Martenstein"Es ist so unberechenbar wie 'Germanys next Topmodel'"

Harald Martenstein über die Schattenseiten seines neuen Smartphones

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Was die Krise des Fortschritts betrifft, kann ich mitreden. Ich besitze neuerdings ein sogenanntes Smartphone , Marke Motorola, Testsieger in einer Fachzeitschrift, versehen mit einem sogenannten Touchscreen. Das ist eine Art Glasplatte, ähnlich wie das Ceranfeld beim Herd oder der Bildschirm beim Fernseher. Man tippt nicht auf Knöpfen herum, sondern berührt mit dem Finger das Ceranfeld, und das Handy führt dann die Befehle aus. Dies ist der Fortschritt. Alle haben jetzt solche Handys, sie sind auch viel teurer. Ein iPhone habe ich deswegen nicht gekauft, weil ich zeigen will, dass ich ein Mann aus dem Volk bin und kein Dandy. Das iPhone besitzt mein Sohn.

Von glatten Flächen geht, seit dem Anbeginn aller Zeiten, eine spiegelnde Wirkung aus. Es gibt antike Mythen, die dieses Problem behandeln, zum Beispiel die Geschichte von Narziss. Der Jüngling Narziss blickte auf einen glatten Teich, sah sein Spiegelbild, verliebte sich in sich selber und ertrank beim Versuch, sich zu küssen. Ich bin und bleibe ein Anhänger des Gymnasiums.

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Wenn ich im Hellen stehe und das Handy klingelt, sehe ich nicht, wer anruft. Dies könnte ich vielleicht verschmerzen. Ich kann aber auch den Anruf nicht annehmen. Um den Anruf anzunehmen, müsste ich nämlich mit dem Finger eine bestimmte Stelle auf der Oberfläche des Handys berühren. Weil ich aber nichts sehe auf dieser Oberfläche, geht das nicht. Folglich muss ich, sobald es klingelt oder wenn ich jemanden dringend erreichen möchte, sehr schnell eine schattige oder dunkle Stelle aufsuchen. Nicht immer gelingt dies. Wegen des Fortschritts hat mein Leben sich verdunkelt. In einer Wüste, wo immer die Sonne scheint, wäre ich telefonisch nicht erreichbar, ich müsste verdursten. Ich frage mich, wieso ein teures Handy, welches, im Gegensatz zu billigen Handys, nur im Schatten funktioniert, den Menschen als ein zivilisatorischer Fortschritt erscheint. Meine skeptische Haltung, den Menschen betreffend, ist durch mein neues Shadowphone gewachsen.

Das oder der oder die Touchscreen ist außerdem sehr schnell von einer ekligen Schmiere aus Fingerfett bedeckt, es verkratzt schnell, und es reagiert nur mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung. Wenn ich etwas mit dem Shadowphone machen will, meistens will ich jemanden anrufen, dann reagiert es nicht, und ich werde nervös. Wenn ich dann, um mich zu beruhigen, das Gerät in meine Jackentasche stecke, ruft das Gerät von sich aus Menschen in der Dritten Welt an, denen ich außer Solidaritätsbekundungen nichts zu sagen habe. Die Sensibilität eines Touchscreens ist so unberechenbar wie das Seelenkostüm von Germany’s next Topmodel . Seit ich dieses Gerät besitze, ist mir überhaupt erst klar geworden, was für eine großartige Erfindung der Druckknopf oder die Taste gewesen ist. Die Taste reagiert blitzschnell, ist leicht zu reinigen, und sie funktioniert bei jedem Wetter, wie ein Klappspaten oder eine Saftpresse.

Touchscreens sind eben komplizierte technische Systeme. Entgegen offiziellen Beteuerungen gibt es ständig Störfälle. Auch in diesem Fall hat die Menschheit eine Technologie geschaffen, die sie nicht wirklich im Griff hat. Es herrscht ein blinder Optimismus, Risiken werden verdrängt. Das oder der Touchscreen ist ein weiteres Exempel für den gescheiterten Umgang der Menschheit mit Technik. Nicht alles ist machbar. Eine spiegelglatte, glasähnliche Fläche, die nicht spiegelt, ist zum Beispiel nicht machbar. Ich habe die Restlaufzeit meines Handys verkürzt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
  1. Man koennte auf der Ceran-Platte des Handys im Schatten einer Handtaschen-mobilen Bratpfanne oder eines aehnlich mobilen Topfes auf das Foto eines Internet-Menus druecken und sein Sueppchen kochen oder seine Bratkartoffeln brutzeln. Wenn das kein Fortschritt ist! Das geht dann auch in der Wueste und hat einen Pfadfinder-Touch. Nix mit Snob oder Dandy.Die Taste ist ein Staubfaenger und faengt an zu klemmen, weil man so schwer unter der Taste putzen kann. Oh nein! Lieber einen kleinen Stoerfall als einen Schritt zurueck!

