Preußen gegen die Schweiz Preußens Perle
Die Stadt und der Kanton Neuchâtel gehörten fast 150 Jahre lang dem König in Berlin. Als die helvetischen Untertanen ihm 1856 den Gehorsam aufkündigten, rüstete Preußen zum Krieg gegen die Schweiz.
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Die Stadt Neuchâtel im Westen der Schweiz um das Jahr 1950
Es ist die Nacht auf Mittwoch, den 3.September 1856. Ein Trupp Bewaffneter stürmt das Regierungsgebäude der Schweizer Kantonshauptstadt Neuenburg/Neuchâtel. Es sind die Anhänger des preußischen Königs. Noch im Laufe der Nacht verhaften sie mehrere Staatsräte der Regierung aus ihren Betten – einer entkommt mithilfe zusammengeknüpfter Leintücher durchs Schlafzimmerfenster – und verkünden die Wiederherstellung der Monarchie: »Neuenburger! Die Stunde der Befreiung hat endlich geschlagen! Der Ruf ›Vive le Roi!‹ sei Euer Erkennungszeichen! An die Waffen, Ihr Treuen!«
Die neuen Herren erklären den Belagerungszustand für das Kantonsgebiet. Alle Gemeinden werden aufgefordert, royalistische Bürgerwehren zu bilden. Und während zur Stunde des Sonnenaufgangs am Neuenburger See schon der preußische Adler flattert, marschiert eine zweite Truppe im Oberland auf das republikanische Uhrmacherstädtchen La Chaux-de-Fonds zu.
Doch der Staatsstreich misslingt. Die Königstreuen werden zurückgeschlagen, rund zweitausend Republikaner eilen aus La Chaux-de-Fonds hinunter in die Kantonshauptstadt, wo sie am Abend des 3.September eintreffen. Kaufleute, Handwerker, Uhrmacher und Bauern erobern das Regierungsschloss zurück. Die eingesperrten Republikaner werden befreit, und mehr als fünfhundert Royalisten, darunter viele Adlige, deren Pächter und ihr Gesinde, kommen in Gefangenschaft.
Als am Donnerstag, dem 4. September, Europas Presse vom Neuenburger Putsch erfährt, ist dieser bereits gescheitert. Das »Monstrum des Aufstandes« sei »nur zur Welt gekommen«, schreibt die Neue Zürcher Zeitung, »um in seiner eigenen Schande zu ersticken«. Die eigentliche Krise aber beginnt erst. Denn während des folgenden halben Jahres wird das kleine Neuenburg die Großmächte in Europa auf eine Weise beschäftigen wie nie zuvor und nie wieder danach in seiner Geschichte.
Es kommt zu diplomatischen Verwicklungen ohne Ende, zu Ultimaten und zum Abbruch zwischenstaatlicher Beziehungen, zu Vermittlungsversuchen und Staatsintrigen, intimen Verhandlungen in den Tuilerien und pietistischen Erörterungen im Schloss Charlottenburg. Die preußische Generalität rasselt mit dem Säbel und rüstet die Kanonen, in der Schweiz werden patriotische Hymnen gedichtet, die Eidgenössischen Räte wählen einen militärischen Oberkommandanten. Ein preußischer Krieg gegen die Schweiz kann nur knapp verhindert werden.
Aber war der König in Berlin nicht im Recht, als er plante, sich Neuenburg »zurückzuholen«?
Tatsächlich: Nach dem Buchstaben internationaler Verträge ist Neuenburg – seit 1814 ein Kanton der Schweiz – noch bis 1857 auch ein preußisches Fürstentum. Die Hohenzollern kamen 1707 unter König Friedrich I. zu dieser Herrschaft, als Marie de Nemours verstarb, Neuenburgs letzte Regentin aus der Dynastie der Orléans-Longuevilles. Marie de Nemours hinterließ keine Nachkommen, und ein Gericht der feudalen Drei Stände von Neuchâtel erhielt daher die Möglichkeit, unter 19 Thronprätendenten und vorgeblichen Erben einen neuen Herrn zu wählen.
Das Fürstentum Neuenburg umfasst 803 Quadratkilometer, das sind etwa hundert weniger, als heute die Fläche des Landes Berlin misst. Die Einwohner sind protestantisch. Einige der erfolgreichsten Familien der Stadt – auch einige Vorfahren der späteren Putschisten – kamen einst als Hugenotten aus Frankreich. Die Orléans-Longuevilles waren katholisch, doch die Reformation in ihrem Fürstentum, in dem sie zu keinem Zeitpunkt residierten (meist lebten sie in Frankreich), haben sie weder aufhalten noch rückgängig machen können.
