Jeder Beruf hat bestimmte Tabus. Ein Chirurg, der sich vom OP-Tisch abwendet, weil er kein Blut sehen kann und sein Magen nicht mitspielt, ist fehl am Platz. Auch bei Kritikern gibt es Tabus. Ein Filmkritiker, der unter Dunkelheitspanik leidet und aus dem Kino rennt, sobald das Licht ausgeht, hat sich bei der Berufswahl vertan.

Bei Literaturkritikern sind die Tabus weniger offensichtlich. Einfach deshalb, weil ein Hauptteil ihrer Arbeit darin besteht, unbeobachtet zu Hause zu sitzen und zu lesen. Und wenn sie sich treffen, reden sie über Bücher, oder sie ziehen ein bisschen über andere Literaturkritiker her, die gerade nicht da sind, aber sie vermeiden die wesentliche Tabufrage: Habt ihr auch so Mühe, beim Lesen wach zu bleiben? Bei mir wird das immer schlimmer. Fünf Seiten, und ich bin weg.

Von einer Person, die sich anmaßt, die Tätigkeit des Bücherkritisierens auszuüben, darf man ja wohl sechs, sieben, acht Stunden Lektüre ohne Konstitutionsschwäche erwarten. Siebenhundert Seiten, an einem Nachmittag begonnen, in den Morgenstunden des darauffolgenden Tages beendet, das muss drin sein. Wenigstens einmal im Jahr. Das ist Berufsehre. Ein gestandener Chirurgenprofi operiert auch fünf Leute hintereinanderweg. Ein echter Filmkritiker fährt zu einem Filmfestival, bleibt fünf Tage und sieht in der Zeit kein Sonnenlicht.

Nun gibt es aber Bücher, die es dem Kritiker, der vielleicht eine klitzekleine Neigung zum Leseschlaf besitzt, besonders schwer machen. Dabei handelt es sich nicht um die sogenannten anstrengenden Bücher, um, sagen wir: den Aufsatz Kulturindustrie in Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung. Da bleibt man schon deshalb wach, weil man endlich den Beweis dafür sucht, dass der Aufsatz verstaubt ist. Man findet ihn nicht, und dann wird man noch wacher. Nein, richtig gefährlich sind die besinnlichen Bücher, die einen aus der Welt wegtragen, zur inneren Einkehr einladen, zur stillen Muße anleiten.

Margot Käßmann hat ein Buch mit dem Titel Sehnsucht nach Leben verfasst. Es enthält eine Fülle guter, einfacher, hilfreicher Gedanken, deren viele Menschen bedürfen. Es kam auf Anhieb auf der Bestsellerliste nach oben. Margot Käßmann vermag es wie kaum ein anderer, den Duktus der Predigt auf ihre Schreibweise zu übertragen. Sie schreibt in einem vollkommen gleichmäßigen Tempo, sie formuliert in Sätzen, die eine ebenso gleichmäßige, nicht zu kurze, nicht ausufernde Relativsatzgrammatik besitzen. Oftmals nehmen ihre Sätze die Begriffe und Gedanken des vorangegangenen Satzes auf: "Gestillte Sehnsucht wird im Leben immer nur eine Phase darstellen. Denn Sehnsucht stellt auch eine Kreativität des Lebens dar." Margot Käßmann hat in allem so recht, dass man sich beim Lesen einfach ein bisschen fallen lässt. Ihr Buch streicht einem sozusagen über die Stirn. Vielleicht ist es ja auch genau so gemeint und deshalb gar nicht schlimm und gar kein Berufstabu, wenn man jetzt ganz kurz pausiert ... und nachher weiterliest.