Tsunami-KatastropheJapan, wie es war, ist nicht mehr

Der Tsunami hat Teile der japanischen Hauptinsel Honshu in eine apokalyptische Landschaft verwandelt. Der Magnum-Fotograf Paolo Pellegrin hat dort jetzt nach Spuren des Lebens gesucht. von 

Was das Wüten der Naturgewalten von Ishinomaki übrig ließ

Was das Wüten der Naturgewalten von Ishinomaki übrig ließ  |  © Paolo Pellegrin/Magnumphotos/Agentur Focus

In eine Zone des Grauens und der nachmenschlichen Stille zu dringen, nachdem dort eine Katastrophe alles Leben, alle vertrauten Bilder ausgelöscht hat – so etwas kannte man aus der Literatur oder aus dem Krieg. Seit Tschernobyl wissen wir, solche Zonen sind auch mit ziviltechnischen Mitteln machbar. Fukushima ist alles auf einmal: gewaltige, bis dahin unvorstellbare Naturkatastrophe und menschengemachter Ernstfall zugleich.

Mehr Bilder von Paolo Pellegrin

Mehr Bilder von Paolo Pellegrin  |  © Paolo Pellegrin

Der Fotograf Paolo Pellegrin ist Anfang April dieses Jahres gemeinsam mit einem japanischen Freund, dem Fotografen Kosuke Okahara, von Tokyo aus in das Katastrophengebiet aufgebrochen. Die Fahrt ging entlang der Ostküste nordwärts, die beiden folgten der Küstenstraße, so gut es ging. Oft ging es nicht. Immer wieder mussten sie ins Hinterland ausweichen, denn die Wasserwand, die bis zu acht Kilometer tief ins Land hinein Dörfer und Städte niedergewalzt und weggewaschen hatte, ganze Landschaften samt Mensch und Tier, Häfen, Bahnlinien, Industrieanlagen – sie hatte auch die beliebte Küstenroute zerstört.

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"Was mich erschütterte", sagt Pellegrin, "war die Abwesenheit von Menschen in vielen Orten, durch die wir kamen. Japan ist ein dicht besiedeltes Land, es hat eine lange Erfahrung mit Erdbeben und Tsunamis. Und es hat sich darauf eingestellt, in der Bauweise der Häuser, in der Ruhe, die die Japaner bewahren, wenn die Erde bebt. Sie kannten das, es gibt dort Hunderte Beben im Jahr. Na gut, sagten sie sich, das ist jetzt ein besonders starkes Beben, ein besonders heftiger Tsunami, und verließen sich auf ihre Dämme und Betonschutzwände."

Paolo Pellegrin

46, wurde in Rom geboren und hat als Mitglied der weltweit renommierten Fotoagentur Magnum zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Meist ist er in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs. Seit Anfang des Jahres erscheint im ZEITmagazin seine Fotokolumne Paolo Pelegrins Expeditionen. Pellegrin lebt in Rom und New York.

Aber diesmal war alles anders. Nichts von dem, was sonst gehalten und geschützt hatte, hielt und schützte mehr. "All diese Orte waren verlassen, leer. Die Menschen, die noch vor Kurzem hier gelebt hatten, hatte das Meer fortgespült oder sie waren geflohen."

Pellegrin fragte sich, wie er es anstellen sollte, das Ausmaß dieser Destruktion – "die ungeheure Zerstörungsmacht der Natur" – in Bilder zu fassen. So entstand die Idee, Panoramen zu fotografieren, nicht Details. Um klarzumachen, dass nicht etwa nur ein schmaler Küstenstrich verwüstet ist, sondern ganze Gegenden Japans in reine Trümmerlandschaften verwandelt sind.

