Visual Music Festival Töne sehen, Bilder hören
Visual Music ist eine der interessantesten Kunstströmungen der Gegenwart. Auf dem Camp-Festival in Zagreb und Karlsruhe werden die Werke zwischen Video, DJ-Kultur und Design nicht nur gezeigt, sondern überhaupt erst hergestellt.
© Camp Festival

Aus Gitarrenklängen werden Farben beim Camp Festival.
Wenn es eine allgemeine Aussage über einzelne Künste der Gegenwart gibt, dann die, dass es keine allgemeine Aussage über einzelne Künste der Gegenwart mehr geben kann. Im Zeitalter der Globalisierung, des Internets und der Interdisziplinarität existieren Kunstwerke nicht länger säuberlich voneinander geschieden wie in musealen Sammlungen. Der Massenkonsum, die Technisierung des Alltags, aber auch die Abkehr von allein selig machenden Ideologien haben dazu geführt, dass unsere ästhetische Erfahrung sich kaum noch auf isolierte Objekte bezieht, sondern auf Wechselspiele unterschiedlicher Medien und Gattungen. Ausstellungen besucht man mit der Stimme des Audioguides im Ohr, ägyptische Mumien stehen blinkenden Touchscreens gegenüber, in den sozialen Netzwerken stilisieren Menschen ihre persönliche Existenz zu Gesamtkunstwerken en miniature. Der Philosoph Boris Groys ging deshalb einmal so weit, zu sagen, die Ästhetik der Gegenwart nähere sich wieder dem fundamentalästhetischen Raum des Mittelalters an: Die Grenzen zwischen den einzelnen »Wertsphären« der Moderne, wie Max Weber sie nannte, würden immer mehr aufgelöst.
Als wollte sie diesen hybriden Zustand spiegeln, hat sich seit den 1920er, verstärkt aber in den 1990er Jahren eine Kunstströmung zwischen Club, Galerie, Theater und Hochschule herausgebildet: die Visual Music. Seit über zehn Jahren hat sie auch ihr eigenes Festival, Camp, das in diesem Jahr in Zagreb und Karlsruhe stattfindet. Visual Music ist eine der faszinierendsten ästhetischen Entwicklungen der Gegenwart, fungiert sie doch als Resonanzraum für Fragen danach, welche kreativen Möglichkeiten das Leben in »hyperkommunikativer Verfasstheit« (Peter Sloterdijk) bietet und erfordert. Visual Music verwandelt, durchaus mit romantischen und mitunter auch esoterischen Untertönen, unsere komplexen urbanen Lebenswelten gleichsam in eine zeitgemäße »progressive Universalpoesie« (Friedrich von Schlegel). Diese kann experimentelle Kurzfilme oder Improvisationen mit Diaprojektoren zu Livemusik ebenso beinhalten wie interaktive Klanginstallationen und Environments. Gerade ihre Offenheit ist ihr Trumpf, sagt Henry Keazor, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Saarbrücken: »Visual Music stellt sich für mich als eine Art sternförmige Zelle dar, an deren verschiedene Arme diverse andere Gattungen andocken und innovative Wege der Bilderfindung und -komposition einschlagen konnten.«
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass gerade die prosaische Technik einer quasi-romantischen, weil zuvorderst integrativen Kunst die Grundlage bereitet. »Auch wenn das mediale Spektrum von Visual Music sehr weit gefasst werden kann, sind Film und Laptop aus technisch-medialer Sicht von zentraler Bedeutung«, schreiben Cornelia und Holger Lund, Gründer des Berliner Medienkunstvereins fluctuating images und Herausgeber des Buchs Audio.Visual: On Visual Music and Related Media (2009). Die Lunds verstehen unter Visual Music »audiovisuelle Produktionen, welche die Grundidee einer gleichberechtigten oder gleichgewichtigen Zusammenarbeit visueller und akustischer Elemente verfolgen«.
© Stefan Hartmaier

"Performance 3", 2005 aufgeführt von Friedrich Förster, Friedemann Dähn, Gustavo Matamoros und Antonio Jorge Goncalves
Mit einer ebensolchen Zusammenarbeit begann auch die Geschichte der Visual Music. Der Begriff entstand in Zusammenhang mit dem Experimentalfilm der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damals suchten avantgardistische Künstler wie Mary Ellen Bute, Oskar Fischinger, Hans Richter oder Walther Ruttmann in ihren Filmen nach Korrespondenzen zwischen Klängen und Bildern, rhythmisierten abstrakten Formen und klassischer Musik. So stimmten sie in jenen »Klang der Bilder« ein, der schon Kandinsky faszinierte und dem die Stuttgarter Staatsgalerie 1985 die gleichnamige Ausstellung widmete. Ging es in Stuttgart eher metaphorisch um die Liaison zwischen Bild und Klang, nicht um deren faktische Synthese, so zeigte das Museum of Contemporary Art in Los Angeles 1995 mit Visual Music erstmals eine große Ausstellung, die sich explizit auf audiovisuelle, synästhetische Kopplungen in der Kunst bezog. Die Ausstellungsmacher waren jedoch eher an Fischinger und Co. interessiert, weniger an der Gegenwart der Visual Music oder an ihren Verbindungen mit den Massenmedien. Wie eng diese Verbindungen von Beginn an waren, belegen die avantgardistischen lichtrhythmischen Kompositionen Butes: In den 1940er und 1950er Jahren wurden sie als Vorfilme von Hollywood-Produktionen eingesetzt, aber auch im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt.
