Seligsprechung: Wieso gerade ein Papst?
Das Himmelreich gebührt den zurückgesetzten Menschen. Ein Einwand gegen die Seligsprechung Johannes Paul II.
Wer eigentlich ist selig zu nennen? Für Christenmenschen empfiehlt es sich, dazu die Bibel zurate zu ziehen. So liest man bei Matthäus im fünften Kapitel zu Beginn der Bergpredigt Jesu: »Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.« Im weiteren Fortgang werden die Leid Tragenden, die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die Menschen reinen Herzens und die Friedfertigen sowie jene, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, als selig gepriesen.
Was also heißt selig sein? Letzten Endes: Diesen Menschen soll das Himmelreich gehören, sie werden Gott schauen. Mit einer gewissen Pointierung lässt sich sagen: Seligpreisungen gelten den kleinen und zurückgesetzten Leuten, den Zukurzgekommenen, denen, die auf dieser Welt unter die Räder zu geraten drohen – jedenfalls nicht zuerst den Privilegierten. Und was ihnen zugesagt wird, verweist auf jene andere, hier nur im Vorschein zu erhoffende Welt. Wer aber dort wirklich selig sein wird, entscheiden nicht unsere hiesigen Instanzen, auch nicht die kirchlichen. Dies liegt außerhalb ihrer und unserer Verfügung. Erbitten, erhoffen kann man vieles – zusagen jedoch nichts.
Denn das Maximum jüdischer wie christlicher Glückseligkeit, nämlich Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen, ist in dieser Welt unerreichbar und von den Kindern dieser Welt nicht zu versprechen – es wäre nach jüdischer Frömmigkeit überdies tödlich. Sogar Moses muss sich das sagen lassen. Er fordert: »Lass mich deine Herrlichkeit sehen!« Doch das wird ihm verweigert mit dem Zusatz: »Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.«
Dies alles sollte man bedenken, wenn man am 1.Mai auf das römische Schauspiel der Seligsprechung von Johannes Paul II. blickt. So außergewöhnlich die Gestalt, so außergewöhnlich das Verfahren! Doch passt das eine zum anderen? Ganz gewiss war der Papst aus Polen eine säkulare Gestalt. So einhellig dieses Bewusstsein, so umstritten allerdings erscheint für viele, auch für manche Katholiken, das Seligsprechungsverfahren. Im Einzelnen wie im Ganzen. Eigentlich sollte ein solches Verfahren frühestens fünf Jahre nach dem Tod des zu Ehrenden eingeleitet werden können. Aber von diesem Detail abgesehen, weckt der römisch-katholische Brauch der Selig- und Heiligsprechung schon für sich genommen Einwände.
Wurden denn nicht schon ein paar Leute zu viel heiliggesprochen, die es aus heutiger Sicht kaum verdient hätten? Bernhard von Clairvaux zum Beispiel mit seinen gewalttätigen Kreuzzug-Predigten und seiner Forderung, wenn sich der Aberglaube der Slawen nicht ausrotten lasse, müsse man eben die Slawen ausrotten – wirklich ein Heiliger? Vor allem aber lassen sich gegen die Verleihung solcher Titel fundamentale theologische Bedenken geltend machen. Außerdem dürfte weder das Andenken Johannes Pauls II. noch sein ewiges Seelenheil von solchen Prädikaten abhängen, obwohl gerade er die Zahl dieser Erhebungen massiv ausgeweitet hatte.
Kurzum: Selbst wenn man nicht so streng und konsequent wie die Reformatoren urteilt (»Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll« – so steht es im Augsburger Bekenntnis von 1530), spricht doch vieles für äußerste Zurückhaltung gegenüber solchen Prädikationen. Unverkennbar wollen auch die römisch-katholischen Regularien diese Zurückhaltung absichern. Deshalb die fünfjährige Wartefrist zwischen der Einleitung eines Verfahrens zur Seligsprechung und dem Tode der betreffenden Person.





Dr Artikel wie die meisten Kommentare sind aus einer protestantischen oder kathokikenkritischer Position geschrieben. Das ist natürlich völlig legitim.
Man sollte aber eines nicht verkennen: Heiig- und Seligsprechungen sind innere Angelegenheit der katholischen Kirche, die über Theolgie weit hinausgehen - jedenfalls seit JP II, der es bestens verstanden hat, Kirche und sich selbst mit modernsen PR-Methoden zu vermarkten. Auch das ist m.E. legitim.