In dieser Ruinenstille, so weit das Auge reicht, so weit die beiden vorankamen, dröhnte die Zerstörungsmacht der Natur nach – und in der Menschenleere das andere Grauen, "die menschengemachte Katastrophe von Fukushima. Und wir wissen, Japan hat 54 Atomkraftwerke." Einerseits, sagt Pellegrin, sei all das sehr sichtbar gewesen, 360 Grad um ihn herum. "Andererseits war es unsichtbar. Du siehst nicht, was im Reaktor geschieht, es sei denn, du bist Wissenschaftler."

Pellegrin und sein japanischer Freund machten in der Gegend von Fukushima und Sendai nicht kehrt, sie fuhren Hunderte Kilometer weiter in den hohen Norden der Hauptinsel Honshu, bis nach Taro.

Leserkommentare
    • LaOtra
    • 30. April 2011 16:58 Uhr

    Zum Artikel „Japan, wie es war, ist nicht mehr“ – Zeit Magazin 28.4.2011:

    Für uns, die Japan bereisten, mit dort lebenden Freunden ständig in Kontakt sind, ist es schier unerträglich, mit welchen Berichten die meisten deutschen Medien über Japaner und Fukushima. die Leser fast täglich zu schockieren versuchen.
    Da kommt alles zusammen: Die berühmte „German Angst“, bad news are good news, Unwissen, Panikmache. Dabei bleiben Sachlichkeit und Fakten oft auf der Strecke. Wie sagte Altkanzler Schmidt unlängst: „Die Deutschen haben die Neigung, sich zu ängstigen. Das steckt seit dem Ende von Nazi-Zeit und Krieg in ihrem Bewusstsein“.
    Leider steigt die von mir seit 20 Jahren abonnierte ZEIT auch auf diesen Zug…Den Vogel schießt jetzt der Beitrag im Zeit Magazin „Japan, wie es war, ist nicht mehr“.
    Angesichts der Tatsache, dass von Japans Gesamtfläche (377.000 km2) das Tsunami-Gebiet keine 5% ausmacht, ist schon dieser Titel eine Zumutung und irreführende Überdramatisierung. Dem japanunkundigen Leser wird suggeriert: Ganz Japan ist verwüstet. Dies wird noch getoppt durch die Aussage: “…nicht etwa nur ein schmaler Küstenstrich verwüstet ist, sondern ganze Gegenden Japans…“
    Fakt ist, dass erst das noch nie dagewesene Erdbeben (Stärke 9.0 auf der Richterskala) und der daraus resultierende –auch noch nie dagewesene Riesentsunami haben die Kühlwasserversorgung der Atomreaktoren Fukushima beschädigen können.
    Gabor Szasz

    • LaOtra
    • 30. April 2011 16:59 Uhr

    Während der Super-GAU in Tschernobyl in der Tat durch menschliches Versagen (Konstruktions- und Bedienungsfehler) verursacht wurde, kann im Fall Fukushima davon keine Rede sein. Daher sind Formulierungen wie „die menschengemachte Katastrophe von Fukushima“ grober Unfug, es sei denn, Erdbeben und Tsunami sind „menschengemacht“. Fakt ist, dass die Atomanlagen von Fukushima bis dato allen Erdbeben in Japan standhalten konnten. Und das bei jährlich über 2000 kleineren und größeren Erdstößen.
    Warum fallen Japaner nicht in Panik? – fragen sich deutsche Journalisten. Die Antwort ist simpel: Japaner sind sich bewusst, dass sie auf von Erdbeben stark gefährdeten Inseln leben, von der sie nicht einfach „irgendwohin“ umziehen können.
    Von Kindesalter an nehmen alle Japaner regelmäßig an Übungen im Umgang mit Erdbeben teil. Die Einhaltung der entsprechenden Bauvorschriften wird strengstens überwacht. Während Erdbeben von der Stärke über 6.0 in anderen Ländern zigtausend Tote und verwüstete Städte verursachen, gibt es in Japan all das nicht.

