Kulturphilosophie Höllische Freude

Die Geschichte der Menschheit ist reich an Exzessen der Grausamkeit. Warum gibt es diese Lust an der Vernichtung anderer? Ein Gespräch mit Englands Kult-Marxisten Terry Eagleton über sein neues Buch "Das Böse".

Der Schriftsteller Terry Eagleton

Der Schriftsteller Terry Eagleton

DIE ZEIT: Sie haben ein kleines Buch geschrieben über diesen größten Schrecken des Menschen: das Böse. Das Böse wird sich ärgern, um den Dichter Robert Gernhardt zu zitieren.

Terry Eagleton: Weil ich so schnell mit ihm fertig bin? (lacht)

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ZEIT: Haben Sie das Böse selber erfahren?

Eagleton: Das Böse ist mir, Gott sei Dank, nie begegnet. Das Böse ist nicht so allgegenwärtig, wie man annimmt. Wenn es ausbricht, tut es dies zwar wie beim Holocaust in einer fürchterlichen Weise, das sollte uns aber nicht verführen, es mit Bosheit oder Niedertracht zu verwechseln, die Teil des alltäglichen Lebens sind. Das Böse ist sehr selten.

ZEIT: Macht es Ihnen Angst?

Eagleton: Nein! Als ich das Buch schrieb, habe ich mich gefragt, ob mein Tisch anfangen würde zu wackeln, zu meiner Enttäuschung passierte nichts.

ZEIT: Als Junge gingen Sie in die katholische Klosterschule De la Salle von Manchester und haben dort sicherlich gebetet: Lieber Gott, erlöse uns von dem Bösen! Welche Bedeutung hatte das für Sie?

Terry Eagleton

Er gilt als streitbare Stimme der britischen Intelligenz. Eagleton, 1943 geboren, hat 40 Bücher verfasst, zuletzt Why Marx Was Right (Yale University Press).

Eagleton: Es bedeutete mir nichts. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass Katholizismus etwas bedeuten soll. Katholizismus ist ein Set von Ritualen und sozialen Kostümen, eine persönliche Bedeutung war jedenfalls in dem Katholizismus, in dem ich erzogen wurde, nicht vorgesehen. Der Satz »und erlöse uns von dem Bösen« ist natürlich der letzte Satz des Vaterunsers und als solcher interessant, Theologen ordnen das Vaterunser dem frühen Christentum zu, in dem die Wiederkehr Christi erwartet wurde, was vermutlich apokalyptische Turbulenzen auslösen würde. Das Böse ist hier weniger persönliche Erfahrung als das Böse der letzten Tage. Das Gebet wurde am äußersten Rand der Geschichte gebetet.

ZEIT: Viele Menschen leben jeden Tag mit dem Gefühl, etwas Schreckliches könnte über sie hereinbrechen. Die Philosophin Susan Neiman führt in ihrem Buch Das Böse denken diese tief sitzende Furcht auf die frühkindliche Hilflosigkeit zurück.

Eagleton: Furcht, Unsicherheit, Verwundbarkeit – das ist alles sehr real. Aber hier vom Bösen zu sprechen wäre doch eine Übertreibung. Wir müssen eine Balance finden zwischen der grauenvollen Natur des Bösen und seiner Seltenheit.

ZEIT: Wenn man in Dublin wohnt wie Sie, mag sich das so anfühlen. Aber wenn man seine Tage im libyschen Bürgerkrieg oder die Nächte inmitten reißender Tiere im Dschungel überleben muss, sieht man das vielleicht anders?

Eagleton: Feindseligkeit ist aber nicht das Böse. Das Böse heißt nicht einfach: sehr, sehr schlecht. Nun, Sie können mir vorwerfen, dass ich das Wort in einem zu technischen Sinne verwende...

ZEIT: Sie definieren es als eine Handlung, die aus der inneren Leere einer Person entspringt...

Eagleton: ...ich behaupte, dass das Böse aus einer Unfähigkeit zu leben entspringt. Es erwächst aus einem Mangel. Es gibt dazu eine theologische Diskussion, in der das Böse als nicht real beschrieben wird, obwohl es dies in einem anderen Sinne sogar sehr ist – aber eben als Mangel. Das Böse entsteht in Menschen, die nicht wirklich leben können.