Er hat, und das ist das Entscheidende, einer breiten Masse der treuen Katholiken das Gefühl gegeben, ihnen nahe zu sein, mit Reisen, Heiligsprechungen und Events wie dem Weltjugendtag. Er hat somit die Kirche (wenn auch icht in ihren Inhalten) mehr modernisiert als jeder seiner Vorgänger, ist nur konsequent.
Und mit der Seligsprechung ist es ein wenig wie mit der Königshochzeit: Ein hoher Prozentsatz der Briten sagt, das interessiere sie nicht, und trotzdem wäre eeine intime Hochzeit auf Balmoral absolut undenkbar gewesen.
. . . das Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wird.
Sein Zeugnis ist beeindruckend.
Er hat sich rund um die Erde für die Freiheit und Gerechtigkeit aller Völker eingesetzt. Er hat dem Ostblock getrotzt und hat auch zu Entscheidungen gestanden, die viel Rückgrat erforderten. Er hat stets darauf geachtet, dass die katholische Kirche sich nie wieder in politische Geiselhaft begibt (und sei es auch durch eine "Befreiungstheologie").
Er hat Millionen Leidenden und Kranken gezeigt, welche Würde sie vor Gott haben und damit Millionen von Menschen Mut gemacht. Er ist in seinem ganzen Leben nie von seinen Prinzipien abgewichen.
Zur theologischen Entwicklung hat er viel beigetragen (man denke nur an die Theologie des Leibes) und hat anderen Glaubensgemeinschaften wie kaum ein anderer Papst zuvor die Hand gereicht. Man denke nur an die Gebete in Assisi oder sein Zugehen auf die Orthodoxe Kirche.
Johannes Paul II. hat wie kein anderer die Würde und die Herrlichkeit Christi gegenüber der Welt ausgedrückt.
Hat er auch Fehler gemacht? Na klar. Auf die Missbrauchsfälle hat er zu spät reagiert und gegenüber mancher rechtskonservativer Gemeinschaft hätte er strenger sein sollen. Aber auch Fehler gehören zu einem Heiligen, denn gerade dadurch wird man immer wieder daran erinnert, dass die Gnade vor Gott kein Verdienst, sondern Geschenk. Seine Verdienste werden dadurch nicht geschmälert.
Übrigens spricht die Kirche ihn nicht selig, sondern stellt nur fest, dass er es schon ist.
Leben wir im abergläubischen Mittelalter? Was soll der Quatsch mit der Ampulle des Blutes, das man wohl dem Toten abgezogen hat und nun zur Schau stellen will? "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub". Reden wir einmal in 500 Jahren darüber, was von Johanndes Paul II. in Erinnerung geblieben ist, sein wird. Aber lassen wir seinen Verehrerinnen und Verehrern ihre Freude über den nun "Seligen" - unser Respekt vor der Religionsfreiheit (Grundgesetz) gebietet es!
Dr. Helmut Uhlarz
Sehr geehrter Herr Dr. ...,
eins ist sicher, in 500 Jahren wird man bestimmt von Leuten, die es nötig haben ihren Aussagen sogar in einem Forum mit ihrem Doktortitel (falls sie diesen überhaupt besitzen) mehr Ausdruck oder Glaubwürdigkeit zu verleihen, nichts mehr hören.
Johannes Paul II war ein Katholik, falls Sie dieser nicht sind werden Sie auch nicht verstehen, dass die Seligsprechung ein Beispiel für einen Katholiken ist, wenn Sie nach diesem nicht leben möchten, haben Sie ja zum Glück die Religionsfreiheit.
Sehr geehrter Herr Dr. ...,
eins ist sicher, in 500 Jahren wird man bestimmt von Leuten, die es nötig haben ihren Aussagen sogar in einem Forum mit ihrem Doktortitel (falls sie diesen überhaupt besitzen) mehr Ausdruck oder Glaubwürdigkeit zu verleihen, nichts mehr hören.
Johannes Paul II war ein Katholik, falls Sie dieser nicht sind werden Sie auch nicht verstehen, dass die Seligsprechung ein Beispiel für einen Katholiken ist, wenn Sie nach diesem nicht leben möchten, haben Sie ja zum Glück die Religionsfreiheit.
... aber gegen den hierarchischen Organisationsgrad der Religionen, der sich dann in starren Dogmen äußert und der Verehrung von Menschen, die sich unterm Strich doch nun wirklich nicht von anderen unterscheiden.
