Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Was die Krise des Fortschritts betrifft, kann ich mitreden. Ich besitze neuerdings ein sogenanntes Smartphone , Marke Motorola, Testsieger in einer Fachzeitschrift, versehen mit einem sogenannten Touchscreen. Das ist eine Art Glasplatte, ähnlich wie das Ceranfeld beim Herd oder der Bildschirm beim Fernseher. Man tippt nicht auf Knöpfen herum, sondern berührt mit dem Finger das Ceranfeld, und das Handy führt dann die Befehle aus. Dies ist der Fortschritt. Alle haben jetzt solche Handys, sie sind auch viel teurer. Ein iPhone habe ich deswegen nicht gekauft, weil ich zeigen will, dass ich ein Mann aus dem Volk bin und kein Dandy. Das iPhone besitzt mein Sohn.

Von glatten Flächen geht, seit dem Anbeginn aller Zeiten, eine spiegelnde Wirkung aus. Es gibt antike Mythen, die dieses Problem behandeln, zum Beispiel die Geschichte von Narziss. Der Jüngling Narziss blickte auf einen glatten Teich, sah sein Spiegelbild, verliebte sich in sich selber und ertrank beim Versuch, sich zu küssen. Ich bin und bleibe ein Anhänger des Gymnasiums.

Wenn ich im Hellen stehe und das Handy klingelt, sehe ich nicht, wer anruft. Dies könnte ich vielleicht verschmerzen. Ich kann aber auch den Anruf nicht annehmen. Um den Anruf anzunehmen, müsste ich nämlich mit dem Finger eine bestimmte Stelle auf der Oberfläche des Handys berühren. Weil ich aber nichts sehe auf dieser Oberfläche, geht das nicht. Folglich muss ich, sobald es klingelt oder wenn ich jemanden dringend erreichen möchte, sehr schnell eine schattige oder dunkle Stelle aufsuchen. Nicht immer gelingt dies. Wegen des Fortschritts hat mein Leben sich verdunkelt. In einer Wüste, wo immer die Sonne scheint, wäre ich telefonisch nicht erreichbar, ich müsste verdursten. Ich frage mich, wieso ein teures Handy, welches, im Gegensatz zu billigen Handys, nur im Schatten funktioniert, den Menschen als ein zivilisatorischer Fortschritt erscheint. Meine skeptische Haltung, den Menschen betreffend, ist durch mein neues Shadowphone gewachsen.

Das oder der oder die Touchscreen ist außerdem sehr schnell von einer ekligen Schmiere aus Fingerfett bedeckt, es verkratzt schnell, und es reagiert nur mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung. Wenn ich etwas mit dem Shadowphone machen will, meistens will ich jemanden anrufen, dann reagiert es nicht, und ich werde nervös. Wenn ich dann, um mich zu beruhigen, das Gerät in meine Jackentasche stecke, ruft das Gerät von sich aus Menschen in der Dritten Welt an, denen ich außer Solidaritätsbekundungen nichts zu sagen habe. Die Sensibilität eines Touchscreens ist so unberechenbar wie das Seelenkostüm von Germany’s next Topmodel . Seit ich dieses Gerät besitze, ist mir überhaupt erst klar geworden, was für eine großartige Erfindung der Druckknopf oder die Taste gewesen ist. Die Taste reagiert blitzschnell, ist leicht zu reinigen, und sie funktioniert bei jedem Wetter, wie ein Klappspaten oder eine Saftpresse.

Touchscreens sind eben komplizierte technische Systeme. Entgegen offiziellen Beteuerungen gibt es ständig Störfälle. Auch in diesem Fall hat die Menschheit eine Technologie geschaffen, die sie nicht wirklich im Griff hat. Es herrscht ein blinder Optimismus, Risiken werden verdrängt. Das oder der Touchscreen ist ein weiteres Exempel für den gescheiterten Umgang der Menschheit mit Technik. Nicht alles ist machbar. Eine spiegelglatte, glasähnliche Fläche, die nicht spiegelt, ist zum Beispiel nicht machbar. Ich habe die Restlaufzeit meines Handys verkürzt.

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