Noch ist kein theologischer und kirchenrechtlicher Gesichtspunkt zu erkennen, aus dem im Falle von Johannes Paul II. von dieser stehenden Regel abgewichen wurde – es sei denn, man wolle Benedikt XVI. zugutehalten, dass er immerhin den subito sancto- Rufen bei der Beisetzung seines Vorgängers widerstanden hat, also der Forderung nach einer Spontan-Heiligsprechung. Jedenfalls steckt das weitere Verfahren voller Ambivalenzen, die sich immer deutlicher aufdrängen, je mehr man darüber nachdenkt.

Es ist wiederum ein Zeichen für die ursprüngliche vatikanische Zurückhaltung, mit der Rom einer Inflationierung der Seligsprechungen entgegentreten möchte, dass ein solcher Akt nur möglich ist, wenn ein Wunder mit der Person des zu Erhebenden verbunden ist. Wunder gibt es immer wieder, aber gewiss nicht alle Tage. Diese im Verfahren eingebaute Hürde kann zu merkwürdigen Anstrengungen führen, wenn man jemanden der Seligsprechung für würdig hält, aber irgend so etwas wie ein Wunder aufbieten muss, dem nicht einmal der »Advocatus Diaboli« (der nur aus diesen Verfahren bekannte »Anwalt des Teufels«) mehr widersprechen kann.

Im Falle der Seligsprechung Johannes Pauls II. soll eine Parkinson-Patientin auf wundersame Weise vollständig genesen sein, nachdem sie zu dem im Verlauf einer Parkinson-Erkrankung verstorbenen Papst gebetet hatte. Ohne dass man nun der Frage nachgeht, ob Wunder überhaupt möglich sind, muss doch die hier zugrunde gelegte Struktur des Wunders dem durch die Aufklärung gegangenen heutigen Zeitgenossen eine starke Zumutung sein. Und dies deshalb, weil hier das Gebet der Patientin streng kausal für ihre Heilung gedacht wird (und auch das unterstellte hilfreiche Eintreten des verewigten Papstes für sie), also eine Beweiskette geschmiedet wird, die es mit jeder anderen Ursachenkette aufnehmen soll und die nicht einmal der Advokat des Satanas mit seinen scharfsinnigen Argumenten mehr sprengen kann.

Doch die eigentliche theologische Zumutung dieser Vorstellung von Wunder liegt noch auf einer ganz anderen Ebene: Weshalb soll diese eine Patientin durch päpstliche postmortale Intervention gerettet worden sein, alle anderen Parkinson-Kranken aber – auch alle anderen, die ebenso heiße Gebete gen Himmel gesandt oder direkt an den verstorbenen Papst adressiert haben – dem erschütternden Verlauf ihrer Krankheit hilflos überlassen bleiben? Eine merkwürdige katholische Gnadenwahl, der unbarmherzigen doppelten Prädestination eines Johannes Calvin durchaus ebenbürtig.

Selbst wenn die bevorstehende Würdigung Johannes Pauls II. der gefühlten Frömmigkeit angemessen erscheinen mag, dem frommen Denken legt der Vorgang so manches Opfer auf. Der Heilige in der christlichen Tradition, das war im jüdischen Denken bis weit ins Neue Testament hinein der »Zedek«, der Gerechte. Wer diese und jede andere Seligsprechung mit einem Störgefühl verfolgt, mag sich an Lukas 15,7 halten. »Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.«