Klar hat er in seiner Position sich für Frieden eingesetzt usw. Tja, wofür ist ein Papst auch sonst da? Rennt rum und predigt Frieden.
Und das da jetzt aus der letzten Schublade irgendeine Nonne gekramt wurde, die öffentlich lügen soll, nur damit es einen Grund gibt, ihn selig zu sprechen ist eine einzige Farce. Wie halt das ganze Papsttum eine Farce ist.
Was war an Ostern? Der Papst wäscht irgendwelchen Leuten die Füße, weil Jesus das ja auch angeblich so gemacht hat. Nun, Jesus hat freiwillig in Armut gelebt, ist unter die Menschen gegangen und mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft hat er gespeist.
Wieso macht der Papst nicht das? Wieso zieht der Papst nicht durch die Slums dieser Welt. Was macht er in seinem Palast in Rom ??
Ich hoffe nicht, dass die Religion verschwindet. Das soll jeder für sich entscheiden. Aber ich hoffe, dass bald diese idiotischen Dogmen verschwinden und damit alle Menschen, die meinen sich in einer Position zu befinden, in der sie darüber auch noch Macht haben.
Auch unter meinem Haupt gibt’s viel Versteckte,
Fest eingerammt hier in dem Felsenspalt,
Sie, die vor mir die Simonie befleckte.
Und dort hinab versink’ auch ich, sobald
Der kommt, für welchen ich dich angesehen,
Und der mir folgt in diesem Aufenthalt.
Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,
Die Füße brennend, köpflings eingesteckt,
Fest eingepfählt in diesem Loche stehen.
Denn nach ihm kommt, mit schlechterm Thun befleckt,
Ein Hirt von Westen, ein gesetzlos Wesen,
Der mich und ihn hinab zur Tiefe schreckt.
Dante, Inferno, XIX, 73-82
Ich finde es gut, dass die katholische Kirche (als Institution) von Zeit zu Zeit ganz offen zeigt, um wie viele Jahrhunderte sie der Entwicklung der Menschheit hinterherhinkt.
Dann könnnen sich verständige Menschen wieder richtig freuen, dass diese Kirche keine wirkliche Staatsmacht mehr hat, sondern nur in Restgebieten ihre bigotte Weltvorstellung pflegen kann.
Sehr geehrter Herr Dr. ...,
eins ist sicher, in 500 Jahren wird man bestimmt von Leuten, die es nötig haben ihren Aussagen sogar in einem Forum mit ihrem Doktortitel (falls sie diesen überhaupt besitzen) mehr Ausdruck oder Glaubwürdigkeit zu verleihen, nichts mehr hören.
Johannes Paul II war ein Katholik, falls Sie dieser nicht sind werden Sie auch nicht verstehen, dass die Seligsprechung ein Beispiel für einen Katholiken ist, wenn Sie nach diesem nicht leben möchten, haben Sie ja zum Glück die Religionsfreiheit.
Während des Pontifikats von Johannes Paul II. wurden diejenigen Kräfte innerhalb der katholischen Kirche gestärkt, denen Geist und Ergebnisse des 2. Vatikanischen Konzils im Widerspruch zu ihrem Gottes- und Kirchenverständnis standen. Die von Johannes XXIII. intendierte Öffnung der Kirche wurde als kircheninterner Betriebsunfall mit Bedauern zu Kenntnis genommen und alles daran gesetzt, das Rad der Kirchengeschichte wieder auf vorkonziliaren Kurs auszurichten.
Unter dem Pontifikat des polnischen Papstes kam es zu einer Flut von Rechtsentscheidungen, um vor allem diejenigen Kräfte innerhalb der Kirche zurückzudrängen, die sich auf die vom Konzil beschlossene Kirchenvorstellung einer „ecclesia semper reformanda“ beriefen. Die Tendenzen einer totalen Verrechtlichung verhindern jede geistgewirkte Erneuerung und Inspiration – zumal immer dann, wenn diese Inspirationen von „Querdenkern“, wozu besonders auch Frauen gehören, in einen theologischen Diskurs gebracht werden.
Das Kirchenrecht ist unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. nach Meinung vieler katholischer ChristenInnen zu einem Gefängnis für den Geist Gottes geworden, das vor allem den Zweck erfüllen sollte, die Zwei-Klassen-Kirche und die patriarchalen Kirchenstrukturen zu zementieren. Die Seligsprechung ist ein fatales Signal rückwärts in die vorkonziliare Vergangenheit.
Paul Haverkamp, Lingen
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