ZEIT: Viele Menschen verspüren einen Mangel in sich, ohne deshalb böse zu sein.

Eagleton: Oh ja. Im gewissen Sinne macht jeder diese Erfahrung, kein perfektes Lebewesen zu sein. Was Besucher aus dem All erstaunen dürfte, es wäre ja logisch, anzunehmen, dass es einige perfekte Wesen gäbe. Aber ich meine nicht dieses Ungenügen, ich meine eine aktive Verneinung des Lebens. Es geht darum, das Gefühl des Nichts in einen anderen zu projizieren und in ihm zu zerstören. Und da liegt das Paradox. Wie zerstört man das Nichts?

Leser-Kommentare
  1. Mr. Eagleton sollte doch mal schlüssig erklären, ob das Böse nun in der Tat oder der Absicht liegt. Und wieweit hat dort der Mangel an Empathiefähigkeit seine Schuldigkeit?

    Der Interviewte hat nur versucht, gewitzt zu sein und lässt vieles potentiell Interessante im Vagen.

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    Sie schreiben: "Mr. Eagleton sollte doch mal schlüssig erklären, ob das Böse nun in der Tat oder der Absicht liegt"

    Aber das tut er dioch:

    ...ich behaupte, dass das Böse aus einer Unfähigkeit zu leben entspringt. Es erwächst aus einem Mangel. Es gibt dazu eine theologische Diskussion, in der das Böse als nicht real beschrieben wird, obwohl es dies in einem anderen Sinne sogar sehr ist – aber eben als Mangel. Das Böse entsteht in Menschen, die nicht wirklich leben können."

    Es lohnt, darüber nachzudenken, um ds Gemeinte zu verstehen. Es ist nicht die Unfähigkeit zu lieben, aus der "das Böse" entsteht, wie viele meien, sondern die Unfähigkeit zu leben.

    Hitler und Stalin sind dafür Beispiele, Alice Miller hat zur biographischen Entstehung in den 1980ern einige Denkansätze vorgelegt.

    Sie schreiben: "Mr. Eagleton sollte doch mal schlüssig erklären, ob das Böse nun in der Tat oder der Absicht liegt"

    Aber das tut er dioch:

    ...ich behaupte, dass das Böse aus einer Unfähigkeit zu leben entspringt. Es erwächst aus einem Mangel. Es gibt dazu eine theologische Diskussion, in der das Böse als nicht real beschrieben wird, obwohl es dies in einem anderen Sinne sogar sehr ist – aber eben als Mangel. Das Böse entsteht in Menschen, die nicht wirklich leben können."

    Es lohnt, darüber nachzudenken, um ds Gemeinte zu verstehen. Es ist nicht die Unfähigkeit zu lieben, aus der "das Böse" entsteht, wie viele meien, sondern die Unfähigkeit zu leben.

    Hitler und Stalin sind dafür Beispiele, Alice Miller hat zur biographischen Entstehung in den 1980ern einige Denkansätze vorgelegt.

    • dojon
    • 02.05.2011 um 10:55 Uhr

    Was bitte ist an Eagleton marxistisch ? Oder weiß vielleicht der Autor der Interviewüberschrift nicht, was Marxismus ist. Einmal Nachschlagen bei Wikipedia könnte helfen.

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    Terry Eagleton gilt durchaus als ein einflußreicher Marxist (wozu es bessere Auskunftsmittel als ausgerechnet Wikipedia gibt).

    Im Interview sagt er: "Es geht darum, das Gefühl des Nichts in einen anderen zu projizieren und in ihm zu zerstören" und: "Mein Punkt ist, dass der Böse sich und anderen als Ersatz für das Leben, das er nicht hat, das Leiden zufügt. Das Böse ist eine vorgespiegelte Art zu leben."

