Tunesien in die EU? Klingt verrückt. Aber in revolutionären Zeiten kann Verrücktes vernünftig werden – und das Gewohnte unvernünftig.

Am Südufer des Mittelmeers pflanzt sich ein Riss durch die gewohnte Wirklichkeit fort. Wie damals in Europas Osten, als die Mauer fiel. Tunesien machte den Anfang, und es könnte zum Schaufenster und Hinterland der Demokraten in der Region werden, von Marokko über die arabische Welt bis Iran: als Mitglied der Europäischen Union. Man male sich das nur einmal aus. Tunesien als Rechtsstaat unter europäischem Schutz, gleichberechtigt in Brüssel, mit allen Pflichten, auch vor Europas Justiz. Das könnte den Appetit der Nachbarvölker reizen. Wäre das schlecht?

Die kühne Idee kam kürzlich in Frankreich auf. Sie traf auf den Einwand, Tunesien zähle nicht zu Europa, sondern zu Afrika. Nun ja, Zypern ist EU-Mitglied und wird doch zu Asien gerechnet. Es genügt eben nicht, auf Landkarten zu gucken, man muss sie auch lesen. Gebirge und Wüsten isolieren den Maghreb von Schwarzafrika, das Mittelmeer indes schließt ihn mit Europa zusammen. Städte wie Marseille sind mit Tunis näher verwandt als mit Helsinki oder Warschau.

Tunesiens Nachbarn wiederum, Algerien und Libyen, sind faktisch auch die unsrigen. Schon jetzt. Sie würden es nicht erst durch Tunesiens Beitritt. Zumindest sollten diejenigen, die für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei sind, nicht mit geografischen Argumenten gegen den Beitritt Tunesiens fechten. Die Türkei grenzt immerhin an den Irak, bislang alles andere als ein Nachbar Europas; der türkische Beitritt wäre ein weitaus radikalerer Schritt als derjenige Tunesiens.

Unangenehm freilich, dass Tunesien im Süden einen Saharazipfel umfasst und damit eine Region, in der al-Qaida ihr Unwesen treiben soll. Doch angenommen, im Beitrittsprozess würde Tunesien ein prosperierender Staat: Würde das al-Qaida nützen oder schaden?

Gewiss, noch erfüllt das Land die Aufnahmekriterien der EU nicht. Was auch mal für Rumänien galt, als dessen Beitrittsprozess begann. Denkbar wiederum, dass Tunesien bald demokratischer sein wird als die Türkei. Oder Ungarn. Und das, obwohl die tunesische Verfassung festlegt, dass ihr Staat muslimisch sei; eventuell wird dieser Paragraf um des lieben Friedens willen sogar in die neue Verfassung übernommen: Na und? Unser Grundgesetz ruft Gott an, England hat eine Staatskirche, wichtig nehmen muss das niemand. In Tunesien herrscht Toleranz. Nicht in jedem Dorf oder jeder Familie, aber so war das früher auch in Irland. Oder in Bayern.

Fragt sich nur, ob die Union noch Erweiterungen verträgt. Schon jetzt gerät ihr jede Willensbildung zum Dramolett . Vielleicht, weil die einigenden Ziele ausgegangen sind? Ein Europa, das auch Arabisch spricht, das den Zusammenprall der Zivilisationen praktisch widerlegt, das jedenfalls wäre ein Projekt strategischer Größe. Ihm würde die EU so manchen Kleinkram unterordnen, mit dem sie sich heutzutage herumplagt.

Das wirtschaftliche Risiko wäre übrigens gering. In Tunesien lebt die qualifizierteste, weltoffenste Mittelschicht des Arabisch sprechenden Raumes. Das ist nicht die Dritte Welt. Zwar gibt es unterentwickelte Gebiete im Landesinneren. Aber da sei an die ehemaligen Armutsregionen Portugals erinnert; sie waren kein Hindernis für dessen Beitritt. Tunesiens Produkte wiederum, fast alle landwirtschaftlich, machen einen verschwindenden Bruchteil dessen aus, was Europas Landwirte auf den Markt werfen. Und die tunesischen Migranten sollten wir lieber als arbeitswillige Zuwanderer willkommen heißen, anstatt wie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso von den Revolutionären vordringlich zu verlangen, die Grenzen dicht zu machen. Peinlich!

Nur – wenn die Tunesier gar nicht wollten? Gut möglich, dass sie, deren Land bis 1956 französisches Protektorat war, ein Beitrittsangebot stolz ablehnen würden.

Selbst dann wäre nichts umsonst getan. Das Angebot wäre ein Schlussstrich unter alle bisherige Mittelmeerpolitik Europas, wenn es denn eine gab. Jedenfalls das Ende einer innereuropäischen Arbeitsteilung, die den Franzosen gestattete, im Maghreb das Ansehen des Westens zu ruinieren. Das Ende der Arroganz, die »denen da unten« nichts zutraute. Ein symbolischer Akt, der die Europäer ja nicht daran hindern würde, ein paar andere sinnvolle Dinge zu beschließen: Reisefreiheit für Migranten und Waren; Stipendien für Tausende tunesische Studenten an unseren Universitäten; Bürgschaften für Unternehmen, die in Tunesien investieren wollen.

Die Tunesier waren mutig. Sind wir es auch?

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