    Eine Leserempfehlung
  2. Auch bei einem "Smart-Phone" ist doch wohl die Hauptfunktion das Telefonieren. Zum Telefonieren muss aber man auch im Jahr 2011 noch immer eine aus 10 Ziffern zusammengestellte Zahlenfolge schnell und fehlerfrei eintippen können. Das dazu notwendige Gerät sollte kompakt, billig und robust sein. So gesehen sind diese neuen Telefone einfach nur ein riesiger Rückschritt.

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    • snoek
    • 03.05.2011 um 12:18 Uhr

    "Auch bei einem "Smart-Phone" ist doch wohl die Hauptfunktion das Telefonieren."

    Das kommt auf den Benutzer an. Wie oft ich unterwegs das Internet per iPhone benutze? Alle fünf Minuten.

    Wie oft ich telefoniere? Alle paar Stunden.

    • snoek
    • 03.05.2011 um 12:18 Uhr

    "Auch bei einem "Smart-Phone" ist doch wohl die Hauptfunktion das Telefonieren."

    Das kommt auf den Benutzer an. Wie oft ich unterwegs das Internet per iPhone benutze? Alle fünf Minuten.

    Wie oft ich telefoniere? Alle paar Stunden.

  3. Lieber Herr Martenstein,

    Smartphones sind wie Fahrraeder.

    1) Wenn man nur zu Fuss gehen will braucht man kein Fahrrad. Man muss es dann schieben. Das ist unpraktisch.

    2) Wenn man ein Fahrrad gekauft hat es nicht funktioniert (schlecht Bremsen, Kette springt ab, ...) dann ist das aergerlich. Man kann dann aber nicht auf alle Fahrraeder schliessen.

    3) Am Anfang denkt man Fahrradfahren ist lebensgefaehrich und unmoeglich zu lernen. Aber nach einiger Zeit geht es wie von selbst.

    Nur Mut! Lassen Sie sich von Ihrem Sohn beraten. Sein Sie ein Dandy. Vergessen Sie das Volk.

    5 Leserempfehlungen
  4. ich weiß leider nicht, welches Smartphone sie haben. Da ich mir aber anderthalb Jahren ebenfalls ein vielgelobtes Motorola-Smartphone zugelegt habe, ist es nicht unwahrscheinlich, daß wir vergleichbare Modelle besitzen. Da wundert es mich ja doch, daß meine Erfahrungen so diametral entgegengesetzt sind:

    - Im Hellen ablesbar: Mein Display ist hell, sehr hell. In der prallen Sonne kann ich problemlos alles erkennen. Für den Alltag habe ich jede automatische Helligkeitsanpassung deaktiviert und das Display auf die niedrigste Helligkeitsstufe heruntergedreht. Das spart Strom und falls ich das Handy mal in einer extrem hellen Umgebung nutze, gibt es dafür ein Widget, welches die helligkeit mit einem Tastendruck auf das gewünschte Niveau hochdreht.

    - Es verkratzt schnell: Da gibt es eine wunderbare Glasoberfläche der Firma "Corning", die den Namen "Gorilla Glass" trägt. Es ist ein wunderbares, extrem widestandsfähiges Spezialglas, das der stärksten Beanspruchung standhält. Sie wird standardmäßig beim iPhone und bei sehr vielen anderen Smartphones verwendet. Sie müssten es ebenfalls haben. Da müssten Sie ihr Handy schon mit Diamantringen an der Hand aus der Tasche holen, um es zu zerkratzen.

    - Tasten: Es gibt sie. Zwar haben nur wenige Smartphones eine vollständige QWERTZ-Tastatur, aber es lohnt sich beim Kauf darauf zu achten.

    Fazit: Entweder Sie haben eine sehr unglückliche Wahl getroffen oder dieser Artikel entspringt mehr einer gewissen Attitüde als echten Erfahrungen.

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    Ich zitiere:

    "... für den Alltag habe ich jede automatische Helligkeitsanpassung deaktiviert und das Display auf die niedrigste Helligkeitsstufe heruntergedreht. Das spart Strom und falls ich das Handy mal in einer extrem hellen Umgebung nutze, gibt es dafür ein Widget, welches die helligkeit mit einem Tastendruck auf das gewünschte Niveau hochdreht..."

    Beisst sich hier nicht die Katze in den Schwanz? Wie finden sie den die Taste im grellen Sonnenlicht? Und noch ne Extra-App für so was simples wie Helligkeit regeln? Irgenwie ist auch hier die Katze falsch gepolt ;-)

    Ich zitiere:

    "... für den Alltag habe ich jede automatische Helligkeitsanpassung deaktiviert und das Display auf die niedrigste Helligkeitsstufe heruntergedreht. Das spart Strom und falls ich das Handy mal in einer extrem hellen Umgebung nutze, gibt es dafür ein Widget, welches die helligkeit mit einem Tastendruck auf das gewünschte Niveau hochdreht..."