    Weitere Richtigstellungen:
    Anzahl der Toten durch Strahlung direkt nach der Katastrophe
    Tschernobyl: 28. Selbst nach 25 Jahren gibt es keine seriösen Zahlen über weitere Toten. Der Tsunami brachte in der Küstenregion dreier japanischen Präfekturen ca. 15.000 Tote. Durch die Beschädigung der Atomanlage Fukushima kamen 2 Arbeiter ums Leben.
    Gabor Szasz

    • LaOtra
    • 30. April 2011 16:59 Uhr

    Das Knien der Japaner: Japaner knien immer auf den Boden, man isst, macht dies und das gerne auf dem Boden sitzend oder kniend. Das hat mit einer „Geste der Entschuldigung“, wie in deutschen Medien gerne dargestellt wird, nichts zu tun.

    Das Verbeugen ist in Japan allgegenwärtig. So grüßen sich die Menschen. Die Japaner sind ein stolzes Volk. Jeder ist sich seines Wertes bewusst, es gibt in Japan keine Unterwürfigkeit. Ein Beispiel: Verlässt der Gast das Restaurant, wird sich der Kellner verbeugen und der Gast quittiert dies auch mit einem Verbeugen–nur etwas weniger tief. Das Protokoll, wer sich wie tief und wann genau verbeugt, ist ganz genau geregelt. Das Verbeugen der Japaner als Demutshaltung darzustellen, ist falsch und somit unerhört.

    Der Mundschutz. Auf den Fotos sieht man viele Japaner mit Mundschutz. Die Fotos sollen Angst vor Strahlen suggerieren. Auch das Tragen eines Mundschutzes ist in Japan gang und gäbe und hat weder mit Fukushima noch mit Strahlenabwehr etwas zu tun. Viele Japaner tragen in der Öffentlichkeit Mundschutz, entweder weil sie andere nicht infizieren wollen oder von anderen nicht infiziert werden wollen. Grippe ist gefürchtet, insbesondere dort, wo große Menschmengen verkehren. Ein weiterer Anlass für den Mundschutz ist im Frühling die Allergie gegen Blütenpollen. Der Mundschutz ist eigentlich der Beweis für die – bei uns leider nicht angesagte Rücksicht, Vorsicht, Sauberkeit der Japaner.
    Gabor Szasz
    Neu-Ulm

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    • Gittel
    • 01. Mai 2011 1:39 Uhr

    Liebe/r LaOtra!
    Vielen Dank für den Kommentar - Sie haben sehr passend zusammengefasst, was es an inzwischen wirklich unfassbaren Verwerfungen in der deutschen Berichterstattung über Japan gibt. Dass man selbst in der ZEIT davor schon seit Wochen nicht mehr sicher ist, ist um so schlimmer.
    Man gewinnt wirklich den Eindruck, dass selbst Katastrophen vom Ausmaß dessen, was sich im Zusammenhang mit dem großen Tohoku-Erdbeben ereignet hat, noch nicht ausreichen - selbst hier muss durch maßlose Übertreibung und (wissentliche oder unwissentliche - in jedem Falle aber unverantwortliche) Fehlinformation noch eins d'raufgesetzt werden.
    Viele liebe Grüße aus Tokyo!

    • Gittel
    • 01. Mai 2011 1:39 Uhr

    Liebe/r LaOtra!
    Vielen Dank für den Kommentar - Sie haben sehr passend zusammengefasst, was es an inzwischen wirklich unfassbaren Verwerfungen in der deutschen Berichterstattung über Japan gibt. Dass man selbst in der ZEIT davor schon seit Wochen nicht mehr sicher ist, ist um so schlimmer.
    Man gewinnt wirklich den Eindruck, dass selbst Katastrophen vom Ausmaß dessen, was sich im Zusammenhang mit dem großen Tohoku-Erdbeben ereignet hat, noch nicht ausreichen - selbst hier muss durch maßlose Übertreibung und (wissentliche oder unwissentliche - in jedem Falle aber unverantwortliche) Fehlinformation noch eins d'raufgesetzt werden.
    Viele liebe Grüße aus Tokyo!

    Antwort auf "Welches Japan 3/3"

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