Lieber Sigmar, liebe Genossinnen und Genossen,

ich habe lange mit mir gerungen, bis ich mich dazu entschieden habe, diesen Brief zu schreiben. Ich bin nur ein einfaches Mitglied, aber: Nach 36 Jahren in der SPD tut es mir im Herzen weh, Euch zu sagen, dass ich die Partei verlasse. Ich trete aus. Es bleibt mir nichts anderes übrig, wenn ich mir und meinen politischen Überzeugungen treu bleiben möchte.

Meine Entscheidung ist nach der Bekanntgabe gefallen, dass Thilo Sarrazin nicht aus der SPD ausgeschlossen wird. Eine nachvollziehbare Erklärung und Begründung vonseiten der SPD kann nicht folgen, da Rassismus den Grundwerten einer sozialdemokratischen Partei nicht entsprechen kann und dieser Mann eindeutig volksverhetzende und rassistische Ansichten öffentlich und schwarz auf weiß gesellschaftsfähig gemacht hat. Dieser Mann betreibt offen Volksverhetzung, ohne dafür Konsequenzen seitens der SPD tragen zu müssen. Seine menschenfeindlichen Äußerungen gegenüber anderen Volksgruppen, insbesondere der türkischen, entsprechen nicht den Grundwerten und Grundsätzen der SPD, ganz zu schweigen davon, dass sie gegen das Grundgesetz der BRD verstoßen. Sarrazin macht unsere Partei angreifbar.

Das alles zu schreiben fällt mir wirklich nicht leicht, besonders wenn ich an mein Leben hier in Deutschland denke. Ich war 22 Jahre alt, als ich meine Heimatstadt Nevşehir verließ, um nach Deutschland zu gehen. Das ist bald 50 Jahre her. Ich hatte keine besondere Ausbildung, aber die Schule hatte ich zu Ende gebracht. Ich hatte nur meine körperliche Kraft und den Entschluss, mir mit Fleiß ein Leben aufzubauen. Ich kam als einfacher Arbeiter, war zunächst in Frankfurt im Straßenbau tätig, nach einem Jahr wurde ich DGB-Mitglied. Dann ging ich zu Mannesmann nach Duisburg, wo ich es schnell zum Vorarbeiter brachte. Dort wurde ich auch zum Betriebsrat gewählt. Ich war immer politisch, schon in der Heimat, während der Schulzeit war ich in der »Atatürk-Jugend« aktiv. Ich lernte dort, dass jeder Mensch eine gerechte Behandlung verdient, ob reich oder arm, ob Arbeiter oder Professor. In Deutschland sah ich, dass es die Sozialdemokraten waren, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzen – auch für die Rechte der ausländischen Arbeiter. Daran wollte ich, der ich nun mein Leben in Deutschland aufbaute, Anteil haben. Nicht immer nur darauf warten, dass andere etwas für mich taten.

Deutschland war für mich auch immer die SPD. 1975 wurde ich Parteimitglied im Unterbezirk Duisburg. Nach drei Jahren bewarb ich mich als Sozialberater bei der Arbeiterwohlfahrt. Ich machte Lehrgänge, lernte die Sprache besser, bildete mich weiter und beriet dann türkische Familien. Später saß ich eine Legislaturperiode im Stadtparlament von Meschede im Sauerland. Ich war aufgerückt für eine Genossin, die in den Bundestag gewählt worden war. Nun war ich nicht mehr der türkische Gastarbeiter, sondern Kommunalpolitiker und Sozialberater. Diese Arbeit habe ich 30 Jahre lang gemacht, bis ich 2006 Rentner wurde. Übrigens wurde die gesamte Familie sozialdemokratisch. Mein Sohn und meine Tochter traten den Jusos bei. Sie machten als erste Kinder aus einer türkischen Familie in unserer Stadt das Abitur. Heute arbeitet mein Sohn als Werbekaufmann, meine Tochter, eine Politologin, auch hauptberuflich als Geschäftsführerin für die SPD. Ich wünsche ihr viel Kraft.

Ich blicke auf ein zufriedenes und stolzes Arbeitsleben zurück. Man muss sich in dem Land wohlfühlen, in dem man lebt, und dafür muss jeder selbst etwas tun. Die Sozialdemokratie hatte mir gezeigt, dass es jeder in diesem Land mit harter Arbeit schaffen kann. Dass jeder Mensch gleich ist.

Und jetzt? Jetzt bin ich enttäuscht. Ich hätte nicht erwartet, dass die SPD einen Mann wie Thilo Sarrazin schützt. Mit ihrer Entscheidung, keine Konsequenzen gegen ihn und aus der von ihm angestoßenen Debatte zu ziehen, tritt die SPD jahrzehntelange Integrationsarbeit, die auch ich zu leisten versucht habe, mit Füßen. Verwunderlich daran ist, dass Du, lieber Sigmar, wie auch der komplette Parteivorstand Euch in dieser Frage einig wart, dass dieser Mann keine sozialdemokratischen Thesen vertritt und auch in der SPD nichts verloren hat. Das konnte man auch an den Antragstellern und dem laufenden Verfahren erkennen. Lieber Sigmar, darüber hast Du sogar große Zeitungsartikel geschrieben.

Warum die SPD bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erklärung abliefert, ist mir ein Rätsel und nur damit zu erklären, dass undemokratische »Hinterzimmerpolitik« betrieben wurde, wie sie in einer sozialdemokratischen Partei nicht zu rechtfertigen ist. Zumal in den letzten Tagen öffentlich bekundet wurde, dass Antragsteller des Landesverbandes, des Kreisverbandes wie auch der Bundespartei nicht in Kenntnis gesetzt worden sind von dieser Entscheidung, die Ausschlussanträge zurückzuziehen. Das ist beschämend und nicht der Partei würdig, von der ich einst so überzeugt war. Ich gehöre nicht zu denen, die wegen jeder Kleinigkeit oder Unzufriedenheit drohen, aus einer Partei auszutreten. Doch das ist keine Kleinigkeit – es geht um unsere Grundwerte. In einer Partei, die ihre Grundwerte verrät, möchte ich nicht mehr sein. Hat die Schiedskommission denn nicht gesehen, wie sehr Sarrazin unserer Gesellschaft geschadet hat? Wäre er in einer anderen Partei, hätte ich ihr vorgeworfen, dass sie diese menschenfeindlichen Ansichten mitträgt, solange sie keine Konsequenzen zieht.

Ich kann nur hoffen, dass es nicht bei dieser Entscheidung bleibt und die Partei begreift, was sie angerichtet hat. Erst dann würde ich wieder eintreten.

In Freundschaft und Solidarität

Naci Özkan

Aufgezeichnet von Özlem Topcu