophen geschlagen, kommen von derselben Insel: aus Haiti. Über die schmale Brücke, die für den Markt im dominikanischen Grenzort Dajabón geöffnet wird, strömen Tausende unkontrolliert ins Land: verhärmte Landfrauen, Schwarzhändler, Männer, fast vergraben unter ihren Warenballen, in denen oft Drogen versteckt sind. Die meisten kehren nach Marktschluss in ihr vom Erdbeben verwüstetes Land zurück. Andere wandern mit letzter Hoffnung und ohne Papiere weiter. Zöllner, Soldaten, Polizisten halten die Hand auf.

Die Haitianer waren nicht immer Arbeit suchende Parias. Nachdem sie sich 1804 als erste afrikanische Sklaven von ihrer französischen Herrschaft befreit hatten, besetzten und unterdrückten sie von 1822 bis 1844 auch den dominikanischen Teil der Insel. 1937 übte der rassistische Tyrann Rafael Trujillo späte Rache. Er ließ 20.000 haitianische Arbeitsmigranten abschlachten. Der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat das Massaker in seinem Roman über den Dikta- tor beschrieben: »Alle jagten die Haitianer, Bauern, Kaufleute, Beamte knüpften sie auf, erschlugen sie mit Schaufeln.« Argwohn und Feindseligkeit schienen auf beiden Seiten unauslöschbar – bis am 12. Januar 2010 die Erde bebte und Haiti zur Hölle wurde. Aus dem unversehrten Nachbarland kamen sofort Lebensmittel, Ärzte, Rettungsmannschaften. Der liberal-konservative Präsident Leonel Fernández wagte sich vor allen anderen Politikern schon zwei Tage nach dem Beben nach Port-au-Prince.

All das ist längst wieder verschüttet. Für viele der 9,5 Millionen hellhäutigeren Dominikaner sind die schwarzen Haitianer im Land neuerlich »Afrikaner«. Als Menschen und Nachbarn unerwünscht. Als mies bezahlte Tagelöhner unentbehrlich. Ohne sie gäbe es keinen Bauboom, blieben viele Touristenbetten ungemacht, bliebe der Müll liegen und das Zuckerrohr auf den Feldern. Die Haitianer sind die Arbeiterklasse der Dominikaner. Von Zeit zu Zeit schlägt die Regierung auf sie ein. Greift an einem Tag ein paar Tausend dunkelhäutige Menschen ohne Papiere auf und schiebt sie über den Grenzfluss ab. Der heißt, makabre Ironie der Geschichte, schon seit der Kolonialzeit »Masacre«. Bisweilen gibt auch der Chef einer Baustelle kurz vor dem Richtfest der Fremdenpolizei einen Tipp – schwupp, werden die unbezahlten schwarzen Arbeiter abgeschoben.

Danach geht alles wieder seinen trägen, für die Elite einträglichen Gang im wirtschaftlichen Schlepptau der USA (die zwei Drittel der Exporte abnehmen) und der vor allem spanischen Tourismus-Kolonien. Deren Traumorte sind in den meisten Schulatlanten säuberlich eingezeichnet. Das schwarze Haiti aber wird auf diesen Karten ein einziges Mal weiß – als blinder Fleck.