Ökologischer KonsumLeder ist nicht nur Natur

Bei der klassischen Herstellung entstehen giftige Stoffe. Doch es geht auch anders. von Kirsten Brodde

Aus korrekt hergestelltem Leder? Handtasche der Prinzessin Letizia von Spanien

Aus korrekt hergestelltem Leder? Handtasche der Prinzessin Letizia von Spanien  |  © Carlos Alvarez/Getty Images

Früher wurden Gerber vor die Tore der Städte verbannt. Viele Schritte der Lederproduktion sind seit je extrem unappetitlich: Weichen, Äschern, Beizen, Pickeln, Gerben, Zurichten – das mochte niemand in seiner Nähe haben. Die Gerber entluden die stinkenden Abwasserbrühen schlicht in die Flüsse, an denen sie siedelten. Heute findet genau das im großen Stil in Übersee statt, weit weg. Besser macht es das nicht.

Umweltschützer bemängeln das ökologische Sündenregister des Leders. Ein Problem ist das Gerben mit Chrom. Mit diesem Schwermetall wird die Tierhaut haltbar gemacht. Chrom VI (Chromat), das bei diesem Prozess entstehen kann, gilt als krebserregend und ist ein Umweltgift.

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Die Lederindustrie sei generell eine Branche mit »hohem Umweltverschmutzungspotenzial«, urteilt die EU. Für 200 bis 250 Kilogramm Leder verwenden die Hersteller 500 Kilogramm Chemikalien. Bedenklich seien beispielsweise die Gerbstoffe, aber auch Biozide oder flüchtige organische Lösemittel. Bis aus feuchten Häuten haltbares Leder geworden ist, sind viele Schritte zu gehen.

Die EU argumentiert, dass die Produktion von Leder schärfer reglementiert werden müsse, weil das Material in vielen Alltagsprodukten steckt. So ist die Schadstoffbilanz von Schuhen sehr schlecht: Forscher aus Schweden kauften kürzlich 21 Paar Lederschuhe bekannter Marken wie Timberland, Bata oder Converse und prüften sie im Labor. Unabhängig von Preis und Herkunft, enthielten sie gefährliche Substanzen. Die Wissenschaftler fanden in Markenschuhen sowohl giftiges Chromat als auch Arsen, Blei, Quecksilber und ebenfalls giftiges Dimethylfumarat. Dieses Antipilzmittel löst Ekzeme aus und ist in der EU seit Mai 2009 verboten. Offenbar wird das Verbot aber nicht ausreichend kontrolliert.

Die Lederproduktion fördere auch die Massentierhaltung, meinen Kritiker

»Leder muss ein kreislauffähiges Produkt sein«, sagt Christoph Breuninger. Er ist Lederexperte, entstammt einer alten Gerberfamilie und hilft Firmen, Leder möglichst umweltverträglich herzustellen. Er fordert, die Produktion müsse so sauber sein, dass alle anfallenden Stoffe sich recyceln ließen. Das ist eine kühne Vision, von der die Lederindustrie weit entfernt ist.

Rund 1,8 Milliarden Quadratmeter Leder werden laut der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO weltweit jedes Jahr produziert – weiterverarbeitet wird es vor allem in der Schuhindustrie. Mehr als die Hälfte aller Häute wandert in Stiefel, Sneaker und Slipper. Zählt man Kleidung und Accessoires dazu, verwendet die Modebranche über 80 Prozent des Leders weltweit.

Auch Designermöbel und Autositze werden mit Leder bezogen – das verbraucht immerhin zwei Drittel des Leders, das in Deutschland gegerbt wird. Das Gros der Lederproduktion stammt allerdings aus China, Italien und Südamerika, wo es große Rinderherden gibt. Neben den Schadstoffen ist deshalb die Tierhaltung ein Problem. Zwar stimmt es nicht, dass die Bullen für ihre Haut sterben. Das Fleisch ist deutlich mehr wert, das gilt auch für Schafe und Ziegen. Anders ist das nur bei exotischen Tieren wie Schlangen und Krokodilen, die sehr wohl für teure Schuhe gezüchtet und getötet werden. 65 Prozent der weltweit für Leder eingesetzten Häute sind indes vom Rind.

Leserkommentare
  1. Leder sieht zwar schick aus und ist im Vergleich mit Kunstfasern recht günstig herzustellen, aber mMn besonders hinsichtlich der technischen Eigenschaften definitiv nicht mehr state of the art:

    Komfort: mit PTFE-Membranen verlaminierte Gewebe bieten bei mit Leder vergleichbarer Atmungsaktivität einen besseren Regenschutz. Mit PTFE beschichtete Kunstfasern sind hydrophob und zu Gewebe verarbeitet genauso atmungsaktiv wie Baumwollgewebe.
    Abriebfestigkeit (Motorradkleidung): Polyamidgewebe sind bei richtiger Verarbeitung genauso abriebfest wie Leder.
    Feuerfestigkeit (Feuerwehrbekleidung): Aramidgewebe sind weitgehend feuerhemmend und schrumpfen sogar im Gegensatz zu Leder bei Hitzeeinwirkung nicht ein.

