Karl Kraus fragt einen Studenten, was er studiere. Als dieser »Wirtschaftsethik« antwortet, entgegnet der österreichische Satiriker, »dann müsse er sich wohl entscheiden«.

Die Frage, was »gut« und »schlecht« ist im Wirtschaftsleben, spielt auch heute eine Rolle. Gewinn gilt als gut, und Geld verdient, wer ökonomische Werte schafft: Unternehmer wie Bill Gates oder Mark Zuckerberg, Topmanager, auch manche Consultants und Anwälte, die durch den richtigen Rat Millionenwerte schaffen. Da ist weithin akzeptiert. Moralische Bedenken werden lediglich dann laut, wenn Gier oder Leichtsinn regieren.

Darf auch Geld verdienen, wer sich als Sozialunternehmer versteht? Das ist einer, der eine gesellschaftliche Mission hat, sich aber nicht der Karitas verpflichtet fühlt, sondern den angestrebten sozialen Wandel unternehmerisch herbeiführen will.

Es steht heute außer Frage, dass soziale Unternehmer eine großartige Ergänzung sind zu staatlichen Versorgungssystemen, öffentlichen Wohlfahrtsträgern, Selbsthilfegruppen oder Initiativen, die allein auf Spenden und Mitleid bauen. Sie überwinden, was sozialen Wandel oftmals verhindert hat: Mangelverwaltung, politische Abhängigkeiten, fehlende Professionalität und vor allem das Wehklagen über die Übel und die Ungerechtigkeiten in der Welt.

Soziale Unternehmer sind aus anderem Holz geschnitzt: Sie sehen nicht die Probleme, sondern identifizieren Marktchancen. Sie finden Lösungen für Notlagen und entdecken Nischen. Ihre Ziele verfolgen sie aus einer persönlichen Motivation heraus, das gibt ihnen Ausdauer und Widerstandskraft. 95 Prozent aller sozialen Unternehmer halten durch und etablieren Systeme, die skalierbar sind.

3.000 solcher sozialunternehmerischer Avantgardisten wurden in den vergangenen 30 Jahren von den zwei führenden Netzwerken zur Förderung dieser Idee, Ashoka und der Schwab-Foundation for Social Entrepreneurship, identifiziert. Ihr Ziel ist es, die Welt zu verändern. »Everybody is a changemaker« lautet das Mantra der Szene.

Da geht es etwa um den fairen Handel, den Einsatz von erneuerbaren Energien oder die Vergabe von Mikrokrediten. Muhammad Yunus wurde zeitweilig fast wie ein Messias gefeiert, mit der Gründung der Grameen Bank war er in entscheidendem Maße daran beteiligt, die Idee des Mikrokredits weltweit zu verbreiten. 2006 bekam er den Friedensnobelpreis. Yunus hat Weltfirmen wie BASF, Danone, Adidas oder General Electric dazu gebracht, Hybriden zu gründen, in denen soziale Ziele mit einem klaren unternehmerischen Ansatz verfolgt werden. Social business als Modell zur Bekämpfung von Armut und Hunger.

Heutzutage gibt es kaum einen Finanzdienstleiter, der nicht das Potenzial der armen Menschen erkannt hat. Social-Investment-Fonds entstehen, und unter Überschriften wie Venture Philanthropy oder Impact Investment finden Cash und Care zusammen. In Mexiko und Indien ist es gelungen, Mikrokreditinstitute an die Börse zu bringen.

Dabei argumentiert etwa Yunus, dass social business keine Dividenden an die Shareholder auswerfen dürfe. Lediglich die Investitionen dürfen zurückgezahlt werden. Die Gewinne sollten dem Ausbau der sozialen Firmen dienen.

Manche Sozialunternehmen sind ins Zwielicht geraten. Medien berichten, dass Mikrokreditnehmer von »sozialen« Heuschrecken in den Selbstmord getrieben wurden, von Veruntreuung und Bereicherung ist die Rede.

Darf man gut verdienen, wenn man Gutes tut? Was unterscheidet einen Sozialunternehmer von einem Unternehmer in der Wirtschaft? Die Antwort lautet kurz gefasst: Während der Unternehmer in der Privatwirtschaft an dem finanziellen Mehrwert gemessen wird, wird der Sozialunternehmer daran gemessen werden, welchen Mehrwert er für die Gesellschaft erbringt. Dabei sagen das ökonomische Prinzip und die Rechtsform – ob non-profit oder for-profit – nichts über die sozialen Inhalte aus. Es ist eine wertrationale Entscheidung, die den Sozial- vom Wirtschaftsunternehmer trennt.

Für den Sozialunternehmer formuliert der amerikanische Managementberater Peter F. Drucker das Credo: »Mission comes first.« Sonst laufe er Gefahr, in die Kritik zu geraten und seine Basis zu verlieren. Bisher ist es noch so, dass fast alle Sozialunternehmer hart arbeiten müssen, um bestehen zu können. »No loss«, kein Verlust am Ende des Geschäftsjahres, ist das Maß der Dinge. Allerdings arbeiten Sozialunternehmer nach Jahren des Experimentierens und semiprofessionellen Agierens heute oftmals professioneller, auch weil ihnen über Ashoka und die Schwab-Foundation kostenlose Unterstützung von Unternehmensberatungen, PR-Agenturen oder Rechtsanwaltskanzleien gewährt wird. Universitäten und Business-Schulen analysieren Geschäftsmodelle und laden Sozialunternehmer ein, ihre Strategien zu diskutieren.

Sozialunternehmer verschreiben ihr Leben einer Idee und gehen ein Risiko ein. Sie verzichten auf Karrieren. Oft dauert es Jahrzehnte, bis sich eine Idee als Geschäft erweist. Sozialunternehmer locken überdies andere Menschen an, die ebenfalls hohe Einbußen auf sich nehmen. Diese Allianzen aus sozialen Idealisten betreiben vielfach Selbstausbeutung. Die Gegenwart ist meist grau, aber man hofft auf bessere Zeiten, um neben der sozialen Wirkung auch finanzielle Stabilität zu erhalten.

Wenn dieser Punkt erreicht wird, stehen sie vor der Frage, wie die Gewinne verwendet werden dürfen. Können sie dem Sozialunternehmer zufließen, ein erster Lohn nach vielen Jahren? Die Antwort ist: Jein. Sozialunternehmer haben sicherlich einen Anspruch, ihre Aufwendungen beim Aufbau des Unternehmens zurückzuerhalten. (Daher ist es gut, wenn sie Buch darüber geführt haben.) Gewinne sollten überdies dazu verwendet werden, die Mitarbeiter leistungsgerecht zu bezahlen. Die Vergütung im öffentlichen Dienst ist eine gute Richtschnur. Sollte es sich erweisen, dass ein Sozialunternehmen so erfolgreich ist, dass es hohe Profite über Jahre abwirft, lukrativ verkauft oder gar öffentlich gehandelt wird, dann sollten die Gewinne dazu verwendet werden, neue soziale Unternehmen zu gründen oder andere dem Gemeinwohl verpflichtete Projekte zu unterstützen.