Die Signa-Schauspielerinnen Sarah Dudzinski und Johanna Xenia Rafalski in den "Hundsprozessen" © Erich Goldmann

Theater hat, so wissen wir seit Aristoteles und Lessing, den Sinn, im Publikum Furcht und Mitleid auszulösen. Der Zuschauer sieht einem Stellvertreter zu, dem tragischen Helden, der für ihn in die Katastrophe geht. Der Zuschauer fühlt sich in den Helden ein; er fürchtet um ihn, doch in Wahrheit fürchtet er um sich selbst.

Auch in den Hundsprozessen , einer neuen Produktion der dänischen Theatergruppe Signa für das Schauspiel Köln, spürt man als Zuschauer Furcht und Mitleid. Aber man hat diese Gefühle nicht, indem man sich in eine handelnde Bühnenperson hineinsetzt. Man wird selbst zu dieser Person. Die Signa-Truppe hat ein leer stehendes Kölner Bürogebäude, eine ehemalige Kfz-Zulassungsstelle, zur Gespensterbehörde ausgebaut – auf drei Etagen, mit Dutzenden von Angestellten, zahllosen Amtszimmern, Verhörräumen, Archiven. Signa verwandelt einen Roman von Kafka in höhere Theaterwirklichkeit: den Prozess .

Das Ensemble dramatisiert aber den Roman nicht, wie es heute üblich ist, sondern es macht ihn gleichsam begehbar. Hundert Zuschauer gibt es pro Abend, und jeder von ihnen soll zu K. werden, dem unglücklichen Helden Kafkas, der verhaftet wird, ohne zu wissen, warum.

Signa unternimmt den Nachbau und die Erforschung einer durch Intrigen, Angst und Spezialisierung erstarrten, verfeindeten, irrsinnig gewordenen Welt. Man wird durch die Windungen eines Systems getrieben, dessen Ausmaße man nicht ahnt. Während man im Korridor auf einem Stuhl sitzt und wartet, sprüht eine Putzfrau genau jenen Stuhl, auf dem man sitzt, mit Desinfektionsmittel ein, es wird überhaupt viel gewischt, gesaugt, gekehrt in diesem Amt: die Instandhaltung der Behörde, einer Mischung aus Gericht und Psychiatrie, ist wichtiger als das Leben, das in ihr stattfindet. In vielen Zimmern stehen Betten mit zerwühlten Laken. In einem abgeriegelten Korridor liegen Hunderte von Kleidersäcken: Überreste von Existenzen, die dieses Gebäude gar nicht oder nackt verlassen haben.

Der Zuschauer wird fotografiert, bewacht, mit Papier versorgt, welches er auf seinem Weg durch die Behörde mit allerlei Stempeln versehen lassen muss, er darf die Bürokratie mit dem füttern, was sie am liebsten mag: Papier. Man geht Zickzackwege durch die Korridore, man wird hin und her geschickt und zu Herden zusammengetrieben und landet am Ende allein in einem Verhörzimmer, auf dessen Schreibtisch ein Einmachglas mit Ameisen steht. Wenn man die Staatsanwältin fragt, die hier schneidend das Regiment führt, was die Ameisen bedeuten, sagt sie: Sie sind ein Sinnbild. Und sie hebt eine durchsichtige Plastiktüte hoch, in der sie eine einzelne Ameise verwahrt: »Wenn ich sie zurückwerfe zu den anderen, wird sie zerfleischt. Wer einmal ausgesondert wurde, der ist verloren.«