ZEITmagazin: Mister Simon, Sie haben Welthits geschrieben, aber als so cool wie Bob Dylan oder Leonard Cohen galten Sie nie. Haben Sie das selbst ähnlich wahrgenommen?

Paul Simon: Ja, schon zu Beginn meiner Karriere mit Simon and Garfunkel. Artie und ich, zwei Jungs aus Queens, fielen schon körperlich aus dem Rahmen. Ich war zum Beispiel viel zu klein, um sexy zu sein. Wir nahmen keine harten Drogen, zertrümmerten nie ein Hotelzimmer, unsere Freundinnen waren keine Supermodels. Unsere Frisuren waren unmodisch.

ZEITmagazin: Wollten Sie absichtlich bieder wirken?

Simon: Nein, wir machten nur nichts von dem, was man cool nennt. Wir waren so ziemlich das Gegenteil von Avantgarde, diese Art von Anerkennung war uns nicht wichtig. Wir wollten Erfolg und waren dann ja auch populärer als alle anderen. Nur die Beatles waren lange erfolgreicher als wir. Aber am Ende der Sechziger hatten wir mir mit unseren Plattenverkäufen sogar die übertroffen.

ZEITmagazin: Sie haben als Teenager angefangen, Songs zu schreiben. Wie kamen Sie dazu?

Simon: Weil ich so viel kleiner war als die anderen Jungs in meinem Alter, schauten die Mädchen einfach über mich hinweg. Eines Tages sah ich in der Schule eine Band spielen. Die Jungs sahen nicht gerade toll aus, aber alle Mädchen himmelten sie an. Ich wusste, dass ich das auch konnte, also besorgte ich mir eine Gitarre. Und kaum hatte ich die, bemerkten mich auch die Mädchen.

ZEITmagazin: Und was reizt Sie heute daran, Platten aufzunehmen?

Simon: Das frage ich mich auch. Seit Jahren denke ich mir nach jeder Platte: Das könnte es jetzt gewesen sein. Deswegen lasse ich mir mittlerweile auch so viel Zeit mit meinen Alben.

ZEITmagazin: Nach dem Ende von Simon and Garfunkel im Jahr 1970 klang Ihre Musik so, als ob Sie sich möglichst weit vom Sound dieses Duos entfernen wollten. War das so?

Simon: Ja, das kann sein. Bridge Over Troubled Water war das letzte Simon-and-Garfunkel-Album. Danach hatte ich einfach genug von gewaltigen Balladen. Selbst wenn ich gewollt hätte: Einen Song wie Bridge Over Troubled Water schreibt man nur ein Mal im Leben.

ZEITmagazin: Angeblich waren Sie beim Schreiben dieses Songs so überwältigt, dass Sie geweint haben. Oder ist das ein Internetmärchen?

Simon: (langes Schweigen) Ich hatte zuerst den Text geschrieben. Als mir dann die Melodie dazu in den Sinn kam, war ich fassungslos, glücklich, vollkommen überwältigt. Und, ja, es stimmt, ich habe vor Glück und Überraschung geweint. Denn ich weiß nie, woher meine Lieder eigentlich kommen.

ZEITmagazin: Haben Sie eine Vermutung?

Simon: Ich glaube, alle Lieder gibt es schon irgendwo, und ich habe nur das Privileg, sie empfangen zu können. Musik ist eine Botschaft aus dem Paradies. Klingt sehr spirituell, oder? Aber so sehe ich das. Allerdings erst, seit ich älter bin.

ZEITmagazin: Finden Sie nicht auch, dass The Sound Of Silence ein noch besserer Song ist als Bridge Over Troubled Water?

Simon: Das mag ich nicht beurteilen. Auch von The Sound Of Silence war ich überwältigt, als ich das Lied mit 21 schrieb. Je älter man wird, desto mehr begreift man, wie besonders solche Lieder sind. Meistens ist es doch so, dass man Lieder schreibt, die vielleicht ganz in Ordnung sind, aber längst nicht dem Ideal entsprechen, das man sich ersehnt.

ZEITmagazin: Welche Ihrer Lieder entsprechen denn Ihren Idealvorstellungen?

Simon: Kein einziges. Ich habe noch nie zehn von zehn möglichen Punkten erreicht.

ZEITmagazin: Auch nicht mit The Boxer oder Mrs. Robinson?

Simon: Alle weniger als zehn. Bleiben wir bei Bridge Over Troubled Water: Die ersten beiden Verse waren sehr gut, fast zehn Punkte wert. Aber im Studio kam dann Artie mit unserem Produzenten an und teilte mir mit, dass eine dritte Strophe dringend notwendig sei. Ich ließ mich breitschlagen und schrieb eine dritte Strophe. Ich hielt das schon damals für einen Fehler, wollte aber Streit vermeiden. Und wenn Sie mich heute fragen: Genau diese drangepappte Strophe zieht das Lied herunter. Aber vielleicht irre mich auch. Es ist schwer, eigene Lieder zu beurteilen.