    Im ersten Kapitel des 'Kapital' erklärt Marx, wie sich der Gebrauchswert einer Ware im Tauschwert einer anderen Ware darstellt und auf welche Weise diese Form der Darstellung fetischisiert wird. Es stellt sich die Frage, inwieweit bei der von Eagleton beschriebenen Projektion des "Gefühls des Nichts in einen anderen" diese fetischisierte Form übernommen wird. Im gleichen Zusammenhang erhebt sich die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen einerseits den ökonomischen Kategorien Wert und Eigentum und andererseits Eagletons Begriff des "Lebens, das jemand hat".

    Terry Eagleton gilt durchaus als ein einflußreicher Marxist (wozu es bessere Auskunftsmittel als ausgerechnet Wikipedia gibt).

    Im Interview sagt er: "Es geht darum, das Gefühl des Nichts in einen anderen zu projizieren und in ihm zu zerstören" und: "Mein Punkt ist, dass der Böse sich und anderen als Ersatz für das Leben, das er nicht hat, das Leiden zufügt. Das Böse ist eine vorgespiegelte Art zu leben."

    Im ersten Kapitel des 'Kapital' erklärt Marx, wie sich der Gebrauchswert einer Ware im Tauschwert einer anderen Ware darstellt und auf welche Weise diese Form der Darstellung fetischisiert wird. Es stellt sich die Frage, inwieweit bei der von Eagleton beschriebenen Projektion des "Gefühls des Nichts in einen anderen" diese fetischisierte Form übernommen wird. Im gleichen Zusammenhang erhebt sich die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen einerseits den ökonomischen Kategorien Wert und Eigentum und andererseits Eagletons Begriff des "Lebens, das jemand hat".

  2. Sie schreiben: "Mr. Eagleton sollte doch mal schlüssig erklären, ob das Böse nun in der Tat oder der Absicht liegt"

    Aber das tut er dioch:

    ...ich behaupte, dass das Böse aus einer Unfähigkeit zu leben entspringt. Es erwächst aus einem Mangel. Es gibt dazu eine theologische Diskussion, in der das Böse als nicht real beschrieben wird, obwohl es dies in einem anderen Sinne sogar sehr ist – aber eben als Mangel. Das Böse entsteht in Menschen, die nicht wirklich leben können."

    Es lohnt, darüber nachzudenken, um ds Gemeinte zu verstehen. Es ist nicht die Unfähigkeit zu lieben, aus der "das Böse" entsteht, wie viele meien, sondern die Unfähigkeit zu leben.

    Hitler und Stalin sind dafür Beispiele, Alice Miller hat zur biographischen Entstehung in den 1980ern einige Denkansätze vorgelegt.

    Antwort auf "Nicht gut"
  3. Wenn jemand einen Begriff wie "Das Böse" verwendet, dann muss er ihn auch definieren. Dies wäre nötig, damit der geneigte Leser des Interviews irgendetwas versteht. So bleibt das Interview sehr vage und als kritischer Leser fragt man sich ständig: Worüber reden diese Menschen überhaupt?

  4. "Unfähigkeit zu leben" oder "Freude an Vernichtung"?
    Meiner Meinung nach zwei völlig unterschiedliche Erklärungsansätze für "Das Böse".
    Das aus der "Unfähigkeit zu leben" resultierende Böse hat die Befriedigung unerfüllter Grundbedürfnisse zum Ziel, wohingegen die "Freude an der Vernichtung" bewußt geplanter Lustgewinn und Machtausübung ist.
    Hilfe bedürfen beide...
    Hinter der "Freude an der Vernichtung" verstecken sich bestimmt auch unerfüllte Grundbedürfnisse (jaja, die Kindheit).

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    Sie schreiben: ""Unfähigkeit zu leben" oder "Freude an Vernichtung"?
    Meiner Meinung nach zwei völlig unterschiedliche Erklärungsansätze für"

    Die "Freude an der Vernichtung" hat zur Voraussetzung die "Unfähigkeit zu leben" und entspringt aus ihr. Das eine gibt es nicht ohne das andere

    • dth
    • 02.05.2011 um 14:35 Uhr

    Sehe ich nicht so. Diese Unfähigkeit zu leben resultiert in dem Wunsch, etwas von diesem Leben zu empfinden, indem man es anderen nimmt. Das ist dann der Vernichtungswille.
    Ich finde, das was er beschreibt, charakterisiert die Vorstellung von einer bösen Persönlichkeit ganz gut, und ist auch stimmig.
    Ob es psychologisch korrekt ist und auf welche historischen Personen es zutrifft, kann ich nicht sagen. Aber es ist in sich schon mal stimmig, und trifft auch auf Charakterisierungen des Bösen in der Literatur ganz gut.