    Beisst sich hier nicht die Katze in den Schwanz? Wie finden sie den die Taste im grellen Sonnenlicht? Und noch ne Extra-App für so was simples wie Helligkeit regeln? Irgenwie ist auch hier die Katze falsch gepolt ;-)

  5. Ich möchte mich für etliche Fehler in meinem obigen Posting entschuldigen. Leider hat mich das Zeichenlimit bei Kommentaren einen Strich durch die Rechnung gemacht, weswegen ich meinen Beitrag drastisch kürzen mußte. Dabei hätte ich etwas sorgfältiger vorgehen sollen.

    Ein Punkt, auf den ich hinaus wollte: Einem intelligenten Menschen, der 500 Euro für ein nicht gerade notwendiges Stück Technik ausgibt, möchte ich nicht unterstellen, daß er nicht mal ein paar Minuten damit verbracht hat, mehrere Modelle zu vergleichen. Daher würde ich Ihnen empfehlen, sich ihr Smartphone etwas genauer anzuschauen, dann werden Sie einige Kritikpunkte revidieren müssen.

    Oder Sie greifen beim nächsten Kauf doch zum iPhone. Das können (bzw. müssen) sie sorglos kaufen. Ihnen entgehen dann zwar wertvolle technische Features und Freiheiten, aber sein Geld ist das Gerät zweifellos wert.

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    "Oder Sie greifen beim nächsten Kauf doch zum iPhone. Das können (bzw. müssen) sie sorglos kaufen. Ihnen entgehen dann zwar wertvolle technische Features und Freiheiten, aber sein Geld ist das Gerät zweifellos wert."

    Das iPhone ist - wie wir mittlerweile wissen - wirklich sein Geld wert.

    Mit ihm können Sie nicht verloren gehen, denn Apple weiß immer wo Sie sind. Für Ehefrauen und Freundinnen soll es bald ein Widget oder App geben, dass den Standort des Benutzers immer verrät, so dass der geliebte Menschen immer unter Kontrolle ist. An der automatischen Parfümerkennung und der Petze-Funktion wird noch entwickelt.

    "Oder Sie greifen beim nächsten Kauf doch zum iPhone. Das können (bzw. müssen) sie sorglos kaufen. Ihnen entgehen dann zwar wertvolle technische Features und Freiheiten, aber sein Geld ist das Gerät zweifellos wert."

    Das iPhone ist - wie wir mittlerweile wissen - wirklich sein Geld wert.

    Mit ihm können Sie nicht verloren gehen, denn Apple weiß immer wo Sie sind. Für Ehefrauen und Freundinnen soll es bald ein Widget oder App geben, dass den Standort des Benutzers immer verrät, so dass der geliebte Menschen immer unter Kontrolle ist. An der automatischen Parfümerkennung und der Petze-Funktion wird noch entwickelt.

  6. Ich kann mich dem Artikel von Herrn Martenstein voll anschließen. Ich habe ganz genau die gleichen Erfahrungen mit meinem Smartphone gemacht. Mittlerweile bin ich nach fast einem Jahr wieder reuevoll zu einem klassischen Barrenhandy zurückgekehrt.
    Ich gebe zu: Ich war auch dem Hype um den/die/das Touchscreen und den Apps erlegen. Es ist halt einfach "hip", seine Finger darüber zu ziehen wie weiland Oma die Zeitung vor dem Umblättern ableckte.
    Tatsache ist: Fotos machen, Musik hören und ins Internet gehen konnte man schon lange vor den sogenannten Smartphones mit den meisten Handys - auch wenn das die wenigsten wussten und jetzt super erstaunt sind, dass sie das mit den "neuen" Geräten können.
    Das ist m.E. das Ergebnis eines äußerst geschickten Marketings einiger Handy-Hersteller und Mobilfunkprovider, den Leuten einzureden, dass sie außer über ihren privaten oder dienstlichen PC hinaus auch noch unterwegs ständig online sein müssten und ihnen damit nicht nur eine zweite Flatrate zusätzlich zu ihrer DSL-Flatrate aufzuschwatzen, sondern auch noch eine horrende Summe zum Abzahlen eines maßlos überteuerten Spielzeugs mit dem Emblem eines angebissenen Stück Obst darauf.
    Wer braucht so was? Der Artikel verrät's: Jugendliche und Erwachsene, die es zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins nötig haben (und es sich nicht selten gar nicht leisten können). Die bisherigen Kommentare belegen dies auf eindrückliche Weise.

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  7. Legt doch bitte nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage (InherentVice!) ;)

    Ein - wie so oft - wunderbar ironischer Beitrag.

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  8. ^^^^

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