ZEITmagazin: Herr Bierhoff, an keinem Arbeitsplatz in Deutschland erfährt man so viel Kritik wie bei der Nationalmannschaft...

Oliver Bierhoff: Kritik höre ich mein ganzes Leben lang: Der Vorstandssohn, der macht sich nicht dreckig beim Spielen, und so weiter. Das motiviert mich eher, ich wachse am Widerstand. Ich bin sehr ehrgeizig, schon von klein auf. Wenn mein Vater mich beim Kicken besiegt hat, habe ich zwar wütend geheult – aber dann gleich Revanche gefordert.

ZEITmagazin: Haben die Eltern Ihnen diesen Ehrgeiz vorgelebt?

Bierhoff: Ja, aber auch eine gewisse Lockerheit. Mein Vater ist Rheinländer, mit so einer lächelnden Zielstrebigkeit. Als ich nicht in die B1-Jugend kam, sondern nur in die B2, ging das meiner Mutter an den Stolz. Aber mein Vater, der früher Jugendnationaltorwart war, sah das lässig: Lass mal, da fällt es ihm leichter, am Ende setzt sich Qualität durch. Dieses Denken habe ich mir bewahrt: Es macht mir nichts, erst mal kleine Brötchen zu backen, weil ich im Kopf ein Bild habe, wie es am Ende im Großen aussehen wird. Das ist ein Urvertrauen.

ZEITmagazin: Hatten Sie niemals Zweifel?

Bierhoff: Natürlich. Meine schwierigste Phase war zwischen 19 und 22. Im zweiten Jahr als Profi hatte ich Schule und Militär beendet und dachte: Jetzt startest du durch. Stattdessen ging es bergab. Zeitweise war ich extrem schlecht. Wenn einen die Mannschaft als Letzten wählt, sind die Zweifel schon stark.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie aus dieser Krise heraus?

Bierhoff: Kurt Wiebach holte mich 1990 zu Casino Salzburg. Die familiäre Stimmung dort tat mir gut. Im ersten Spiel habe ich vier Tore geschossen, wir haben 5:1 gewonnen. Ich habe den ganzen Ballast abgeschmissen. Die Mannschaft nahm mich gut auf, ich war Liebling des Publikums, es lief dann wie von selbst.

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ZEITmagazin: Der Trainer war also Ihre Rettung?

Bierhoff: Und meine Eltern. Eigentlich wollte ich nicht von der Bundesliga in die Operettenliga absteigen, aber sie sagten: Sei doch froh, in Salzburg sind die Berge, da lebt sich’s schön, und Hauptsache, du spielst wieder. Meine Eltern waren immer ein starker Einfluss.

ZEITmagazin: Auch heute noch?

Bierhoff: Ja. In Krisen sind mir nur wenige Menschen wichtig: Frau, Eltern, drei Freunde. Aber letztlich löse ich Probleme für mich allein, tief im Innern, rational. Egal was man im Leben will, man steht eigentlich nackt da und muss es trotz aller Unterstützung allein bestehen.

ZEITmagazin: Hängt Ihr Selbstwertgefühl am sportlichen Erfolg?

Bierhoff: Früher vielleicht, heute bin ich gefestigter. Mein Selbstwert hängt nicht daran, ob ich auf Seite eins stehe. Mein Wert als Mensch sowieso nicht, ich betrachte auch andere nicht so. Jeder verdient denselben Respekt. Mein Ehrgeiz ist nicht mehr der Wettbewerb mit anderen, sondern das Beste aus mir herauszuholen.

ZEITmagazin: Legen Sie darum auch so viel Wert auf Ihr Äußeres?

Bierhoff: Ein Schuss Eitelkeit zeigt auch, dass man an sich arbeitet. Zu wachsen finde ich das Spannendste. Immer Neues auszutesten und zu perfektionieren. Ich lebe kaum in der Vergangenheit. Sie werden bei uns keine triumphalen Fotos finden, wo ich den Pokal hochhalte.

ZEITmagazin: Auch nach Siegen sind Sie getrieben?

Bierhoff: Ja, ich finde den Weg viel spannender als das Ergebnis. Sicher freue ich mich über Erfolge, aber innerlich ist das schon abgehakt, ich suche bereits: Was kommt als Nächstes? Dabei kann man zwar öfter auf der Schnauze landen: Wenn du hoch steigst, kannst du tief fallen. Aber deswegen krieche ich doch nicht mein Leben lang auf dem Boden. Dinge nicht getan zu haben, weil man Schiss vor der Entscheidung hatte, das geht überhaupt nicht.

ZEITmagazin: Welche neuen Qualitäten mussten Sie als Manager entwickeln?

Bierhoff: Politisches Handeln, eine Gruppe führen. Das ist bei Sportlern eine Sache für sich, Leistungssportler müssen trotz Mannschaftssport in ihrer Karriere starke Egoisten sein.

ZEITmagazin: Sie auch?

Bierhoff: Als ich das erste Mal am Profitisch saß und die große Schüssel Pommes kam, sagte ich: Bitte, nehmt doch zuerst. Die Schüssel kam leer zurück. Da verstand ich, du musst lernen, dich zu behaupten. Aber heute muss ich Menschen zusammenbringen, sie für eine Idee gewinnen. Ich habe eingesehen, dass nicht jeder so tickt wie ich mit meinem Perfektionismus und der schroffen Ruhrgebiets-Direktheit. Ich habe Offenheit und Toleranz für andere Sichtweisen gelernt. Dass man nicht immer nur antreiben kann, sondern auch mal durchatmen lassen muss. In Italien gab es den Spruch: Den Fußballer gibt es irgendwann nicht mehr, aber der Mensch bleibt. Darum bin ich zu jedem respektvoll. Ich möchte als Mensch geschätzt werden. Aber ich werde nie des Volkes Rudi oder des Volkes Olli sein.