Als ob es nicht schon verzwickt genug wäre, sich für eine Käse- oder Schokoladensorte zu entscheiden! Eine Supermarktkette, Rewe, konfrontiert den Verbraucher neuerdings auch noch mit der Wahl des richtigen Einkaufskorbes.
Bisher wurde man nur vor die Wahl zwischen Wagen und tragbarem Körbchen gestellt. Nun gibt es ein drittes Beförderungsmittel: den Rollkorb. Für diese imposante Erfindung muss der Rollkoffer Pate gestanden haben. Und ähnlich ist er zu gebrauchen: Man zieht den Griff heraus und zieht das kniehohe Gefährt hinter sich her.

Ein Selbstexperiment zeigt, auf welche Weise der Einkauf vom gewählten Modell aus dem Fuhrpark des Supermarktes abhängt. Der Einkaufswagen darf als Geländewagen unter allen drei Modellen gelten. Kann man sich zwischen vier Sorten Bratenfett nicht entscheiden, landen womöglich alle im Wagen. Bei solchen Hamsterkäufen flüstert man sich gern »Man weiß ja nie« zu, und man weiß ja auch nie.

Der neue Rollkorb bietet demgegenüber nicht so viel Stauraum, hat aber Vorzüge bei waghalsigen Überholmanövern.

Wer sich noch für den Tragekorb entscheidet, darf als Flaneur im Supermarkt gelten. Man zeigt, dass man Zeit hat. Und die braucht der Flaneur dann auch, denn er muss abwägen, was er wirklich benötigt. Auch muss er ein gewisses Gefühl für die Dinge mitbringen, denn man hat nur begrenzt Platz und legt eine Milchtüte nicht auf die zarte Haut einer Tomate oder bettet das Waschpulver nicht neben das warme Brot. Darin ist der Tragekorb seinen Konkurrenten überlegen: Man kauft nur das, was man braucht.

Das neue Modell, also der Rollkorb, nimmt im gebotenen Volumen eine Zwischenstellung ein. Für kleine Leckerlis ist neben zwei Sektflaschen und Küchentüchern noch genügend Platz.

Der Rollkorb ist zudem gut zur Kontaktaufnahme geeignet. Wem der Supermarkt als ultimative Enklave der Partnersuche gilt, sollte nach ihm Ausschau halten. Das begehrte Objekt lässt sich diskret am Einkauf studieren. Gefällt einem der Mensch mit seinem Wägelchen, kann man ihm unbemerkt die Telefonnummer ins Suppengrün stecken.

Zum Rollkorb greifen allerdings oft Menschen, die ein geschäftstüchtiges Gesicht mit sich herumtragen und den Eindruck machen, als wären sie ohnehin nur auf Reisen. Mit einer bemerkenswerten Routine ziehen sie lässig den Griff heraus und steuern kerzengerade – die beiden anderen Modelle erzwingen nicht selten einen unschönen Buckel – zum Kühlregal. Der Rollkorbmensch ist ein tüchtiger und selbstbewusster Zeitgenosse, der an den Fortschritt glaubt und es eilig hat.

Weitere Nachteile sollen nicht verschwiegen werden: Wer dieses Modell hinter sich herzieht, hat nie vor Augen, was er schon alles im Korb hat. Im Selbstversuch verläuft der Einkauf chaotisch. Wohl deshalb, weil man gern zu etwas greift, das man mit lässiger Gebärde hinter sich lassen kann. Und man möchte ja so vieles hinter sich lassen.

Und noch etwas: Der Einkauf mit dem Rollkorb wirkt unentschieden. Entweder man verreist, oder man kauft ein. Seitdem es die Rollkörbe gibt, fühlt man sich im Supermarkt wie auf dem Bahnhof. Das emsige Rattern der kleinen Plastikrädchen lässt nicht nur den Porree erzittern. Es treibt auch das Reisefieber in die Höhe. Und ist man endlich an der Kasse und lässt die Sprotten, die Leberwurst und den verschreckten Porree einscannen, hört man sich schon sagen: »Einmal Rimini, bitte!«