    Sie schreiben: ""Unfähigkeit zu leben" oder "Freude an Vernichtung"?
    Meiner Meinung nach zwei völlig unterschiedliche Erklärungsansätze für"

    Die "Freude an der Vernichtung" hat zur Voraussetzung die "Unfähigkeit zu leben" und entspringt aus ihr. Das eine gibt es nicht ohne das andere

    • dth
    • 02.05.2011 um 14:35 Uhr

    Sehe ich nicht so. Diese Unfähigkeit zu leben resultiert in dem Wunsch, etwas von diesem Leben zu empfinden, indem man es anderen nimmt. Das ist dann der Vernichtungswille.
    Ich finde, das was er beschreibt, charakterisiert die Vorstellung von einer bösen Persönlichkeit ganz gut, und ist auch stimmig.
    Ob es psychologisch korrekt ist und auf welche historischen Personen es zutrifft, kann ich nicht sagen. Aber es ist in sich schon mal stimmig, und trifft auch auf Charakterisierungen des Bösen in der Literatur ganz gut.

    • MR
    • 02.05.2011 um 12:32 Uhr

    oder die zumindest stark gestörte Fähigkeit zu leben meine ich in vielen Menschen dieser, der Natur und den Sinnen entfremdeten, von dümmlichen Werbebotschaften überfluteten Gesellschaft zu erkennen.
    Von dieser "Leere", bis hin zum "Bösen" sind aber noch ein paar Schritte zu gehen, noch einige Entscheidungen zu treffen. Diese sind für mich in dem Interview offen geblieben. Aber sie müssen vorhanden sein, sonst wäre das Böse eben doch nicht so selten.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Ich denke, dass es schwer, vielleicht sogar unmöglich ist "das Böse" einzordnen, zu klassifizieren, gar exakt gewissen Taten und Personen zuzuschreiben - anderen wiederum nicht.
    Das erlebte "Böse" ist etwas sehr individuelles, sehr persönliches und wie ich finde, nur aus Sicht eines Opfers einschätzbar.
    Es muss nicht gleich das dahinschlachten von Millionen sein. Schon beim Mobbing reicht das Spektrum von - mit ein paar klaren Worten Ruhe schaffen bis zu - schwersten psychischen und physischen Verletzungen (auch Selbstverletzungen). Der eine durchleidet unvorstellbare seelische Qualen, ein anderer hat nicht einmal bemerkt was da im Entstehen war.
    Gerade weil Freud erwähnt wird, scheint es mir doch überdeutlich zu sein, dass Eagleton sich übernimmt wenn er von "Absicht" spricht. Meines Wissens nach hat doch gerade Freud sich für den Beweis und die Erforschung des Unterbewusstseins eingesetzt. Wie will er oder irgendein Außenstehender (sogar postmortem) nachvollziehen oder Beweisen können, dass der Täter nicht einfach Ausreden oder Ideologien für seine Taten braucht?
    Das eigene Gewissen beruhigen.
    Ich meine auch, dass es durchaus Untersuchungen gibt die Aufschlüsse darüber geben wie entmenschlichung von statten gehen kann.
    Genannt seien hier das Stanford-Prison-Experiment, und das Milgram-Experiment (welches vor kurzem in ähnlicher Form im franz. Fernsehen wiederholt wurde).
    "Das Böse" ist nicht so nebulös wie der Name vermuten lässt, aber dennoch nicht so leicht einzuordnen.

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  6. ... aneinander vorbei, was Befragter und Fragensteller da veranstalten (vor allem der Befragte).

    M. E. beste Stelle: "Normalerweise bewirkt Mangel, dass wir nicht unser besseres Selbst sind. Das ist eine gute Nachricht, es heißt, dass Menschen sich nicht schlecht benehmen, weil ihre Herzen schwarz sind, sondern weil auf ihnen Druck lastet."

    Eine Leser-Empfehlung

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