Heute changiert Visual Music nur vordergründig zwischen high und low. Längst ist es alltäglich, dass das Berliner Videoclip- und Design-Kollektiv Pfadfinderei für das Pariser Centre Pompidou eine Klanginstallation entwickelt oder sich der Filmkünstler Peter Greenaway in einem Amsterdamer Club mit einem DJ zusammentut. Da Kunst heute Teil der Kulturindustrie sei, hätten sich audiovisuelle Studiengänge überdies leichter an Hochschulen durchsetzen können als früher der Jazz oder die Popmusik, erläutern Cornelia und Holger Lund: »Anders als bei der Musik gab es Hochschulen für ›Nicht-Kunst‹, also Design, an denen sich Visual Music mit Schnittstellen zum Werbefilm, dem Musikvideo, dem Kurzfilm und dem Animationsfilm etablieren konnte.« Keazor sieht in den immer zahlreicheren medialen Mischformen auch neue Herausforderungen für die Wissenschaft: »Auf Flatscreens an Flughäfen laufen bewegte Bilder, die zwar einen Soundtrack haben, jedoch bereits auf den Umstand reagieren, dass diese Filme in öffentlichen Kontexten stumm abgespielt und angeschaut werden müssen, weshalb sie den Soundtrack mit in die Struktur der Bilder integrieren. Für all diese Phänomene muss nach und nach ein adäquates methodisches Instrumentarium gefunden werden.«
Neben Festivals wie Soundframe Wien, Cinematics Brüssel oder club transmediale Berlin ist das 1999 ins Leben gerufene Camp-Festival derzeit eine der vielversprechendsten Veranstaltungen zur Visual Music. Die beteiligten VJs, Installationskünstler, Musiker und Computer-Nerds bringen keine fertigen Werke mehr mit, sondern erarbeiten diese dialogisch beim Camp als »Labor auf Zeit«, wie es die Organisatoren Fried Dähn und Thomas Maos ausdrücken. Dieser fluide, improvisatorische Entstehungsprozess ist nicht nur einem Avantgarde-Habitus verpflichtet. Er spiegelt indirekt auch die sozialen Verhältnisse in Zeiten »kontinuierlicher Modifikation und Selbstmodifikation« (Ulrich Bröckling), wo Improvisationslust und Wagemut in der Lebensplanung gefragt sind. Beim Camp wird der in Kunst und Unternehmertum häufig beschworene »Mut zum Scheitern« konzeptuell ernst genommen – das Festival entsteht erst während des Festivals. Dieses Jahr kooperieren Dähn und Maos mit kroatischen Künstlern und stellen gleich zwei Camps auf die Beine, zunächst in Zagreb, dann am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Mit dabei sind unter anderem Ivana Franke, die Kroatien 2007 auf der Kunstbiennale von Venedig vertrat, und der Medienkünstler Max Hattler, der am Londoner Goldsmiths College unterrichtet. Wer seine synästhetischen Erfahrungen in diesem Kultursommer nicht auf das Zusammenspiel von Videoleinwänden, Lautsprechertürmen und Bierdunst beschränken will, ist hier genau richtig.
Das Camp-Festival läuft in Zagreb vom 4. bis zum 12. Juni; in Karlsruhe wird es vom 19. bis zum 24. September fortgesetzt. Weitere Informationen unter www.camp-festival.de
- Datum 24.05.2011 - 18:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.4.2011 Nr. 18
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Für mehr Informationen zum Thema Visual Music:
http://visualmusicarchive...
Das Institut Fuer Musik Und Medien der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf bietet Visual Music als Studienschwerpunkt an:
http://musikundmedien.net...
die neue allein selig machende ideologie scheint diejenige zu sein, unsere ästhetische erfahrung nicht mehr auf isolierte objekte zu beziehen, sondern das wechselspiel unterschiedlicher objekte und gattungen zu bevorzugen: fatal. Übrigens: ästhetische erfahrung und kunsterfahrung sind zwei verschiedene schuhe.
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