SachbuchErleuchtete Poesie

Der Roman als Sakralbau – Anita Albus erklärt Marcel Proust. von Gerhard Neumann

Der französische Schriftsteller Marcel Proust, 1910

Der französische Schriftsteller Marcel Proust, 1910  |  © Hulton Archive/Getty Images

Marcel Prousts siebenteiliger Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit erstreckt sich in der französischen Pléiade-Ausgabe über mehr als 3000 Seiten, das Personenregister allein zählt deren hundert. Prousts Werk ist die Erzählung einer Karriere: zuerst bezogen auf sozialen Aufstieg, dann auf die Entfaltung einer Künstlerschaft. Es handelt vom Wettlauf zwischen erlebter und erzählter Zeit bei der Rekonstruktion des »immensen Gebäudes« der verlorenen Erinnerung. Marcel, der erzählt, ist auf der Suche nach einem doppelten Anfang: dem Anfang des Lebens und dem der Kunst. Diese Erlebens-Geschichte wird nicht linear erzählt. Ein dichtes Geflecht verschiedener Handlungsstränge macht den Zugang zum Verständnis dieses Jahrhundertwerks nicht leicht. Schon die ersten Leser stellten sich die Frage: Sollte man sich bei der Lektüre an die Fülle der Details halten, oder hatte man sich an einer zu entdeckenden Leitidee zu orientieren?

Das schlanke Buch von Anita Albus mit dem zurückhaltenden Untertitel Über Proust sucht einen dritten Weg des Verständnisses. Es nähert sich dem Proustschen Riesentext in zehn Exkursen mit farbigen Abbildungen, so als seien es Glasfenster, in denen die Szenarien des Romanwerks sichtbar werden. Mit dieser hermeneutischen Strategie greift die Verfasserin eine von Marcel Proust selbst geäußerte poetologische Grundidee auf, den Gedanken vom Romanwerk als Kathedrale. »Die Konstruktion einer Kathedrale«, hatte der von Proust sehr bewunderte Émile Mâle in seinem Buch L’art religieux au XIIIe siècle en France geschrieben, folgt den gleichen Regeln, »einer Art heiliger Mathematik«, wie die Komposition eines großen Werks der Dichtkunst. Proust hatte in einem Artikel mit dem Titel Der Tod der Kathedralen im Figaro vom 16. August 1906 Stellung im Streit um die von der französischen Regierung verordnete Zweckentfremdung der Kirchenräume als Fabriken und Speicher bezogen. Eine Kathedrale werde zerstört, so Proust, wenn der Gottesdienst sie nicht mit Leben fülle. »Am Ende seiner Verteidigung der lebenden Kathedrale«, schreibt Anita Albus, »lässt Proust die Glasfenster aufleuchten.« Und so verfährt auch sie selbst.

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Nach dem Vorbild des als Kathedrale aufgefassten Textes komponiert Albus ihr Deutungsverfahren. Sie öffnet die Kapitel ihres Buchs wie farbige Fenster. Jedes entwickelt einen anderen wissenschaftlichen Diskurs, entsprechend der betrachteten Szene. So werden die (naturwissenschaftlichen) Muster, die den Handlungen und Beziehungen der Texte zugrunde liegen, aus dem »Dunkel« herausgehoben und ins »Licht der Finsternis« gestellt. Anita Albus rekonstruiert mit großer Gewissenhaftigkeit die pflanzen- und insektenbiologischen, aber auch die kunsthistorischen Diskurse, welche Prousts Romanszenarien durchflechten: Jean-Henri Fabre und seine entomologischen Schriften, Gaston Bonniers botanische Exkursionen in die Feld- und Wald-Flora, Charles Darwins Orchideenwissen, sein Text über die Befruchtung der Blüten durch die Insekten, John Ruskins Bibel von Amiens und schließlich Émile Mâle für die Theorie der Kathedralen.

Jedes Kapitel des Buches ist wie ein farbiges Œil-de-bœuf, ein Guckloch, das den Text Prousts auf seine Prägemuster hin durchsichtig macht. Die beigegebenen Stiche sind, so gesehen, nicht Bebilderung, sondern Illumination, ein Aufscheinen des Wesens der Sache, Sichtbarmachung der exemplarischen Struktur des in dem Text Prousts dargestellten sozialen Geschehens. »Was man in Sodom wie Blume und Hummel treibt«, so beschreibt Albus das sexuelle Verhalten von Charlus und Jupien, »geschieht in Gomorrha auf Vogelart.«

Mit der Ausbildung dieses hermeneutischen Modells gibt Anita Albus zu verstehen, dass Prousts Romanwerk nicht von der linearen Handlung her zu begreifen ist, sondern sich der Deutung nur von paradigmatischen Schlüsselszenen her öffnet. Diese Szenen, Schaltstellen im Wuchern der komplexen Romanstruktur, sind von der Forschung zwar von Anfang an hervorgehoben worden, wie sie ja auch im Gedächtnis des Proust-Lesers verankert sind. Anita Albus gelingt es aber mit stupenden Kenntnissen all jene Prägemuster der Natur- und Kunstwissenschaft freizulegen, die diesen prägnanten Augenblicken zugrunde liegen.

Da ist die Szene des sterbenden Dichters Bergotte, der sich zur Erkundung der Struktur des eigenen Schreibens in eine Ausstellung schleppt und bei der Suche nach einem Stück gelber Mauer auf Vermeers Ansicht von Delft tot zusammenbricht. Da ist die Spargelszene, das mit Erotik gesättigte Geruchserlebnis der Verwandlung eines Nachttopfs in ein Duftgefäß. Da sind die legendäre Madeleine-Episode und das Ritual des Gutenachtkusses der Mutter.

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