Bürgerrechtler demonstrieren in Washington D.C. gegen die Haftbedingungen von Bradley Manning. © Chip Somodevilla/Getty Images

Bis vor wenigen Tagen galt der Gefangene Bradley Manning als eine Gefahr für sich und andere. Streng bewacht, musste er 23 Stunden am Tag allein in einer fensterlosen, sechs Quadratmeter großen Zelle ausharren, mit dem Gesicht stets der Tür zugewandt. Inzwischen darf er immerhin mit anderen Häftlingen die Mahlzeiten einnehmen und mit ihnen Sport treiben. Noch vor Kurzem musste er sich vor dem Schlafengehen nackt ausziehen und durfte sich nur einen Kittel überstreifen. Nun erhält Amerikas wohl berühmtester Untersuchungshäftling jede Nacht eine Decke und ein Kissen.

Der Gefreite Bradley Manning, dieser 23-jährige Mann mit dem Bubengesicht, von dem jeder Barbesitzer in Amerika unverzüglich den Nachweis seiner Volljährigkeit verlangen würde, wird des Hochverrats beschuldigt. Als Mitglied einer Aufklärungseinheit in Bagdad soll er mehr als 250.000 zum Teil als geheim eingestufte Regierungs- und Armeedokumente an die Internet-Enthüllungsplattform WikiLeaks weitergeleitet haben. Im Mai 2010 wurde er verhaftet. Vergangene Woche verlegte die Armee Manning von einer Hochsicherheitszelle der Stufe 1 in eine der Stufe 2, vom Militärgefängnis Quantico in Virginia nach Fort Leavenworth in Kansas.

Gestern und heute trennen nicht nur 1800 Kilometer, dazwischen liegt auch ein gewaltiger nationaler wie internationaler Proteststurm . Überall in der Welt haben sich Solidaritätskomitees formiert, die Manning als Heroen des 21. Jahrhunderts feiern. David House, ein Computerfreund aus Boston, der ihn regelmäßig im Gefängnis besucht und ebenso jungenhafte Züge trägt, verkündet über YouTube stellvertretend für viele Manning-Anhänger: »Wenn die Beschuldigungen gegen Bradley wahr sind, ist er ein Freiheitsheld!«

Doch gegen die harschen Haftbedingungen intervenierten auch Unparteiische. Die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch, der amerikanische Bürgerrechtsverein ACLU und 250 Rechtsprofessoren amerikanischer Eliteuniversitäten. Selbst der Sprecher des US-Außenministeriums nannte die von der Armee angeordnete Isolationshaft »lächerlich, kontraproduktiv und dumm« – und stürzte über diese Bemerkung.

Als Mannings Transfer nach Fort Leavenworth ruchbar wurde, berief das Pentagon eilig eine Pressekonferenz ein. Trotzig erklärte ein Sprecher, die Verlegung sei eine reine Routinesache und habe nichts, aber auch gar nichts mit den Protesten zu tun. Doch niemand mochte diesen Beteuerungen Glauben schenken.

Der Fall Manning ist nach dem gebrochenen Versprechen, das Gefangenenlager von Guantánamo aufzulösen , das zweite Debakel für Barack Obama in Sachen Menschenrechtspolitik. Vergangene Woche störten Demonstranten eine exklusive Wahlveranstaltung des Präsidenten. Sie sangen ein Protestlied gegen die Isolationshaft und riefen: »Befreit Bradley Manning!« Sekunden später gingen die Bilder übers Internet um die Welt. Obama lächelte gequält: »Ihr singt besser als ich!«

Allerdings unterscheiden Mannings Unterstützerkomitees in ihren Protesten nicht zwischen berechtigtem Tatvorwurf und unzulässigen Haftbedingungen. Sie wollen partout nicht einsehen, dass Manning Unrecht begangen und überdies in einigen Diktaturen Oppositionelle in Gefahr gebracht hat, die sich in ihrer Not amerikanischen Gesandten anvertraut hatten und deren Identität durch den Geheimnisbruch offengelegt wurde. Deshalb ist Manning für Amnesty International auch kein »Gewissensgefangener«, für dessen Freilassung man sich einsetzen würde. »Die Diplomatie ist selbstverständlich auf Geheimnisse angewiesen«, sagt Tom Parker von Amnesty USA. »Doch selbst der größte Geheimnisverräter hat einen Anspruch auf menschenwürdige Haft – und ein faires Verfahren.«

Die Lockerung von Mannings Haftbedingungen erfolgt just zu einem Zeitpunkt, da sein mutmaßlicher Geheimnisbruch erneut Schlagzeilen macht. Anfang der Woche veröffentlichte die New York Times eine Auswertung von Regierungsdokumenten zum Haftlager Guantánamo, die aus dem Fundus jener Daten stammen, die Manning an WikiLeaks gegeben haben soll. Demnach hatten mindestens 158 der insgesamt 779 Guantánamo-Häftlinge nichts mit den Terroristen von al-Qaida zu tun . Sie waren entweder aufgrund von Verwechslungen oder wegen falscher Angaben anderer Inhaftierter in das Lager auf Kuba geraten. Die Gefangenen waren anfangs in Maschendraht-Käfigen eingesperrt, bevor Gefängnisbauten aus Beton und Stahl errichtet wurden. Heute befinden sich noch 172 Häftlinge dort, die von den US-Behörden allesamt als »high risk«, als extrem gefährlich eingestuft werden. Keinem der auf Kuba noch inhaftierten Terrorverdächtigen wird der Prozess vor einem ordentlichen US-Gericht gemacht werden. Die meisten werden entweder vor eine höchst umstrittene Militärkommission gestellt oder ohne Verfahren auf unbestimmte Zeit weggesperrt.