    Ich vermeide in letzter Zeit Leder so gut wie möglich.

  2. Wenn 500 kg Chemikalien verwendet werden: Zählt da auch Wasser dazu? Denn alles um uns rum ist letzten Endes eine Chemikalie, auch wenn es nicht als solche gehandhabt wird. Auch gegen Ende: "Jede Entwicklung, die weniger Chemie braucht, hilft der Lederindustrie, ein Stück besser zu werden": Dafür kann die Zeit nichts, aber hier müsste mal differenzierter von chemischen Prozessen gesprochen werden. Ich finde es schade, dass Chemie immer mit Gift oder Schadstoffen verbunden wird...
    Ansonsten interessanter Artikel!! Ich wusste gar nicht, dass Veganer auch auf Leder verzichten, ich dachte das bezieht sich ausschließlich auf die Nahrungsaufnahme. Wieder was gelernt..

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber Veganer sind Menschen, die möglichst wenig Schaden durch ihr Handeln für Tiere erzeugen wollen. Das trifft alle Lebensbereiche.

  3. "Die Lederproduktion fördere auch die Massentierhaltung, meinen Kritiker".

    Vergessen Sie die Massentierhaltung und schauen Sie sich Videos ueber die Todesmaersche indischer Rinder an, die fuer den westlichen Lederkonsum herhalten muessen.

    Wir brauchen schon lange kein Leder mehr, egal ob mit oder ohne Chemie!

  4. In meiner Jugend bekam ich eine hirschlederne Hose verpasst, die ich über viele Jahre vom Frühlingsanfang bis Winteranfang getragen habe. Etwas Besseres gab es damals für mich nicht und ich freute mich schon Weihnachten auf den nächsten Frühling, wenn es wieder in die Hirschlederne ging. Mode zu der Zeit wurde vom Praktischen bestimmt.

    Was später aus Leder gemacht wurde, war mehr als zweifelhaft. Leider wird es aber immer so sein, dass eine Modeerscheinung zu vermehrter Nachfrage und damit zu vermehrter Produktion führt. Wie immer ist wieder mal der Mensch derjenige, der mit Natur und Naturprodukten nicht umgehen kann.

  5. Die Herstellung von Kunstfasern für "künstliche Kleidung" ist übrigens alles andere als Umweltfreundlich - aber egal, Hauptsache vegan^^.

    Nein im Ernst, ich persönlich achte sehr darauf, so wenig wie möglich an Kunstfasern zu tragen. Ja, ich bevorzuge ganz klar Naturfasern und Leder.
    Auf der anderen Seite zeigt die Verwendung von Kunstfasern bei Kleidungsstücken aber auch, wie weit wir eigentlich vom natürlichen Leben bereits abgeschnitten sind und in einer blanken Kunstwelt leben.

    Eine Leserempfehlung
  6. Außer "pflanzlich gegerbte Leder" kann auch eine weitere völlig umweltneutrale Gerbmethode verwenden- tierisch gegerbtes Leder!. Man gerbe das Hirschleder mit Hirschhirn wie weiland unsere Ahnen! Ob das nun mit Rindern, Schweinen etc. auch funktioniert weiß ich leider nicht.

    • khage
    • 01. Mai 2011 23:02 Uhr

    in den Gerbereien in Fes (Marokko)
    http://de.fotolia.com/id/...

    Antwort auf
    • Jamml
    • 03. Mai 2011 16:01 Uhr

    Das darf natürlich nicht fehlen, um die eigenen Fehler rechtfertigen zu können. Niemand ist perfekt (ist auch von niemandem zu erwarten), aber wenn sich andere immerhin Gedanken machen und über Alternativen nachdenken, dürfen auch sie Fehler machen, die keiner kritisieren darf, der gar nicht nachdenkt. Zumal man sagen muss, dass Plastik-Schuhe wirklich nicht gut sind, auch weil sie Eröl benötigen, jedoch brauch man für die Aufzucht von Rindern ebenso fossile Brennstoffe. Nur fällt bei veganen Schuhen kein Tierleid an! Und zu guter Letzt (natürlich im Artikel der Zeit unerwähnt) ein Link zu einer Seite mit veganen Schuhen, welche NICHT aus Plastik bestehen!: http://www.zuendstoff-clo...

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