Unter den Bewerbern für den neu zu vergebenden Titel eines Fürsten von Neuenburg und Valangin gibt es bald einen Favoriten: das mit den Orléans weitläufig verwandte Haus Hohenzollern. Es ist für das lokale Gericht der Drei Stände besonders attraktiv. Nicht nur weil die preußischen Agenten die Gerichtsherren im richtigen Moment bestechen; nicht nur weil die mit Neuchâtel verbündete Patrizierrepublik Bern den Preußen entschieden freundlicher gesinnt ist als den Franzosen; nicht nur wegen des preußischen Protestantismus – sondern vor allem weil ein mehr als achthundert Kilometer entfernt regierender und mit vielerlei Dingen beschäftigter König Friedrich der örtlichen Aristokratie bestimmt nicht so gefährlich werden kann wie zum Beispiel ein ehrgeiziger bourbonischer Fürst Conti, der nebenan in Frankreich politisch rumort.
Als Ludwig XIV., der Sonnenkönig, von der Entscheidung der Neuenburger für die Hohenzollern und gegen die französischen Bewerber erfährt, lässt er gleich zornentflammt Truppen mobilisieren und an die Grenze marschieren. Schon damals wäre es fast zu einem Krieg gekommen. Aufseiten der Neuenburger stehen neben Bern auch die übrigen Eidgenossen, ein Staatenbund, mit dem das Fürstentum als sogenannter »zugewandter Ort« verbündet ist. Zum Glück für die Schweizer beruhigt sich Ludwig wieder, von anderen Interessen okkupiert, und FriedrichI. kann das Amt antreten, nachdem er dem örtlichen Patriziat zahlreiche und detailliert aufgelistete Privilegien eidlich garantiert hat.
- Datum 29.04.2011 - 16:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.4.2011 Nr. 18
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dass Friedrich Wilhelm die Prioritäten falsch gesetzt hat - wäre er von Berlin nach Neuchatel umgezogen wäre dort die Entwicklung wahrscheinlich so verlaufen wie in Liechtenstein, und in Preussen wäre das Kaiserreich ausgefallen
Sehr schöner Artikel.
Schmunzeln mußte ich hier:
"Als Friedrich der Große 1748 die Steuern des Fürstentums verpachtet, um die Erträge zu verbessern, kommt es zu einem ersten Volksaufstand."
Schon damals hat man die Privatisierung hoheitlicher Aufgaben zugunsten von Heuschrecken nicht zu schätzen gewußt...
über eine Randnotiz des Weltgeschehens. Aber man lernt doch viel über diese Zeit durch solche Schilderungen.
Ein paar Royalisten für ein ganzes Stück Land getauscht? So was beklopptes! Ich mag vllt ein roter sein, aber der Herr König hätte meiner Meinung nach einfach reinmarschieren sollen und die aufständischen schweizer züchtigen sollen um zu zeigen wer Herr im Haus ist. Natürlich unter der Bedingung das sich keine Großmacht dann einmischt.
Ich kann den General und König verstehen. Ich würde mich auch in meiner Ehre gekränkt fühlen.....
Artikel, anscheinend passend zu einer neudeutschen Ströhmung - nach Adel, Lichtgestalten etc. Für Demokraten erschütternd, wie in DE wieder Prinzesschen, Freiherren, etc. plötzlich aus allen Löchern gekrochen kommen.
Die Schweiz, in heutiger Form, hat sich 1848 die neue DEMOKRATISCHE Verfassung, basierend auf der amerikanischen, und dank Ziehvater Napoleon, zugelegt. Richtig gelesen, ersieht man, wie DE es noch 150 Jahre unter der Pickelhaube verschlafen hat, und dann …. sowas geschenkt oder aufoktruiert bekam. Hoffnung für Europa, dass es sich in jüngeren DE-Generationen doch etwas verinnerlicht hat.
Aus einer CH-Sicht kann der Neuchâtel-Fall Auch so zusammengefasst werden: 1856 hatte Preussen 100’000 Soldaten bereits abmarschbereit - die Süddeutschen hatten denen bereits freien Durchmarsch gewährt. Der Einmarsch konnte gerade noch durch Einflussnahme von Paris, Wien und London verhindert werden.
[...]
Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er
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