Gert Erler sagt: "Der Fisch ist da! Manchmal fahren wir durch die reinsten Teppiche von Heringen!" So klingt es, wenn ein Fischer über Fisch redet. Mit seinem Kutter, der Sternhai, zieht Erler in manchen Nächten 25 Tonnen Hering aus der Ostsee vor Rügen. Raubbau am Meer? Unsinn!

Thilo Maack sagt: "Der Teufelskreis aus zu großen Fangflotten, absurden Subventionen und fehlendem politischen Willen hat zur maßlosen Überfischung der europäischen Meere geführt." So klingt es, wenn ein Umweltschützer über Fisch redet. Vor dem EU-Ratsgebäude in Brüssel hat der Chefbiologe von Greenpeace mal symbolisch ein Fangschiff verschrotten lassen. Raubbau am Meer? Aber sicher!

Irgendwo zwischen Erler und Maack, zwischen dem Fischer und dem Umweltschützer – da passiert Fischereipolitik. Und da arbeitet Maria Damanaki, die Fischereikommissarin der Europäischen Union. Die 58-jährige Griechin kam im Februar 2010 ins Amt, und zu ihren Wesenszügen gehört, dass sie blitzschnell umschalten kann zwischen Güte und Strenge.

Heute sitzt sie in einem Restaurant in Hamburg. Sie bestellt Gelbflossenthunfisch. Der sei lecker und nicht vom Aussterben bedroht, sagt sie. Immer langsam, sagen andere, das komme ganz darauf an, wo und wie er gefangen wurde. Aber wem kann man schon glauben im Fischgeschäft? Von der Perspektive des Menschen aus betrachtet ist das Meer bloß eine weite glatte Oberfläche. Umso härter wird um das gestritten, was sich darunter befindet.

Damanaki will der EU eine ganz neue Fischereipolitik verordnen. Sie hätte auch vorschlagen können, die Landesgrenzen der Mitgliedsstaaten neu festzulegen – so revolutionär ist ihr Plan. Bislang war Fisch in Europa nämlich immer eine beliebte politische Verhandlungsmasse. Die Fischereiminister der 27 Mitgliedsstaaten trafen sich einmal im Jahr und schacherten: Kommst du mir bei meinem aktuellen Lieblingsprojekt entgegen, helfe ich dir, höhere Fangquoten durchzusetzen. Viel Verständnis für die eigenen Interessen, wenig für die der Fische – so funktioniert das in Europa seit Jahrzehnten. Fischereipolitik war stets wie die Fischerei selber: Das eigentlich Dramatische geschah unter der Oberfläche. Man sah und hörte nichts, und viele Europäer ahnen nicht, dass es ein Fischereikommissariat überhaupt gibt.

Damanaki wolle das ändern, versprach sie beim Amtsantritt: Künftig sollen sich Fangquoten ausschließlich an den wissenschaftlichen Empfehlungen von Meeresbiologen orientieren. Und das bedeutet: Quoten runter, Kontrolldruck rauf, Fangflotten kleiner. Und wenn Fischarten ins Netz gehen, auf die man eigentlich nicht aus war, darf man sie nicht mehr einfach zurück ins Meer kippen. Alles in allem ist Damanaki damit näher bei Umweltschützer Maack als bei Fischer Erler. Mitte April präsentierte sie ein neues Punktesystem, das ähnlich funktioniert wie die deutsche Autosünderkartei in Flensburg: Wer bei illegalen Fischzügen erwischt wird, sammelt künftig Strafpunkte an und verliert irgendwann die Fischereizulassung. Bis zum Sommer will Damanaki weitere Maßnahmen vorstellen.

Die Rechtfertigung liefern ihr wissenschaftliche Daten: Fast 90 Prozent der europäischen Fischbestände gelten als überfischt.

Vor wenigen Jahren hat die Kommission noch geglaubt, dass man die Meere mit sanften Korrekturen bis 2020 retten könnte. Dazu gab es haufenweise Vorschläge, Konzepte und Strategiepapiere. Alles Quatsch, wie man sich nun eingesteht: "Die vorstehende Zukunftsvision ist Lichtjahre von der heutigen Realität entfernt, die aus Überfischung, Flottenüberkapazität, umfangreichen Finanzhilfen, wirtschaftlicher Anfälligkeit und rückläufigen Fängen der europäischen Fischer besteht. Die derzeitige gemeinsame Fischereipolitik hat bei der Verhinderung dieser Probleme versagt." So steht es in einem offiziellen europäischen Dokument.