Finanzdienstleister : Nur ein paar Einzelfälle?

Viele Kunden des Finanzdienstleisters AWD warten noch immer auf ihr versprochenes Geld.

Frau Schmidt hofft bis heute auf ihr Geld. Nachdem sie aufgrund einer Beratung des Allgemeinen Wirtschaftsdienstes (AWD) in den neunziger Jahren eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, meldete sich der Finanzdienstleister 2002 erneut bei ihr. Es gehe um Optimierung, um gute und sichere Anlagen, hieß es. Frau Schmidt investierte 5113 Euro in Anteile an einer Wohnungsbaugenossenschaft namens Newog. Sie kassierte zwar die Eigenheimzulage, die Ausschüttungen enttäuschten aber. Ende vergangenen Jahres hätten die 5113 Euro wieder frei werden sollen. Nach Auffassung des AWD werde es eine Auszahlung des Auseinandersetzungsguthabens erst mit »Liquidation des vorhandenen Genossenschaftsvermögens« geben. Außerdem hatte sie noch 21.000 Euro in den Medienfonds IMF3 gesteckt. In diesem Fall waren die Ausschüttungen ebenfalls mager – und versiegten schließlich ganz. Schlimmer noch: Ende 2010 sollte sie die 21.000 Euro zurückbekommen. Das ist bislang nicht geschehen. Vonseiten des AWD heißt es, im Zuge der Auflösung werde »zurzeit die Berechnung des anteiligen Verkaufserlöses erstellt«.

Frau Schmidt ist sauer auf AWD, und sie ist nicht die Einzige. Kritik an Vermögensberatern, die im Namen dieser oder Firmen wie DVAG, MLP und OVB unterwegs sind, kommt immer wieder auf. Die Unternehmen sind zu einem wichtigen Nadelöhr in der Finanzbranche geworden, weil sie Geldanlagen vermitteln und große Konzerne an sich binden. Zugleich verfügen AWD und Co. über gute Kontakte in die Politik. Und sie geraten immer wieder ins Visier skeptischer Beobachter. In einigen Berichten des NDR sehen sich vor allem AWD und Carsten Maschmeyer heftigen Attacken ausgesetzt. Er hat AWD groß gemacht, bevor er das Unternehmen verkaufte.

Es geht um zigtausend Fälle unzufriedener Kunden, die meist zu Beginn des Jahrtausends beraten wurden. Mehr als 13.000 sollen Anteile an den IMF-Medienfonds erworben und Verluste gemacht haben, berichtet die Zeitschrift markt intern. Auch bei anderen von AWD vermittelten Finanzprodukten soll es eine große Zahl von Anlegern geben, die Geld verloren haben. Finanztest- Redakteurin Ariane Lauenburg sagt, dass es »Zehntausende Menschen gibt, die geschädigt wurden«.

Offenbar war vielen gar nicht klar, dass sie einiges wagten, als sie in sogenannte geschlossene Fonds investierten. Es geht nicht darum, diese Fonds per se zu verteufeln. Doch zumindest sollte jedem Kunden klar sein, dass er ein Risiko eingeht, wenn er sich dort engagiert. AWD-Kunden und ehemalige Berater berichten hingegen, dass geschlossene Fonds als sichere Anlage für die Altersvorsorge verkauft wurden. Kunden nahmen sogar Kredite auf, um solche Fondsanteile zu erwerben.

Wer Carsten Maschmeyer mit diesen Aussagen konfrontiert, bekommt eine klare Antwort: Er bestreitet, dass es so viele Fälle gibt. Im Oktober vergangenen Jahres sprach er in dieser Zeitung von drei betroffenen Kunden, die sich vor 15 Jahren von einem Mitarbeiter schlecht beraten gefühlt hätten. Rechtsanwälte und ehemalige Mitarbeiter sehen das anders: »Es wurden vielfach Produkte verkauft, die nicht geeignet sind«, sagt der Rechtsanwalt Markolf Schmidt, der etwa 40 ehemalige AWD-Berater vertritt. Etliche von ihnen haben einen Verein gegründet. Dem allein »liegen Hunderte Fälle vor«, sagt seine Gründerin Ingrid Benecke.

Auch die Rechtsanwälte Hänssler & Häcker-Hollmann vertreten etwa 80 AWD-Kunden. Und der Münchner Anwalt Peter Mattil berät mit Kollegen 400 bis 500 AWD-Kunden: »Ihnen wurden geschlossene Fonds als sichere Kapitalanlage verkauft, zur Ergänzung der Altersvorsorge.« Maschmeyers Einzelfall-Argumentation zerbröckelt also, so wie die Hoffnung einiger AWD-Kunden, im Alter ein finanziell abgesichertes Leben zu führen. Rechtsanwalt Mattil räumt allerdings ein, dass er keinen Fall aus den vergangenen drei Jahren habe.

Das ist die gute Nachricht: AWD, derzeit mit 5336 Beratern und seit knapp zwei Jahren nicht mehr unter Maschmeyers Führung, hat das Geschäft mit den geschlossenen Fonds nach eigenen Angaben zurückgefahren. Finanztest- Redakteurin Lauenburg bestätigt: »AWD hat sich verändert. Heute werden weniger Graumarkt-Produkte vermittelt.«

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

43 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren