In eine Zone des Grauens und der nachmenschlichen Stille zu dringen, nachdem dort eine Katastrophe alles Leben, alle vertrauten Bilder ausgelöscht hat – so etwas kannte man aus der Literatur oder aus dem Krieg. Seit Tschernobyl wissen wir, solche Zonen sind auch mit ziviltechnischen Mitteln machbar. Fukushima ist alles auf einmal: gewaltige, bis dahin unvorstellbare Naturkatastrophe und menschengemachter Ernstfall zugleich.

Der Fotograf Paolo Pellegrin ist Anfang April dieses Jahres gemeinsam mit einem japanischen Freund, dem Fotografen Kosuke Okahara, von Tokyo aus in das Katastrophengebiet aufgebrochen. Die Fahrt ging entlang der Ostküste nordwärts, die beiden folgten der Küstenstraße, so gut es ging. Oft ging es nicht. Immer wieder mussten sie ins Hinterland ausweichen, denn die Wasserwand, die bis zu acht Kilometer tief ins Land hinein Dörfer und Städte niedergewalzt und weggewaschen hatte, ganze Landschaften samt Mensch und Tier, Häfen, Bahnlinien, Industrieanlagen – sie hatte auch die beliebte Küstenroute zerstört.

"Was mich erschütterte", sagt Pellegrin, "war die Abwesenheit von Menschen in vielen Orten, durch die wir kamen. Japan ist ein dicht besiedeltes Land, es hat eine lange Erfahrung mit Erdbeben und Tsunamis. Und es hat sich darauf eingestellt, in der Bauweise der Häuser, in der Ruhe, die die Japaner bewahren, wenn die Erde bebt. Sie kannten das, es gibt dort Hunderte Beben im Jahr. Na gut, sagten sie sich, das ist jetzt ein besonders starkes Beben, ein besonders heftiger Tsunami, und verließen sich auf ihre Dämme und Betonschutzwände."

Aber diesmal war alles anders. Nichts von dem, was sonst gehalten und geschützt hatte, hielt und schützte mehr. "All diese Orte waren verlassen, leer. Die Menschen, die noch vor Kurzem hier gelebt hatten, hatte das Meer fortgespült oder sie waren geflohen."

Pellegrin fragte sich, wie er es anstellen sollte, das Ausmaß dieser Destruktion – "die ungeheure Zerstörungsmacht der Natur" – in Bilder zu fassen. So entstand die Idee, Panoramen zu fotografieren, nicht Details. Um klarzumachen, dass nicht etwa nur ein schmaler Küstenstrich verwüstet ist, sondern ganze Gegenden Japans in reine Trümmerlandschaften verwandelt sind.

In dieser Ruinenstille, so weit das Auge reicht, so weit die beiden vorankamen, dröhnte die Zerstörungsmacht der Natur nach – und in der Menschenleere das andere Grauen, "die menschengemachte Katastrophe von Fukushima. Und wir wissen, Japan hat 54 Atomkraftwerke." Einerseits, sagt Pellegrin, sei all das sehr sichtbar gewesen, 360 Grad um ihn herum. "Andererseits war es unsichtbar. Du siehst nicht, was im Reaktor geschieht, es sei denn, du bist Wissenschaftler."

Pellegrin und sein japanischer Freund machten in der Gegend von Fukushima und Sendai nicht kehrt, sie fuhren Hunderte Kilometer weiter in den hohen Norden der Hauptinsel Honshu, bis nach Taro.