Das neue Museum aan de Stroom in Antwerpen. © Filip Dujardin

Von jeher kommt man hier staunend an, überwältigt. Das gilt für die Matrosen, die Antwerpen nach langen Zeiten des Trübsinns auf den schweigenden Weltmeeren erreichen. Es gilt auch für die Reisenden, die auf dem Landweg kommen. Ganz besonders wunderte sich jedoch Johanna Schopenhauer. 1828 war sie hier eingetroffen, übrigens nicht zum ersten Mal. Nun aber wurde sie zur Augenzeugin des gewaltigen Aufschwungs, der vom neuen Hafen Antwerpens mit den beiden gerade erst gebauten Docks ausging; die Zeichen des Niedergangs durch die lange Blockade der Schelde waren wie weggewischt: »Welch ein Unterschied zwischen jetzt und vor zwanzig Jahren! Welch ein reges, den beginnenden Einfluss des blühenden Handels verkündendes Leben...« Die Straßen dieser ungemein internationalen Stadt, so die enthusiasmierte Dame, »wimmeln von wohlgekleideten Leuten« aus allen Ständen und aller Herren Länder.

Der damals neue Hafen, der auf Wunsch Napoleons von 1809 an angelegt worden war und von Johanna Schopenhauer so bestaunt wurde, ist heute längst schon der alte, stillgelegt vor Jahrzehnten, nicht mehr von Handelsschiffen »aus den entferntesten Zonen« frequentiert, sondern nur noch von weißen Privatjachten. Dennoch wird man in diesem Sommer hier ebenso staunend, vielleicht sogar überwältigt ankommen, insbesondere wenn man diesen geschichtsträchtigen Ort zwischen dem mächtigen Scheldestrom und dem verruchten Scheepvartskwartier seit zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Denn dort, wo zuletzt eigentlich nur noch animiert wurde, im schummrigen Licht roter Laternen, findet jetzt eine mitreißende Reanimation des ganzen Viertels statt. Das alte, von den Einwohnern gemiedene, fast schon vergessene Hafenareal Antwerpens rund um Bonapartedok und Willemdok wird vom städtischen Leben zurückerobert. Wie schon vor rund zweihundert Jahren sollen von hier aus neue Energien die Scheldestadt durchpulsen. Diesmal nicht angestoßen von Napoleon, sondern vom weitsichtigen Masterplan für die städtebauliche Entwicklung von Belgiens größter Stadt.

Auftakt und Mittelpunkt, Kraftzentrum und weithin sichtbares Symbol dieser zweiten Wiederbelebung ist das neue stadtgeschichtliche Museum Antwerpens, das MAS (Museum aan de Stroom), das von den brillanten niederländischen Neutelings Riedijk Architecten in der ebenso monumentalen wie sinnfälligen Gestalt eines turmhohen Lagerhauses entworfen wurde, verkleidet mit rötlichem, handbearbeitetem Sandstein aus dem indischen Agra. Und das nun, mit seinen gebündelten Erinnerungen, mit seinen Tausenden von Bildern und Objekten aus der Geschichte Antwerpens und seiner Menschen, mit ihren gesammelten Schätzen und Träumen, 65 Meter hoch vom Eilandje des Hafens in den Himmel ragt. Genau an jener Stelle, wo jahrhundertelang das Hansehuis stand, das große Handelshaus der Hansekaufleute.

Doch das Museum, in dem gleich mehrere zuvor verstreute und kaum sichtbare städtische Sammlungen zusammengeführt sind und zum Zusammenklingen gebracht werden sollen, ist nicht nur Schauplatz der Selbstbesinnung der Antwerpener Bürger und des Rückblicks in ihre große Geschichte als Welthafen und Heimat für Kosmopoliten. Es ist auch vibrierendes »Warenhaus« und bedeutendes Kunstzentrum, wo vormals Bilder eifrig gesammelt und gehandelt wurden, wo vor allem von Quentin Massys bis Peter Paul Rubens ein staunenswertes Weltreich der Malerei existierte. Und schließlich bietet es sich auch als Schau-Platz dar, wo die Besucher, vom ersten bis zum neunten Stockwerk über Rolltreppen nach oben gleitend, durch die sechs Meter hohen, wie die Fluten der Schelde gewellten italienischen Glasscheiben ihre Blicke über die ständig wechselnden Ansichten der Stadtlandschaft streifen lassen können. Da jede der containerhaft übereinandergestapelten, völlig fensterlosen Naturstein-»Boxen« zu den darunterliegenden um 90 Grad versetzt ist, ergibt sich eine spiralförmige Struktur in der Anmutung einer Wendeltreppe für diesen neuen, vertikal um die Sammlungssäle verlaufenden, gläsernen »Stadt-Boulevard«, der auf jeder Etage eine andere Seite der Stadt mit den Augen begreifen lässt – und zudem, als Teil des öffentlichen Raums, jedermann bis mitternachts zugänglich ist.

Das insgesamt 57 Millionen Euro teure MAS präsentiert also nicht nur seine – sehr diverse – stadtgeschichtliche Sammlung, in die die Bestände des ehemaligen Schifffahrtsmuseums, aber auch die Schätze des volkskundlichen und des ethnografischen Museums und einige andere in der Stadt zusammengetragenen kulturgeschichtlichen Kollektionen eingeflossen sind. Es zeigt auch die Stadt selbst. Als Hauptakteur und Hauptattraktion. Auf der luftigen Dachterrasse kulminiert dieses Konzept des Bauwerks in einem wirklich erhabenen Moment: wenn man dort oben steht, umweht vom frischen Meerwind, fast schon gebadet in den so typisch tief hängenden Wolken, und die Augen über die ganze Stadt bis weit hinaus zum neuen Hafen schweifen lassen kann, welcher heute den Reichtum und die Geschäftigkeit der flämischen Metropole garantiert. Wie auf den Gemälden Joachim Patinirs, des großen Pioniers der Landschaftsmalerei im Goldenen Zeitalter Antwerpens, das vor ziemlich genau fünfhundert Jahren begann, gleitet der Blick wie im Vogelflug über eine schier unendliche Weltlandschaft mit ihren optischen Sensationen und sinnfälligen Korrespondenzen. Die Losung des neuen Museums, aus den vielfältigen Sammlungskomplexen ein stimmiges Tableau zu komponieren, das gleichzeitig sichtbar macht, wie Antwerpen in die weite Welt kommt und die weite Welt nach Antwerpen, erschließt sich hier jedenfalls im Panoramablick.

Ob sich solche sofort schlüssigen Szenarien auch in den vier Etagen der Dauerausstellung stets einstellen werden, muss die Zukunft zeigen. Immerhin verfügt man hier über fast eine halbe Million unterschiedlichster Objekte, von ägyptischen Altertümern und präkolumbianischer Kunst bis zur chinesischen Teekanne und zum barocken Schiffsmodell des 19. Jahrhunderts. Wie es sich eben gehört für eine Hafenstadt, die schon seit langer Zeit mit aller Welt Handel treibt und dabei nicht nur reich und üppig geworden ist, sondern auch so weltbürgerlich wie nicht viele andere. Weil hier nämlich, wie es der staunende Stefan Zweig einmal über den alten Hafen von Antwerpen bemerkte, »nichts Stockendes in der Luft« hängt. Weil hier, so der Dichter, stets vom Meer der Wind der Welt herweht.

MAS/Museum aan de Stroom steht zwischen Bonapartedok und Willemdok im alten Hafenareal von Antwerpen. Eröffnung am 17. Mai 2011. Informationen: www.mas.be