Saxofonist Irabagon Spielen, was kommt

Der 31-jährige amerikanische Saxofonist Jon Irabagon verkörpert einen neuen Typus des Jazzmusikers: Er schert sich nicht mehr um den Streit zwischen Tradition und Avantgarde, sondern kann einfach alles – und macht dabei doch sein eigenes Ding.

Selbstbewusst wandert Jon Irabagon zwischen den Stilen. Gelernt hat er sie alle in den Clubs von Chicago.

Selbstbewusst wandert Jon Irabagon zwischen den Stilen. Gelernt hat er sie alle in den Clubs von Chicago.

Vor zwei Jahren spielte ein Quartett mit dem schönen Namen Mostly Other People Do the Killing beim Jazzfestival von Moers. Es war ein wilder Auftritt: Riesengroß wirbelte der Kontrabassist Moppa Elliott im Scheinwerferlicht. Der muskulöse Trompeter Peter Evans ließ seine Tonkaskaden an den Oktaven zerschellen, als ginge es darum, zu jeder Phrase einen mehrseitigen Anmerkungsapparat mitzuliefern, und Kevin Shea zerbröselte am Schlagzeug die Beats. Nur einer war im Zirkuszelt von Moers auf den ersten Blick leicht zu übersehen, ein unscheinbarer Mann im dunklen Anzug und mit asiatischem Antlitz – der Saxofonist Jon Irabagon.

Man musste ihn eine Weile gehört haben, um sein Charisma zu spüren: Wie lässig er Akkordbrechungen swingt. Wie er mit trocken intonierten Melodiewendungen die alten Meister des Cool anblinzelt. Wie er seinem Ton Hitze gibt und durch kantige Bop-Phrasen fegt. Wie er flüchtige Erinnerungen an die Klangverläufe eines Albert Ayler zur Seite wischt, indem er einen Ton überbläst, und die Musik in ganz eigene Sphären katapultiert. Irabagon verkörperte das Bandkonzept am perfektesten: den Spagat zu wagen zwischen instrumentaltechnischer Finesse und einer am Punk geschulten Energie, zwischen cooler Geläufigkeit in allen Facetten der Tradition und der Chuzpe, sich lässig über alle Konventionen hinwegzusetzen.

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Irabagon ist ein typischer Vertreter einer neuen Generation von Jazzmusikern, die nach Wegen jenseits der alten Gegensatzpaare sucht – hot oder cool, schwarz oder weiß, Tradition oder Moderne. All das ist für ihn nicht mehr relevant.

Irabagon ist philippinischer Abstammung und wurde vor 31 Jahren in Chicago geboren. In der vierten Klasse begann er Saxofon zu spielen, bald darauf auch Klavier. Früh war er in den Nachtclubs Chicagos unterwegs, heute Soul, morgen Latin und Blues und übermorgen Bebop. Was es eben so zu spielen gab. Irabagon mochte das, sich permanent auf neue Konstellationen, neue stilistische Anforderungen einstellen zu müssen und dabei trotzdem zu versuchen, einen eigenen Ton zu entwickeln.

Nach dem Studienabschluss in den Fächern Musikwirtschaft und Musikjournalismus zog er im Herbst 2001 nach New York, um nun an der Manhattan School of Music und später an der Juilliard School weiterzustudieren. Von Anfang an war New York eine große Kontaktbörse für Irabagon, die er beherzt nutzte.

War er schon in Chicago ein Musiker gewesen, der keine Scheu vor dem Sprung in ungewohnte Stilgewässer kennt, genoss er in New York die Entschiedenheit, mit der hier viele Kollegen ihre eigenen Interessen als improvisierende Musiker verfolgten, ohne sich noch weiter um Stilfragen zu scheren. Mittlerweile ist er gleichermaßen gefragt bei so populären Musikern wie Billy Joel oder Lou Reed, Richard Marx oder Michael Bublé, bei Jazztraditionalisten wie Wynton Marsalis oder Kenny Barron und sowieso im anderen Lager, bei den Kellerasseln und entschiedenen Avantgardisten wie Mary Halvorson oder Evan Parker.

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